SUSANNE SUNDFØR, 15.11.2011, Theaterhaus, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Wie immer wenn man ein Konzert besuchen wird, bei dem man nicht die gesamte Bandgeschichte aus der Fanperspektive vorwärts und rückwärts kennt, schaut man sich als braver Gig-Blog-Korrespondent vorher ein bisschen im Netz um, was einen erwarten könnte. Von Susanne Sundfør gibt’s schon einiges, aber so manches macht auch richtig Angst, dass man heute Abend auf dem falschen Konzert sein könnte. Der biographische Text auf Ihrer Homepage beginnt folgendermaßen:

Haugesund, an idyllic small town by the Norwegian west coast in the mid-nineties. Susanne Sundfør likes growing up here. The astute ten year old’s favorite hangout is the library, for she loves to immerse herself in books. She also enjoys the cinema, and withdrawing to her parents little cabin with her dad’s tapes of a-ha and Cat Stevens. Susanne is having piano lessons as well. Proudly she presented her first composition to her teacher. “She told me to learn the piano properly first.“

Au weia! Ein klaviergelehrtes, belesenes norwegisches Landei wird uns da also heute Abend ihre Songs vorspielen. Als ich weiter unten noch lesen darf, dass sie auch einen riesig wichtigen norwegischen von a-ha gestifteten Norwegen-sucht-den-Superstar Wettbewerb (das kürzt man bestimmt NSDS ab) gewonnen hat, wird’s auf einmal draußen vor der Tür ganz arg kalt und dann spielt ja heute noch Deutschland, oh jeh….

Weiterlesen auf der Homepage stimmt mich nicht gerade optimistischer, denn da steht grauenhaftes Zeug, hier nur eine kleine Auswahl:

Elfenmusik zwischen Stimmungshit und Kirchenschiff. (Rolling Stone, 06/2011)

‚The Brothel‘ ist das neue klangliche Wunderwerk aus Skandinavien: ein Wetterleuchten, das Feen und Fabelwesen genauso für einen Moment aus der Dunkelheit ins Licht rückt wie die musikalische Grandezza von Kate Bush und Joni Mitchell. (FAZ, 12. 05. 2011)

Und mein absoluter Favorit obendrauf:

Wer Susanne Sundfør vor wenigen Tagen in München gesehen hat, den hat es umgehauen: Durch ein Schlagzeug untermauerte 80er-Jahre-Industrialklänge brauten sich da auf der Bühne mit Streichern und Bläsern aus der Konserve zu einem musikalischen Cocktail zusammen, der so fremd und interessant schien wie Angela Merkel in der „Let’s Dance“-Jury. (Focus online)

Bei Sängerinnen von der nördlichen Nordhalbkugel noch immer diese Elfenvergleiche auszupacken, sollte mit eine Woche Dauerbeschallung durch das neue Björk-Opus bestraft werden. Merkel und Pop, nein, da sehe ich keinen Zusammenhang. Aber man driftet beim Internetrecherchieren ganz schön ab und als ich dann bei Wikipedia gelandet bin, wo die Dame Gottseidank noch keinen Eintrag hat, studiere ich interessiert den Artikel, der mir erklärt, das das ‚ø‘ in Ihrem Nachnamen ein eigenständiger Buchstabe ist, den nur die Nordlichter ganz weit da oben haben, also was ganz anderes als unser ‚ö‘. Das ist ein Umlaut und besteht aus ‚o‘ und ‚e‘ ist also ein ganz unselbständiges Schriftzeichen, was nie in den Stand eines eigenständigen Buchstaben gelangt ist. Armes Ding mein ‚ö‘ und dieses ‚ø‘ – warum haben wir das eigentlich nicht, schaut doch super aus. Das muss vielleicht doch kein schlechtes Konzert werden, die Dame hat ein stolzes ‚ø‘ im Nachnamen und mit „The Brothel“ eine gute Single im Handgepäck, mehr kenne ich von ihr nicht und bin nun ganz arg gespannt. Schnellknipser Autofokus-Andi wartet im Theaterhaus, gleich fährt der gelbe Blitz vor, Kragen hochklappen und raus in die Kälte. Das Ding gegen die Herrn in Orange geht auch ohne mich gut aus und ist ja sowieso nur so ein unnötiges Freundschaftsspiel und Manu wird im Tor stehen und sie kehren ja auch wieder brav zur Viererkette zurück. Kann ich wenigstens nur innigst hoffen!

Ich verrate jetzt schon alles und lass hier die ganze Luft aus dem Ballon, schon die Vorband hat sich gelohnt. Hello Piedpiper ist ein Singer/Songwriter aus Köln, der das altbewährte Modell „Gebt dem Mann eine Gitarre und lasst ihn dann viele gute Lieder singen“ angenehmst erweitert, indem er vor zwei Mikrofonen steht und mit irgendwelchen Fußpedaldingern hübsche kleine Loops, Echoeffekte, Stimmverdoppelungen und all so was hinzufügt. Es geht um Krieg, Menschen, die ertrinken und keiner merkt’s und die Liebe – all das große Ganze eben. So eine Dreiviertelstunde lässt Dich ganz leicht vergessen, dass es draussen bitterkalt ist. Uns allen wird im kleinsten Räumchen am Pragsattel richtig war um’s Herz. Hoffentlich sagt es mir jemand, wenn der Mann wieder in der Stadt ist, ich bin ab heute Fan!

Nach einer kleinen Umbaupause spielt Susanne Sundfør. Morten Harket und der Rest der Truppe investieren ihr Geld wesentlich besser als Dieter Bohlen, für die Anschubfinanzierung dieser Musikerkarriere muss man sie beglückwünschen. Ganz schüchtern steht sie hinter ihrem Keyboard und diesen kleinen Kästchen mit den vielen Knöpfen und singt ganz wunderbar. Im Gegensatz zum Vorspieler sind die Songstrukturen bei ihr eher frei. Refrains muss man mit der Lupe suchen und es wird klanglich deutlich elektronischer. Der Gesang ist manchmal große exaltierte Popdivenoper, die Performance hingegen minimal, schon beim Ansagen der Songtitel hat man Angst, dass sie sich gleich in ein Mauseloch verkrümelt. Vergleichbare Sängerinnen wären vielleicht Kate Bush und Agnes Obel und Dillon, um noch zwei weitere zeitgenössische singende Poppianistinnen zu erwähnen. Ein bisschen Pose ist die Nummer vom scheuen Rührmichnichtan aber natürlich auch. Ich kringel mich zwischendurch ziemlich auf meinem Klappstuhl, denn als Bilderschütze Andi seine unglaublich laute Spiegelreflex auslöst, da funkelt ihn das scheue Reh ganz gefährlich an. Wenn Blicke töten könnten, dann gäbe es zu diesem Text keine Bilder. Als letztes Stück gibt’s den Hit „Brothel“ und das Publikum seufzt ganz glücklich. Eine Zugabe können wir uns noch erklatschen und dann ist auch die zweite wunderschöne Viertelstunde schon vorbei.

Was haben wir gelernt? Man sollte keine Kritiken lesen und als Musikfreund sein Geld nicht für Gedrucktes, sondern für Konzerte und Tonträger ausgeben. Auch online sollte man seine Zeit nicht mit diesem Geschreibsel vergeuden. Hören statt Lesen! Aber die, die das jetzt bis hier unten durchgelesen haben sind sowieso verloren… Das ist doch Eulen nach Athen tragen!

Bis zum nächsten Mal!

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Foto: Andreas Meinhardt

5 Gedanken zu „SUSANNE SUNDFØR, 15.11.2011, Theaterhaus, Stuttgart

  • 16. November 2011 um 09:53
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    fette Zustimmung für den Elfenvergleich, wollte ich selber irgendwann mal loswerden.

  • 16. November 2011 um 10:19
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    dann war ich halt dieses Mal schneller. Grüße!

  • 16. November 2011 um 12:02
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    Getötet hat mich der Blick zum Glück nicht. Aber, dass es unscharf geworden ist, dazu hats gereicht. Hät Euch das Bildchen sonst nicht vorenthalten…uups. Man hätte bei diesem Konzert aber auch eine Stecknadel fallen hören ;)

  • 16. November 2011 um 14:12
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    „Man sollte keine Kritiken lesen…“ Hab’s doch getan (stand ja auch tückischerweise erst ganz am Ende, diese Warnung), und: ich bin begeistert!

  • 16. November 2011 um 14:14
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    Nächstes Mal schreib‘ ich die Warnung oben drüber! Dankeschön für die geäußerte Begeisterung! Grüße!

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