GUSGUS, 08.10.2011, Zapata, Stuttgart

Gus_Gus

Foto: Steffen Schmid

Ruhig fließt das Gletscherwasser des Jökulsá á Fjöllum über das isländische Hochland. Und stürzt jäh in die Tiefe. Am Selfoss, dem ersten der drei Wasserfälle auf dem Weg in den arktischen Ozean. Der folgende, gewaltige Dettifoss wartet schon…

„Selfoss“ heißt der instrumentale Opener des neuen Albums „Arabian Horse“, und mit diesem Track reißen uns GusGus heute Abend genauso unvermittelt in die Gefühlsfluten ihrer Show: um viertel vor neun wird das Licht gedimmt, geschätzte 300 Gesichter verdutzen (im Aktiv habe das noch nie benutzt) und los geht´s. Reichlich ungewöhnlich, wo anders würde vor zwei Uhr nachts und drei einpeitschenden LaptopJockeys kein Technoact starten. Aber woanders ist nicht im Zapata und GusGus vielmehr als eine gewöhnliche Elektroformation.

GusGus‚ Geschichte wurde so oft erzählt wie die altisländische Göttersaga Edda. Mitte der neunziger Jahre wurde mit elf Mitgliedern begonnen. Zeitweise war sogar Emiliana Torini mit dabei, die immerhin den schönsten und düstersten der drei Herr-der-Ringe-Songs singen durfte, „Gollum´s Song„. Nach Umbesetzungen, Stilbrüchen und Labelwechsel sind sie 2009 mit dem vorletzten Album „24-7“ auf Kompakt gelandet. Ein Statement, wissen heute Abend anwesende Technoexperten.

Die Bühne ist vernebelt, bewegtes Licht von hinten streift eher zufällig die beiden zentral stehenden Schräubchendreher Stephan Stephensen aka President Bongo und Birgir Biggi Veira Þórarinsson, die linke und rechte Hälfte des elektronischen Gehirns der Isländer. Schmelzwasserkalte Synthie-Flächen und dezenter Beat. Aber frieren muss heute Abend niemand. Nach und nach schleichen sich die Sänger, Daníel Ágúst Haraldsson (Gründungsmitglied und seit Kompakt wieder fest dabei), Urður “Earth” Hákonardóttir und ein blonder Langhaar-Vollbart-Wikinger auf die Bühne und bringen mit ihrem Soul Wärme in den Gletscherfluss. Mit „Within Me“ vom neuen Album setzen GusGus gleich am Anfang einen Höhepunkt, oder – um im Bild zu bleiben – der Wasserfall Dettifoss reißt das Publikum mit… GusGus‘ Kunstgriff: vollsynthetischer Sound und drei Stimmen. Sie bringen Techno und Gesang so gut zusammen wie kein anderer Act. Pathetisch gesagt: GusGus geben Techno Seele. Zu Hause auf Platte klingt das manchmal nah an Großraumdiscomusik, live ist es überwältigend.

Die  spärliche Inszenierung tut ihr übriges: Stephan Stephensen erzeugt auf seinen Döpfner-Synthesizer einen eiskristallklaren Sound. Modulationen, Frequenzverschiebungen und Resonanzfilterveränderungen werden so präzise geschraubt, als würden Instrumente eines mikrochirurgischen Eingriffs bedient werden. Absolute Sicherheit. „Changes Come“ werden getragen von kaskadenartigen Acid-Sounds in Zeitlupe. Von hinten in schneeweißes Licht getaucht, erscheint Stephensen, auch mit blondem Bart und langem Haar, wie ein Kriegergeist im Mondlicht. Walhalla im Zapata.

Gegen alle Regeln der Clubmusik wird hier ein echtes Konzert veranstaltet. Die einzelnen Songs gehen nicht ineinander über, es wird live gespielt. Mal singt Earth einen Song, mal der blonde Wikinger, mal Daníel, mal alle zusammen. Daníel bedient dabei ein am Bühnenrand stehendes Controllpad, um seine Lautstärke, seinen Hall und sein Echo selbst auf jeden Track einstellen zu können. Übrigens vertrat er 1989 Island beim Eurovision Song Contest , er landete mit Null Punkten auf dem 22. und damit letzten Platz. Aber das nur nebenbei.

Mit „Moss“, „Over“ und dem Dancefloor-Track „David“ spülen uns die Isländer nach knapp 90 Minuten in den Nordatlantik, und es ist uns ganz warm ums Herz. GusGus verstehen sich als Band: sie verabschieden sich zusammen in Reihe stehend mit einer großen Verbeugung, wie im Theater. Yndislegt!

Für Neugierige: hier der GusGus-Auftritt zur Eröffnung Reykjaviks neuer Konzerthalle Harpa, in welcher in ein paar Tagen Björk ihr neues Projekt Biophilia vorstellen wird. Kulturangebot einer 120.000-Einwohnerstadt.

Gus_Gus

Foto: Steffen Schmid

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