KLANGBAD FESTIVAL Tag 1, 05. – 07.08.2011, Scheer

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Foto: Udo Eberl

Zunächst der stille Fluch: Wann endlich darf ich in diesem Jahr ein Open Air ohne Regengüsse und Matschebatsche erleben? Bereits der Weg übers Land von Ulm nach Scheer, mal näher, mal weiter von der Donau entfernt, lässt die Stimmungskurve fast so rapide sinken wie die der internationalen Börsen. Je näher an Scheer, desto heftiger der Regen, Freitagsfahrer blockieren die Straße, bereits jetzt weiß ich, dass ich beim Klangbad Festival 2011 Audiac verpassen werde. Okay, Christy & Emily samt Band konnte ich verschmerzen. Schließlich zählen die Girls aus New York City mit ihrem „Urban Folk“ zu den Stammgästen in Scheer und machen sich ja auch sonst live nicht gerade rar. In Scheer angekommen höre ich noch die letzten Klänge aus dem völlig überfüllten Zelt, das sonst eher für mittelgroße Bierfeste genutzt wird und wie all die Jahre mit einer Sofalandschaft vollgestellt ist. Hier darf gechillt werden, und bei den melancholischen Songs der beiden Audiacs Niklas David und Alexander Wiemer war das wohl auch der Fall.

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Foto: Udo Eberl

Im Zelt tritt nun Gudrun Gut auf. Für Künstler immer ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber beim Klangbad sehr häufig der Fall: Der Soundcheck findet vor Publikum statt, und in diesem Fall ist der Klangraum brechend voll. Jedes Fleckchen, an dem man nicht nass wird, ist in den Abendstunden gefragt. Vielleicht bleibt’s auch aus diesem Grund so lange voll, als Gudrun Gut, die in Scheer nur als Gudrun Befriedigend durchgehen kann, loslegt. Auch wenn bei diesem Festival oft mit schneller Nadel gestrickt werden muss, von der Perfektion ist die nette Lady unglaublich weit entfernt.
Gudrun Bredemann , die bereits vor gut 30 Jahren mit der Performanceband „DIN A Testbild“ und als Mitbegründerin der Einstürzenden Bauten oder der Band Malaria! für Furore sorgen konnte, hat von diesem Legendentum als Laptop-Solistin nicht viel in die Gegenwart herüberretten können. Wenn Sie in ihren elektronischen Kosmos Rock und Blues von Canned Heat oder Grand Funk einführte dann klang das eher nach flüchtigen Computerskizzen eines Moby, die dieser allerdings wohl wieder verwerfen würde. Zudem wirkten die Filme und grafischen Streifen, die im Hintergrund abliefen, wenig ambitioniert. Irgendwo zwischen House, Ambient und E-Experiment ging’s durch den „Blätterwald“.

Zu den Klängen des mit Antye Greie produzierten Albums „Baustelle“ näherte sie sich der Sinnlichkeit der Mischmaschine und des Betongießens an, rhythmischer, bewegter, bewegender. „Wir wollen tanzen“, rief eine Dame aus der Sofalandschaft. Und Frau Gut servierte die Überbleibsel eines Monika-Abends in Polen, der im Wodkarausch endete. Gute Momente, aber nicht gut genug, um nach 50 Minuten nicht doch lieber den Regenguss vorzuziehen. Im Regen traf ich Programm-Macher und Initiator Hans Jochen Irmler, vielen als Tastateur von „Faust“ bekannt, der mit Sandalen durch die Pfützen lief und eine knappe Zwischenbilanz zog. „Stimmung gut, Füße nass“.

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Foto: Udo Eberl

Das Klangbadfestival bot dann dem Komponisten und Hörspielmacher Felix Kubin eine große Bühne. In kompakten und verzwickten Computerwerken, die von Sounds des Analog-Synthies unterstützt wurden, beschäftigte er sich mit Kopernikus oder dem Atomium und wünschte sich „Geh raus aus meinem Traum, Donald Duck“. Tja, im Hotel Super Nova ging’s lustig, verkopft und mit spitzen Texten zur Sache. Kaum hatte der Mann, der einst mit „Die Egozentrischen 2“ erste Gehversuche im Musikbusiness unternahm, die Ansage „Die Feuchtigkeit folgt mir seit drei Monaten überall hin“ gemacht, hörte so langsam auch das Tröpfeln auf. Und Kubins Sound? Der Nachhall der Neuen Deutsche Welle inklusive DAF war da bisweilen zu hören, Eisler wurde benutzt und interpretiert, kurze Anspielungen, musikalische Gimmicks, der Musiker als Dirigent und Showmann – Kubin hatte den elektronischen Bogen raus. Er blies zum großen „Lausangriff“ mit einem Kunstfilm von Martha Colburn im Rücken, erkannte „Ihr seid nicht wirklich hier“, war den Würmern auf der Spur, widmete die Trilogie „Idiotenmusik“ seinen alten Klassenkameraden und bot mit „Bandits One Five“ gar eine Coverversion der „Swell Maps“. Pop pur und mit Kubins einzigem kommerziellen Hit „There is a Garden“ wurde es sogar romantisch. Mit Klaus Nomis Hit „Lightning Strikes“ drückte Kubin noch mehr auf die Tube. Großer Beifall, doch eine Zugabe war zeitlich bedingt leider nicht mehr drin.

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Foto: Udo Eberl

Höhepunkt des Abends wurde allerdings der Auftritt von Red Snapper. Die Briten, einst als Erneuerer des Jazz gefeiert, packten im Quartettformat sofort energetisch an. Soll heißen, mit reichlich Groove und Beats, die man eher dem Pop und Rock als dem Jazz zuordnen würde. Bisweilen klang das wie eine Rockabilly-Band nach einer Gehirnwäsche. Nach sieben Jahren kehrten sie wieder zurück auf eine deutsche Bühne. Gut so, denn inzwischen haben zwar längst auch andere Musiker dem Crossover von Jazz und Pop ganz individuelle Seiten abgewonnen, doch Red Snapper leben ihren Sound. Sie schütten Adrenalin aus, berauschen sich selbst am kollektiven Sound, der niemals langatmige Soli in den Mittelpunkt stellt, sondern die Power der Band. Dank diverser Effekte und Laptops war der Sound stets variabel. Drummer Richard Thair trieb die Truppe mit reichlich Verve an, Bassist Ali Friend gab nicht nur am Tieftöner den Ton an, sondern auch als Sänger und Shouter, und Gitarrist David Ayers weitete den psychedelischen Raum. Dazu gab’s jede Menge Sax-Power. Alte Schule, neue Sounds – nicht alles wurde da zwischen TripHop, Progressive und Jazz neu erfunden, aber mit Biss wurde es immer gespielt. Ein guter Einstieg in die Sternennacht, in der DJ Fett und die Bleepgeeks-Crew bis in die Morgenstunden für Tanzbares sorgten.

Ach ja – Tag 2 begann mit Sonnenschein. Sonnenbad beim Klangbad.

2 Gedanken zu „KLANGBAD FESTIVAL Tag 1, 05. – 07.08.2011, Scheer

  • 8. August 2011 um 13:04
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    Kenntnisreich und interessant, vielen Dank! Dass Red Snapper noch am Start sind… verrückt!

    Ich nehme an, die Fotos im Fliestext gehören jeweils zu den Acts. So weiss ich also nun endlich, wie Felix Kubin aussieht.

    Und: Wunderbar, jetzt haben wir sogar Klaus Nomi aufm Blog erwähnt, wenn auch nur als Verweis.

  • 9. August 2011 um 22:16
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    Ach ja, der/die/das Klangbadfestival. Für mich, wenn übertrieben, ddd zweitbeste Festival im europäischen Gebiet. Nicht unbedingt wegen der musikalischen Darbietung, sondern wegen des Drumherums. Sehr locker, keine ständigen Kontrollen, ausgewogene Ernährung, was ja bei Fests der Kohle wegen vernachlässigt wird; die Möglichkeit, sich von einem Bill-Murray-Lookalike vom Bahnhof chauffieren zu lassen … Vielen Dank an das Orgateam. Vielleicht kommt man ja doch wieder.

    Die Gudrun war allerdings Schlecht, die Fuchs war schlau mit ihren Adlibs, die roten Fischen waren lecker, Wire für immer meine Favs; schade nur, dass ich mein 1 2 x u Shirt am Sonntag wegen milder Temp nicht zur Geltung bringen konnte. Für mich die Entdeckung des Wochendendes war durchaus DJ Marcelle. Ich war von ihr fasziniert.

    Nochmal thanks to the people behind the festival. More power!

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