APPARAT, WARREN SUICIDE, 10.11.2011, Wagenhallen, Stuttgart
Glückliches Ende
Glücklich, ja geradezu euphorisiert steht Sascha Ring alias Apparat nach dem Konzert am Merchandisingstand im Foyer der Wagenhallen und plaudert mit uns, den Besuchern seines ersten Konzerts in Stuttgart: „Wenn man zum ersten Mal in einer neuen Stadt spielt, weiß man ja eigentlich nie, ob da auch wirklich Leute auflaufen…“ 600 kamen. Und gehen genauso euphorisiert nach Hause. Zumindest ich.
Grundsteinlegung
Klangwandmaurer Warren Suicide schalen das Fundament für Apparat. Das Künstlerduo Cherie (Gesang) und Nackt (Keyboard) aus Luxemburg und Dänemark – oder andersrum – leben in Berlin und betreiben dort das Studio und Atelier Chez Cherie. Ihr neues Album nennt sich „World Warren III“. Live sind zu viert am Start, mit Violine und Cello und produzieren dichten, repetetiven Sound, der mich aber nicht so wirklich erreicht. Ich frage die nächste Person rechts von mir, was sie davon hält. Volltreffer, eine aussagefreudige Expertin: Tina, Indiepop-Konzert-Queen und Grundschullehrerin meint lakonisch zu Warren Suicide: “Ich bin ja musikalisch breit aufgestellt, aber das geht mir am Arsch vorbei. Die haben ihre Melodien gut versteckt… in all dem Stressgewirr“. Wow, schnörkellose Worte, klar in der Aussage, mehr davon in Kultur, Politik und Wirtschaft.
Vom Synthesizer zum Analyzer
Apparat, der in Berlin lebende Elektronik-Musiker und DJ Sascha Ring, beginnt Anfang der Nullerjahre stimmungsvolle Clicks & Cuts (= Frickelelektro) zu produzieren. Sein erstes Album heisst „Multifunktionsebene“ und erscheint 2001. Zum ersten Mal traut er sich 2006 bei einem Song auf der Ellen-Allien-Platte „Orchestra of Bubbles“ zum Gesangsmikro zu greifen, und es funktioniert. Mit Modeselektor wird überaus erfolgreich die gemeinsame Formation Moderat projektiert. Alles rein synthetische Musik. Mit „The Devil´s Walk“ entwickelt sich Apparat vor allem live weiter. Apparat hat die synthetische Musik für die konzertale Umsetzung zerlegt – analysiert – und in natürliche Instrumente überführt. Das stimmt zwar nicht so ganz, live werden auch Synthies eingesetzt, aber lassen wir das mal so stehen, weil sich daraus für die musikalische Einordnung spannende Effekte ergeben…
Live
Um kurz nach zehn betritt Apparat die Bühne. Aus Apparat/Sascha Ring ist eine Band geworden. Er steht als Bandleader mit seiner Gitarre und zwei Gesangsmikrofonen ganz vorne, die zwei Keyboarder/Synthesizerbediener und der Schlagzeuger sitzen. Genug Haze und blauweiße Strahler von hinten sorgen für die angemessen-reduzierte Visualisierung. Songs vom neuen Album „The Devil´s Walk“ dominieren. Auf Platte ist das ruhiger, sphärischer Elektropop. Für die Live-Umsetzung lässt Sascha Ring seine Gitarre flirren, er konstruiert auf Warren Suicides Fundament Gitarrenwände, das erinnert an Shoegaze, die aufgebrochenen Songstrukturen wirken fast schon postrockig in einer Spielart, wie sie Mono aus Japan darbringt (auch wenn Monos E-Gitarren ungleich heftiger durchbrechen, keine Frage). Auch gesanglich beeindruckt Rings Mittel- und Kopfstimme, nicht unbedingt erwartbar bei einem (ehemaligen) Soundtüftler. Auch der hochverehrte Szene-Hit „Rusty Nails“ vom letzten Moderat-Album wird gespielt, der im Kontext mit den live umgesetzten „Devil“-Songs meines Erachtens aber nicht so gut funktioniert, das Ausgangsmaterial lebt vielleicht zu sehr vom synthetischen Sound.
Setzt man elektronische, sequentielle Musik mit klassischen Instrumenten um, kommt man bei Minimal Music wieder heraus. Ein paar Songs werden von den Streichern, die bei Warren Suicide schon strichen, aufgewertet und erzeugen im Spiel mit der Band beispielsweise bei „The Soft Voices Die“ Musik, die von Minimal-Music-Komponist Michael Nyman stammen könnten. Nyman wurde bekannt für seine Soundtracks zu den Peter-Greenaway-Filmen und dem Film „Das Piano“. Der instrumentale Apparat-Track „A Bang In The Void“ erscheint als Weiterführung Steve Reichs „Music For 18 Musicians“, ein Meilenstein der Musikgeschichte von 1974. Für die Zugabenrunde wird ein schnellerer, monotoner Bass und Beat angeschlagen – und wir landen im Can-artigen Krautrock (an dieser Stelle zitiere ich aus Tox´ letzten Mogwai-Blog: „Leute, hört (mehr) Krautrock“ – recht hat er). Eine perfekte, geradezu logische Weiterführung. Das alles klingt nicht so, als hätte Apparat das so intendiert, sondern vielmehr als wäre das Ergebnis zufällig bis zwangsläufig so. Letztlich ist das aber auch egal, weil:
Was nicht egal ist
Diese dynamische und zugleich sphärische, in sich selbst ruhende und sich selbst genügende Musik klingt ganz wundervoll, man möchte gar nicht, dass es aufhört… Glücklich, ja geradezu euphorisiert verlassen die Besucher nach eindreiviertel Stunden die Wagenhallen und treffen im Foyer auf einen glücklichen, ja geradezu euphorisieren Sascha Ring alias Apparat…
Schöner Text. Die Platte heißt „The Devil’s Walk“ ;)
Uff, peinlich, was für ein Teufel hat mich denn da geritten. Danke. Hab´s geändert.
Kudos Kollege und danke. Ich war/bin ja leider krank. Wir sollten mal zusammen auf ein Krautrock-Konzert gehen. Leider sind die vom Aussterben bedroht.
Gute Berichterstattung: Sieht optisch gut aus, klingt verbal gut und zwingt mich dazu, mal abzuchecken, ob der Apparat auch akustisch gut klingt.
Der bestinformierte Krautrock-Fan, den ich je getroffen habe, wohn in Peru. Der meinte schon, dass wir nicht zu schätzen wissen, was wir haben. Nicht alle, sage ich mal …
Klasse Bildchen. Gut gemacht der Herr Fotograf ;)
@ Tox: Yep. Aber wiewowann?
@ Claus: Was gilt die Kunst im eigenen Land…
@ Abwesender Technoexperte: Danke für die Unterstützung bei der Aufarbeitung Apparats Werdegang. Schade, dass Du nicht kommen konntest.
Man dankt, man dankt!
Perfekt! Einfach nur perfekt.
Danke für das Lesevergnügen!
Einmal „lautes Händerreiben“ für dich, bertramprimus;)