CHRISTOPH MARIA HERBST, 24.11.2011, Theaterhaus, Stuttgart

Christoph Maria Herbst

Foto: Timo Deiner

Seit kurzem laufe ich vom Parkhaus immer hintenrum zum Theaterhaus. Da komm ich mir immer ein wenig backstage-mäßig vor, weil man am Bühneneingang vorbeikommt, immer ein paar Helfer beim Rauchen draußen stehen und man die Tourbusse sieht.

Am Donnerstag stand da ein Volvo Kombi mit Frankfurter Kennzeichen. Vielleicht hat der Christoph Maria Herbst gehört, würde irgendwie passen, dachte ich.

Der eröffnet seine Lesung mit einem Stuttgart-Witz, aber das ist man ja gewohnt. Irgendwie kommt kein Kabarettist oder anderer lustiger Vortragender drum rum, und gleichzeitig fühlt man sich als Stuttgarter dann ja auch immer ein wenig geschmeichelt, so von wegen guck, der hat sich extra nen Gag für Stuttgart ausgedacht.

Da steht jetzt also dieser Typ auf der Bühne, und ich versuche von der ersten Sekunde an, nicht an Stromberg zu denken. Natürlich. Dass vor zwei Wochen die neue Staffel angelaufen ist, macht das nicht leichter.

Ich hätte ja gedacht, dass Herbst das Thema Stromberg einfach totschweigt den ganzen Abend. Er will ja nicht auf diese eine Rolle festgelegt werden, natürlich. Aber er steigt sogar relativ flach ein, „ich habe gehört es sind ein paar Stromberg-Fans da“, äh, nö, echt?, hahaha.

Zumindest äußerlich gibt es natürlich keine Ähnlichkeit mit Stromberg, kein Bart, keine Halbglatze, kein billiger Anzug, stattdessen Bruce Willis-Glatze, Hemd und Lesebrille. Aber die Stimme bleibt.

In seinem Buch, aus dem Herbst liest, geht es – das sollte sich inzwischen rumgesprochen haben – um seine Erlebnisse beim Traumschiff-Dreh. Den hat er natürlich nicht wegen des Geldes, sondern wegen des kostenlosen Urlaubs in der Karibik gemacht. Das kann man glauben oder nicht, aber die ernstgemeinte Ankündigung, dass er seine Gage an diesem Abend komplett an die Vesperkirche in Stuttgart stiften will, lässt das doch wieder in einem anderen Licht erscheinen.

Christoph Maria Herbst

Foto: Timo Deiner

Was ich relativ schnell feststelle, und das ist wiederum keine Überraschung: Herbst ist ein guter Schauspieler, ein verdammt guter Schauspieler. Er flüstert, schreit, spuckt, rülpst und hat sichtlich Spaß dabei. Der unbestrittene Höhepunkt des Abends ist, als er eine dicke schwäbische Frau auf dem Schiff imitiert. Ganz große Schauspielkunst.

Was sich aber auch relativ bald herausstellt ist, dass er ein weniger guter Autor als Schauspieler ist. Ist ja auch nicht sein Beruf. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sich nach Jahren auf der Bühne, im Fernsehen und im Kino, wo er immer Texte anderer vorgetragen hat, und bei Stromberg auch für die wahnwitzigen Ideen von Autor Ralf Husmann Ruhm und Ehre gewonnen hat, auch mal zeigen wollte, dass er auch witzig ist.

Das gelingt leider nur stellenweise, und die Lacher sind über den Abend verteilt doch meist seiner Schauspiel- und weniger seiner Autorenkunst zuzuschreiben. Man merkt Herbst zwar an, dass er großen Spaß am sorgfältigen und pointierten Ausformulieren langer und verschachtelter Sätze hatte, aber gerade die Pointe hält dann oft nicht das, was der Anlauf versprochen hat.

Man hätte sich die ein oder andere Überraschung oder überraschende Wende in der Geschichte gewünscht, so wie der absurde Traum im Hotelzimmer, der erst spät als solcher erkannt wird, oder die ein oder andere Absurdität, wie den kleinen Wolfgang Rademann mit Plastiktüte in der Hand, den der große Wolfgang Rademann aus seiner Plastiktüte zieht.

Etwas erschreckend ist es immer dann am lustigsten, wenn sich der Text in dem seichten Wasser bewegt, auf dem auch Stromberg schippert: Bei frauen- schwulen- oder ausländerfreundlichen Kalauern. Auf kleiner Niveauflamme lacht es sich halt doch noch am besten.

Natürlich ist es trotzdem ein überaus unterhaltsamer Abend, auch wenn ich mir das Buch wahrscheinlich nicht kaufen werde. Aber Herbst wieder auf der Bühne anschauen, das möchte ich auf jeden Fall.

Der Abend endet denn auch nicht mit einem großen Lacher und ohne Zugabe, sondern mit der Episode eines auf dem Traumschiff mitfahrenden Metzgers aus der Eifel, der doch auch so gern auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stehen möchte, und der ernst gemeinten Dankbarkeit von Herbst, dass ihm dieses Glück vergönnt ist.

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