KVELERTAK, 14.05.2011, Universum, Stuttgart

Foto: Sonya Ericsson

Mist. Glockenheller Samstagabend und ich laufe mitten in eine Schlägerei rein. Wir waren sehr viele, hatten aber trotzdem nicht den Hauch einer  Chance: Sechs Norweger haben uns den Arsch versohlt. Kvelertak heißt die Gang.

Deren gleichnamiges Debüt war eine der besten Ideen, die die Grobmeierei in den vergangenen Jahren hatte. Produktion: Kurt Ballou, Artwork: John Dyer Baizley, der Rest: jetzt schon ein Klassiker. Metal, Punkrock, Blackmetal und etwas Seventies-Rock – unwiderstehlich und sackesexy in akzentfreiem Norwegisch gebrüllt.

Kvelertak, das sagen Leute, die’s wissen, heißt „Würgegriff“, so was wie „Schwitzkasten“ – und Etikettenschwindel kann man diesen Norwegern in der Tat nicht vorwerfen. Haben Wort gehalten. Auch Samstagabend im vollgepackten Universum.

Comeback Kid, The Ghost Inside, Gravemaker und Social Suicide – alle irgendwie ganz okay, alle Teil der „Through The Noise“-Tour werden heute aber Opfer des Wochenend-Freizeitstressessess:

„Kvelertak anschauen, dann ins Zwölfzehn, Plattenauflegen?“
„So wird’s gemacht“, sagt Frank Gasoline. Typen, die so heißen, wissen wo’s langgeht und gleich stasimäßig ausspioniert, wann Kvelertak spielen: schon um 20 Uhr. Auf Höhe Karstadt kommt die SMS von Brunner aus dem Universum: „Die fangen jetzt an“. 19.40 Uhr. Gravemaker spielen nicht. Kvelertak müssen deshalb bereits als zweite Band ran. Ein Musiker von Gravemaker schien am  Vortag in Saarbrücken zu dumm zum Argumentieren. Jetzt muss er der Polizei in Stuttgart davon erzählen.

Um die Sache abzukürzen: Während wir hastig ins Universum reinrennen, kniedeln sich Maciek Ofstad, Vidar Landa und Bjarte Lund Rolland längst durch die wahnwitzig schönen Melodien von „Blodtørst“. Drollige Namen, keine Frage –  die Gewalt aber ist übermächtig. Jeder Ton eine Backpfeiffe mit der flachen Hand. Wahnwitzige Breaks, voll von Spielfreude und trotz aller Kraft versiert gespielt und glasklar gereicht – muss man auch erstmal anbieten können. Denn Aggression, die sich auf die bloße Gewalt bezieht, ist biologisch abbaubar – das hier hat Substanz. Bleibt.

Erlend Hjelvik – ein kleiner und vorbildlich vollbebarteter Waldschrat mit Wampe brüllt gerade die ersten Reihen an. Alle schreien zurück, recken die Fäuste, lächeln und rempeltanzen sich freundlich gegenseitig über den Haufen. Einige Zeitgeist-Hardcore Kids schauen überrascht zur Bühne, wippen aber munter mit. „Cool“ ist das eigentlich nicht auf der kleinen Bühne, da ackern eigentlich nur sechs Norweger und vergessen dabei die Posen und die gespielte Gruppendynamik, die Hardcore-Konzerte manchmal so ärgerlich machen. Trotzdem: Ein Tollhaus aus Armen, Instrumenten, Haaren, Bandshirts, Schweiß und Energie. Vor der Bühne und auf der Bühne.

Ab und an hasten Leute herein und trotz der höllischen Lautstärke hört man sie sagen: „Scheiße! Seit wann spielen die denn schon?“. Keine Ahnung. Aber wie schlaue Menschen das tun, gilt alle Aufmerksamkeit dem, was gerade passiert. Zeit, sich in den eigenen Arsch beißen wird in den nächsten Tagen noch mehr als genug sein.

„Offernaaaaaaaaatt“, schreit der Waldschrat Hjelvik. „Yeaaahhhh,“ alle anderen und die Party geht mit furiosem Geriffe und schon wieder dieser Wucht reibungsvoll weiter. Kvelertak können scheinbar gar nicht anders. Mittendrin im Rempelpulk steht meinen alter Freund Rapha. Selig lächelnd. Der wusste schon früher beim Harakiri-Fanzine, was Sache ist und geht prinzipiell nicht auf Konzerte von mittelmäßigen Bands. Wenn es Gerechtigkeit auf dieser Welt geben sollte, dann sind diese Norweger bald größer als Lady Gaga. Geiler sind sie schon lange.

Bassist Marvin Nygaard ist auch der Knaller. Da tätowiert, wo andere Schmerzen oder Bedenken haben, spielt der Kerl seinen Bass im Sinne des Erfinders: Naturgewalt. Der Typ schiebt alles weg, rollt mit den Augen, manchmal lächelt er und zwischendrin tritt er wahllos Ärsche.

„Ulvetid“, ist ein fieses Tarnmannöver: Punkrockeinstieg und gerade wenn man lostanzen will, dreht sich das Monster in einen lupenreinen Blackmetal Staubsauger, dann wieder zurück zum Rock’n’Roll-Partyhit. Irre. Ganz ohne Corpsepaint. Oh, fast vergessen: Kjetil, der mit Nachnamen Gjermundrød heißt, wird von seinen Bandkollegen hoffentlich mit „Sir“ angesprochen. Hätte er sich zumindest verdient. Er ist Dirigent, Peitsche und Ruhebereich in einem.

Hjelvik schwimmt nochmal kurz über die Menge, in der jeder einzelne mindestens genauso schwitzt wir er, dann wird das Finale eingebimmelt: „Mjød“, der Partykracher mit dem Zombievideoclip. Der hält all‘ das was Turbonegro in den letzten zehn Jahren versprachen aber nicht einhalten konnten: Brüllrefrain, Hüftschwung, Humor – ja – und halt die Wucht. Kvelertak bleiben nichts davon schuldig.

Dann sind sie weg. Nur das Klingeln im Ohr bleibt. Frank Gasoline sagt, er müsse jetzt erstmal Axe verklagen, weil das mit dem „Anti-Transpirant“ glatt gelogen sei.

Hab jetzt die vergangenen Stunden ein bisschen rumexperimentiert und bin zu folgendem Schluss gekommen: Kvelertak lässt sich zu Hause locker nachbauen – Schmutzwäsche anziehen, zwei Liter Espresso auf Ex, in eine Pfütze setzen und dann die Steckdose leidenschaftlich zungenküssen. Müsste klappen. Notfalls tut’s vielleicht auch das: In eine Bikerkneipe reinrennen und laut „Hey, Mädels! Wem von euch gehört die rosa Vespa im Parkverbot?“ rufen.

 

6 Gedanken zu „KVELERTAK, 14.05.2011, Universum, Stuttgart

  • 15. Mai 2011 um 22:10
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    He, he, im Other Place bin ich dabei wenn du das ausprobierst…

  • 15. Mai 2011 um 22:18
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    Der Schreiberling ist nur neidisch.

  • 15. Mai 2011 um 22:38
    Permalink

    Mensch, Setzer, nach dem Artikel bleibt mal wieder nix anders übrig als Hutziehen. Mehrmals und mit Knicks.

  • 16. Mai 2011 um 14:27
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    Das Bild ist gut. Sieht nach Action aus.

  • 19. Juli 2011 um 17:19
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    XembraceX.de war auch dort, allerdings mit Objektiv (wahnsinns Wortwitz… hüstel).
    Leider bin ich auch ein Opfer des frühen Beginns geworden, deshalb musste alles sehr hastig gehen. Für ein paar Bilder hats dann aber zum Glück trotzdem gereicht.

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