IRON MAIDEN, 07.06.2011, Schleyerhalle, Stuttgart

© EMI Music Germany

Traditionen pflegen ist wichtig. Iron Maiden, britisch unkaputtbare Metalgiganten, schaue ich mir beispielsweise nur mit Lusiffer an. Die könnten bei mir im Wohnzimmer auflaufen und betteln – wenn Lusiffer nicht da ist, dann können sie wieder nach Hause fahren, so wie England nach der 4:1 Packung bei der WM.

Dienstagabend, Lusiffer ist da, Maiden auch – dann mal ab in die Schleyerhalle, die ich manchmal „Slayer“-Halle nenne. Einfach so. Da nach einem Sinn zu suchen, wäre noch doofer als „Slayer“-Halle zu sagen. Egal, Geschätzte 12000 Leute und eine Affenhitze waren auch da. Hier, kurz meine Initiativ-Bewerbung zu Modebloggerin des Jahres: „80% der Besucher waren Männer in Iron Maiden-Shirts“.

Rise To Remain haben wir gleich mal verpasst. „Da singt der Sohn von Bruce Dickinson“, klärt uns eine sympathische Frau beim Sozialisieren in der Getränkewarteschlange auf. Ich höre irgendwie die Nachbarn der Dickinsons tuscheln: „Ha, da stimmt’s doch scho dahoim et.

Dann planmäßiges Vorspiel mit der alten Dame Iron Maiden: „Doctor, Doctor“ von UFO, dröhnt aus der Box. Und ehe irgendwas anderes passiert, klatscht schon die ganze Halle und singt so energisch mit, als wäre bereits der Zugabenblock angebrochen. Und weil’s gerade gut läuft, wird auch beim „Final Frontier“-Intro munter weitergeklatscht.

Noch mehr Geschrei: „Final Frontier“ und gleich „Eldorado“ hinterhergeschoben. Beide von „The Final Frontier“, der aktuellen Scheibe, wie coole Typen sagen. Meine Maiden-Leidenschaft wandelte sich leider spätestens nach „Seventh Son Of A Seventh Son“ in kategorische Wertschätzung um, ohne allerdings sonderlich viel Gefallen zu finden an Liedern, die nach 1988 geschrieben wurden. In meiner kleinen Welt heißt das: „Boh, jetzt einfach die ‚Live After Death‘ durchspielen, wär‘ der Knaller.“

Die geräumige Bühne mit den Laufstegen, soll irgendwetwas darstellen. Ich weiß nur nicht genau was: Umgekippter ICE, verbeultes Raumschiff oder Militärhangar?

Egal, Bruce Dickinson lässt uns nicht sonderlich viel Spielraum, darüber nachzudenken. Der Mann rennt mehr und schneller als Pavel Pogrebnyak die  vergangene Saison und trifft auch noch besser. Wegen Typen wie dem 52-Jährigen wurden damals die Worte „Rampensau“ und „Frontmann“ erfunden. Die gab’s vorher gar nicht. Dickinson rennt wie angestochen quer über die Bühne, springt grundlos umher und rennt wieder woanders hin … ich sag’s nicht gerne: Ribery.

Fast nebenbei ist er auch ein ausgemachtes Goldkehlchen. Wenn einer ein Patent auf theatralischen Metalgesang in der Tasche hat, dann Dickinson. Das ist einer, der sich wirklich den letzten Typen in der hinterletzten Ecke der Schleyerhalle packt und ihm aus 200 Meter Entfernung mitten ins Gesicht singt. Und zwischendurch ruft er ständig „Scream For Me Stuttgart“.

Wenn er den Ton gerade mal nicht trifft, ist es auch irgendwie wurst. Er ist schließlich Bruce Dickinson, der kann das ja normalerweise. Ich bleib dabei: Seit Ronnie James Dio weg ist, hat Dickinson die Alleinherrschaft bei den Metal-Sängern inne. Punkt. Lusiffer sagt: „Das Mikrofon knackt“. Recht hat er.

Dann „Two Minutes to Midnight“, im Hintergrund wird das passende Bühnenbanner aufgezogen – einfach toll.  Und während ich gerade denke „Boh, jetzt einfach die ‚Live After Death‘ durchspielen, wär‘ voll gut,“ spielen sie schon wieder neueres Zeug. Ein paar Lieder davon sind leider grotesk mittelgeil – zumindest für Maiden-Verhältnisse.

„The Trooper“ lässt mich wieder hoffen. Bruce schwingt den Union-Jack-Lappen  und schon wieder denke ich „Boh, jetzt einfach die ‚Live After Death‘ durchspielen, wär‘ voll porno.“ Wieder nix. Und so geht das Spiel weiter. Amüsant ist das trotzdem, besonders wenn bei „Iron Maiden“ wieder das Monstermaskottchen Eddie über die Bühne torkelt wie ein Betrunkener, der beim Star Wars Casting nicht zu Recall eingeladen wurde. Auch eine Tradition.

Trotzdem beschleicht mich ab und an das Gefühl, dass Iron Maiden nach all den Jahren ausgerechnet heute Abend irgendwie aneinander vorbeispielen. Nicht so schlimm wie ein Fehlpass, aber eben auch nicht so barcelonamäßig präzise Druckpässe wie gewohnt. Gerade das Kurzpassspiel und Ballbesitz ist schließlich die Stärke von Maiden.

Einige ihrer Klassiker schwubbeln sie so durch, als ob sie die schnell hinter sich bringen wollten. Manchmal holpert das fast. Dies ist wiederum einer der Sätze, den man als Maiden-Gutfinder nicht einmal denken darf. Also, kurz in mich gegangen und die Sache geklärt. „Okay, wir machen das wie bei Bob Dylan!“:

Wenn Dylan eine beschissene Platte macht, dann war der Produzent oder das Studio schuld. Eventuell auch das Wetter  – aber nicht his Bobness. Bei Iron Maiden funktioniert das auch: „Drecksschleyerhalle, immer dieser miese Sound, der Tontechniker ist augenscheinlich ebenfalls ein Stümper, Mannomann“. Zack. Maiden sind aus dem Schneider.

Janick Gers, Gitarrist, der sein Instrument rumwirft, wie selbst ein irres Mädchen es ihrer Handatsche nicht antun würde, dreht derweil wieder komplett durch. Tänzeln, rennen, turnen – das ganze Programm. Überhaupt: Adrian Smith, Dave Murray oder eben Janick Gers – das sind drei Gitarristen, bei denen man sich partout nicht entscheiden möchte, welchen man bei sich einziehen lassen würde. Dazu noch Nicko McBrain, plattnasiger Schlagzeuggott, Steve Harris der Mann, der Bass spielt, wie andere Ukulele … Herrschaftzeiten, Iron fuckin‘ Maiden.

„The Evil That Man Do“, „Fear Of The Dark“ und „Iron Maiden“ – rubbeln gut. Und die Halle wird zum riesen Gesangsverein. Chöre überall, entzückte Minen, hochgereckte Arme. „Scream For Me Stuttgart“. Gerne. Immer wieder, mit Lusiffer halt. Dann noch mal alle schön „Sixsixsixthenumberofthebeeeeaaast“ brüllen und Mund abputzen zum Finale. Bei „Running Free“ erhebt sich ein Riesen-Hydraulik-Eddie hinter dem Schlagzeug.  Dann wieder eine Tradition „Always look on the bright side of life“, die etatsmäßige Auslaufhymne. Kuscheln.

„Boh, wenn die einfach die ‚Live After Death‘ durchgespielt hätten – wie geil wär das denn gewesen?!“

Den Weg zum Parkplatz haben wir uns auch wie immer versüßt: Lieder aufzählen, die Maiden hätten spielen sollen. Würden wir diese Liste Iron Maiden vorlegen – sie würden uns eine reinhauen und sagen: „Ja klar, ‚Scream For Me Langstreckenläufer‘, oder was?“. Lusiffer und ich würden dann sagen: „Oh, richtig: ‚The Loneliness Of The Long Distance Runner‘ bitte auch noch.“ Flatz, Knockout. So redet man nicht mit Damen. Auch wenn sie eisern sind.

3 Gedanken zu „IRON MAIDEN, 07.06.2011, Schleyerhalle, Stuttgart

  • 9. Juni 2011 um 22:59
    Permalink

    auf meine wish-list kommt die ganze Killers (uups, darf man das Wort hier noch benutzen?), die halbe Iron Maiden und dann paar Hits bis zur 7th Son. Powerslave, das Stück, darf nicht fehlen.

    Appropos Dickinson: https://www.nme.com/news/iron-maiden/57149

    Appropos Final Frontier, die hier waren 86 Vorband von DIO:

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