NEUROSIS, UFOMAMMUT, 30.07.2011, LKA, Stuttgart

Neurosis, 30.07.2011, LKA, Stuttgart

Foto: Sue Real

Selbst zwischen all den Klagen über den zu kalten Sommer dieses Jahres ist der plötzliche, wenn auch nur akustische Wintereinbruch, welchen das LKA am Samstag erlebt, überraschend – zumal für mich, der ich mit dem neurotischen Hauptakt nicht allzu vertraut bin. Doch der Reihe nach.

Ufomammut, 30.07.2011, LKA, Stuttgart

Foto: Sue Real

Den Abend eröffnen die Piemonteser Ufomammut mit einer grob geschrotenen Ladung psychedelisch angehauchten Sludges. Sie spielen ellenlange vielteilige Stücke, deren tragendes Instrument häufig der Bass von Urlo ist. Er gibt der Musik ihren über weite Strecken stark rhythmischen Charakter. Und Vita hämmert jede Note mit seinem langsamen Schlagzeugspiel derart in den Boden, dass man tatsächlich an den Fußfall eines Mammuts denken muss. Entscheidend für den Gesamteindruck ist aber weniger diese drückende Schwere, sondern der Klang, in welchen Sie gekleidet ist: Der Viersaiter ist derart stark verzerrt, dass man den Eindruck gewinnt, sein Sound würde in faustgroße Klumpen zerfallen.

Das wird, wie spätere Diskussionen mit der großen Zahl mir bekannter Konzertbesucher zeigt, vielfach als Problem angesehen. „Zu dumpf, zu matschig“, sei der Bass gewesen. Es ist auch richtig, dass er der Gitarre und den irritierenden psychedelischen Elektroniksounds von Poia wenig klanglichen Raum lässt. Im Gegensatz zu den Alben stampft der Großsäuger live zu undifferenziert über uns hinweg. Selbstverständlich gibt es auch in den Studioaufnahmen Passagen, welche einen solchen Drone-artigen Charakter haben. Man kennt so etwas auch von Bands wie Black Shape of Nexus, die ihren Gitarrensound durch Runterstimmen und den Einsatz von Subwoofern in den Frequenzbereich des Rhythmusinstrumentes Bass bringen, oder von Bunkur, die gleich mit zwei Bässen aber ohne Gitarre auftreten. Auf den Ufomammut-Platten indes bieten Gitarre und Elektronik eben zusätzlich eine ganze Menge Soundtüfteleien, welche die Band so interessant machen und die heute zu kurz kommen. Dabei sieht man Poia während des Konzertes mit mehreren mit umfangreichen Schemata beschrifteten A3 Seiten hantieren, die offenbar eine Art Partitur darstellen. Assoziationen zu Karlheinz Stockhausen liegen nahe.

Klanglich sind Ufomammut also eigentlich Tüftler, selbst wenn sie live mehr auf die wuchtige Sludge-Komponente ihrer Musik vertrauten. Diese Tüftelei erstreckt sich allerdings auch auf die Optik. Wie bei Neurosis später laufen während des gesamten Auftritts auf der Rückwand der Bühne verfremdete Filme und Bildkollagen ab. Man sieht stilisierte nackte Leiber, die sich in Flammen und Lava winden, sodass man an Darstellungen des Jüngesten Gerichts oder mehr noch an Luzifers Schätze denken muss. Später werden bewegte Bildstrukturen wie durch ein Kaleidoskop projiziert. Das Optische liegt bei Ufomammut allerdings auch nahe, denn zwei der Musiker, Poia und Urlo, gehören zu der Künstlergruppe Malleus, welche vom Jugendstil beeinflusste Plakatkunst erschafft und schon wiederholt offizielle Serien für das Roadburn gestaltet hat.

Neurosis, 30.07.2011, LKA, Stuttgart

Foto: Sue Real

Und dann also Neurosis. Vielleicht ist es ja der schieren Masse selbst nur der guten Plattenveröffentlichungen zu schulden, dass ich der Band bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt habe, obwohl ich irgendwie den Verdacht hatte, dass es sich lohnen könnte. Es ist nicht das erste Mal, dass ich an etwas Gefallen finde, was ich auch schon früher für mich hätte entdecken können. Ich hoffe mal, das geht nicht nur mir so. Einigen der Die hard-Fans in meiner Begleitung war es jedenfalls völlig unverständlich, wieso ich noch nicht mal ein Konzert von der Band gesehen habe, schließlich haben sie ja auf dem Roadburn gespielt. Und selbst da habe ich sie missachtet und mir zeitgleich etwas anderes angesehen. „Das ist jetzt mein achtes Neurosis-Konzert.“ – „Ich hab‘ die schon 13 Mal gesehen.“ –„Ich werd‘ nie vergessen, wie ich sie das erste Mal sah. Ich bin gespannt, was Du nachher sagst“, heißt es da. „Und?“ Also, schau’n wir mal:

Nach einer umfangreichen Umbaupause kommt Keyboarder Noah Landis auf die noch dunkle Bühne, stellt sich vorne an den Rand und reißt einfach beide Arme hoch, womit er scheinbar den Power-Schalter des Publikums getroffen hat, denn lauter Jubel ist die sofortige Reaktion. Das erste Stück beginnt er daraufhin mit elektronischen Störgeräuschen in der Art aufeinander reibender Glasscherben. Nachdem sich das vielleicht zwanzig, dreißig Sekunden hingezogen hat, gibt Jason Roeder am Schlagzeug den Einsatz und Dave Edwardson greift in seine vier, Scott Kelly sowie Steve von Till in ihre jeweils sechs Saiten. Die beiden Gitarristen brüllen zugleich „Rise“, das erste Wort der Lyrics. Doch was sich dort erhebt, ist weniger der „Locust Star“, so der Titel des Stücks, sondern eine Art apokalyptische Kaltfront, die einem durch und durch geht. Noah hämmert mit seinen Fäusten auf digitale Schlagzeug-Pads, welche er oben an seinem Keyboard-Ständer angebracht hat; die Gitarren klingen kalt und scharf wie ein Schneesturm, sind aber dennoch dicht und dräuend; die Texte aber werden aus vollem Leibe geschrien und klingen gleich nach Vereinzelung, Verheerung und Verzweiflung.

Das sind auch die Themen, um welche sie sich drehen und mit denen wir uns das Konzert über konfrontiert sehen. Neurosis sind so eine Art musikalisches Äquivalent zu Cormac McCarthy. Was dort die einfache Sprache ist, ist hier der Sound. Die emotionale Wertigkeit ist dieselbe. Man sieht vor dem geistigen Auge denselben bleigrauen Himmel und dieselbe tote, äscherne Winterlandschaft, welche die Lektüre von „The Road“ (2007) hervorgerufen hat. Landschaftsbeschreibungen in den Lyrics sind ganz ähnlich:

The land here absorbs light
Inverting false hopes to night
(aus: At the End of the Road)

Dabei liefern Neurosis mit ihrem festen nicht-musikalischen Bandmitglied Josh Graham gleich eigene Bilder mit, die während des gesamten Sets auf die Band und den Hintergrund projiziert werden. Es sind Bilder vom Vogelflug, oder Bildstörungen, die an ein Ultraschallbild erinnern, oder Feuerkaskaden und ausbrechende Vulkane, weit aufgerissene Augenpaare oder Skelette und Hirschgeweihe, die sich aus dichtem Rausch schälen, während sich die Riffs aufbauen, wie Gewitterwolken. Man sieht Nonnen und Jesus. Und später, als ich die erste Reihe verlasse, um mir das Ganze mal von hinten anzusehen, wo man einfach mehr von den Bildern mitbekommt, wird nochmal deutlicher, wie sehr diese auf die Musik abgestimmt sind. Da ist zum Beispiel eine Stelle in „Through Silver in Blood“, an welcher Jason einzelne Trommelschläge über einer von Noah generierten Fläche aus elektronischem Rauschen spielt. Dazu synchron sehen wir oben Blitze aus Gewitterwolken schlagen. Und als dann die ganze Wucht der Band zu den letzten beiden Songzeilen wieder einsetzt, sieht man passgenau den Feuerball einer riesigen Explosion aufsteigen.

Der Auftritt von Neurosis ist mit etwa anderthalb Stunden nicht besonders lang, aber er beansprucht den Zuschauer gehörig. Dazu bräuchte es die Bilderflut gar nicht – doch sie trägt ihren Teil dazu bei. Weitgehend im Dunkeln stehend und von wenig mehr als dem Beamer in ein gerastertes Licht getaucht, breiten sie ihre musikalische Meteorologie aus vom Eisregen bis zum Blizzard: Ob Steve während der ausgedehnten Drone-Passagen in „At the End of the Road“ die Gitarre durch Schwenken oder Draufschlagen zum Klingen bringt oder gegen seinen Verstärkerturm stemmt, ob Post-Hardcore-Riffs im down oder mid tempo-Bereich auf uns einprasseln oder ob Noah ganz atmosphärische Dark Ambient-artigen Klanglandschaften aus dem Synthesizer, Rauschen, elektronischen Störgeräuschen und Samples von kreischenden Metallteilen und Ähnlichem erbaut, wie man sie bei Peter Anderssons Raison d’être und Konsorten findet, ob die Vocals mal mit rauher Stimme geflüstert oder geschrien werden, die Eiseskälte zieht einem immer bis in die Knochen.

„Und?“ – Ich würde sagen, der Auftritt hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen – und das scheint auch bei den anderen so gewesen zu sein, egal, ob sie „jedes Mal wieder beeindruckt“ waren oder in Stuttgart „die drittbeste [von 14] Neurosis-Shows“ gesehen haben. Die Band ist vielleicht nicht die einzige, aber eine mögliche Wahl für einen Soundtrack zur Apokalypse. Und während die zwei neuen Stücke „At the well“ und „Killing Elk“ den Langzeit-Fans eine Perspektive für ein elftes Studioalbum geben, kann ich mich erst Mal damit beschäftigen, den Back-Katalog zu entdecken. Das wird sicherlich helfen, kühlen Kopf zu bewahren, falls der Sommer doch noch richtig heiß werden sollte.

Neurosis, 30.07.2011, LKA, Stuttgart

Foto: Sue Real


Ein Gedanke zu „NEUROSIS, UFOMAMMUT, 30.07.2011, LKA, Stuttgart

  • 3. August 2011 um 10:17
    Permalink

    Nicht auf ein NEUROSIS Konzert zu gehen, wenn sie nach langer Zeit wieder vor der Haustüre spielen, ist wie nicht zu einer Sonnenfinsternis zu gehen. Ich freue mich für Dich, dass Du die Roadburn-Chance jetzt nachholen konntest. Ich bin auch schwer beeindruckt davon, wie wuchtig die Show insgesamt war, die ruhigen Passagen so gut wie die lauten, und die Videos setzen dem Spektakel immer wieder die Krone auf. Als Einstiegsdroge muss man die erste nicht Hardcore Neurosis empfehlen, die „Souls at Zero“, der Urknall von 1992. Würde es ohne diese Platte Bands wie Mastodon in der heutigen Form geben?? Die aktuelle Neurosis „Given to the Rising“ gefällt mir auch extrem gut, viel besser als z.B. „A Sun that never sets“. Hör Dich mal durch, alle Platten harte Kost, etwas sanfter aber auch sehr zu empfehlen sind die Solo-Sachen von Von Till („Harvestman“), insbesondere „In a dark Tongue“ ist ein echter Trip.

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