ACID KING, 06.04.2011, Keller Klub, Stuttgart

Acid King, Keller Klub, Stuttgart

Acid King, Foto: Michael Weiß

Situationskomik. Kann man eigentlich nie richtig erklären, ohne dabei wie ein kompletter Vollidiot dazustehen. Stonerrock ist da eine ähnliche Hausnummer:  funktioniert im Normalfall nur dann lückenlos gut, wenn man selbst sackedicht ist. Aber mal unter uns: im Nebel sind auch Hurts, Arcade Fire oder Minimal vom Kompakt-Label aus Köln einigermaßen arschgeil.

Muss man halt abwägen, ob man das in Kauf nimmt und eventuell später Fledermäuse auf der Theodor Heuss Straße jagt oder in der Unterhose auf der Verkehrsinsel die morgendliche Rushhour dirigiert und den zugereisten Polizisten zuruft: „Ich komme im Auftrag des Herrn“. Alle so: „Feddalder, Mordsgaudi“. Ich so: „Yeah, okay“. Dann doch kurz abgewägt, Feldversuch gestartet: nüchtern zu Acid King gegangen.

Psychedelic Doomrock aus San Francisco. Ihr Namensgeber: Ricky Kasso, auch The Acid King genannt. Ein durchaus interessantes Kerlchen, falls man gerne von einem druffen Wirrschädel zu Tode gequält und dann mehrmals erstochen werden möchte. Hat der gemacht. 1984. Danach hat er sich aufgehängt. Potential verballert, das war’s. Recht herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit. Aber echt nix fürs Vorabendprogramm, mein lieber Scholli.

Deshalb lassen sich Acid King auch ordentlich Zeit. Der große Doompoet Kerker gab einst zu Protokoll: „Doom dauert“. Das stimmt heute besonders, denn die Bühne im Keller Klub ist leer. Band noch nicht da. „Die kommen um Acht“, sagt Veranstalter Micha, obwohl auch er weiß, dass längst halb Neun durch ist. Dann sind sie da.

Carlton Melton aus Californien fangen an. Irgendjemand muss ja. Trio, Post-Stoner-Drone-Psych-Was-Weiß-Ich-Denn-Herrgottzack, kein Gesang, 80er Synthie, jede Menge Lärm und Zubehör – plus Andy Duvall und Rich Millman, die einst bei Zen Guerrilla waren. Keine Ahnung, ob das stimmt. Hab Zen Guerrilla immer lieber angehört als angesehen. Hört man bei Carlton Melton aber nix davon raus.

Das hier ist ausufernder Acid-Rock, der mit dementsprechender Medikation wahrscheinlich tiersch einen wegfegt. Gibt’s im Keller aber nicht. Sind ja keine Apotheke und Franco an der Bar kein Apotheker. Nach zwei Liedern fällt das Spacerock-Dingsbums aber eh zusammen, weil zwei bis drei Ideen halt weniger sind als fünf bis neunzehn.

Der Rest ist auch simpel: Musik, zu der man sich prima die Zehnägel schneiden könnte, flipflopmäßig ist ja schon wieder höchste Eisenbahn, fast Sommer. Rund um den Hans Im Glück Brunnen tun zumindest alle schon so. Hab’s gesehen. Aber wer hat schon einen Nagelknipser dabei, Mittwochabend?

Acid King vermutlich auch nicht. Aber die haben einen ganz anderen Vorteil: ihr Schlagzeuger Joey heißt Osbourne mit dem Nachnamen. Leute, die so heißen meinen es meistens ernst. Der hier auch. Gewinnertyp. Sieht aus wie der Betreiber eines Toto-Lotto-Ladens in den Suburbs von Remseck und knüppelt mit viel Spaß an der Sache und missionarischem Eifer den sexy Stonergalopp.

Der Sound ist trotzdem eine Katastrophe. Alles pfeifft, rauscht und knirscht – in einer Lautstärke, die Tote wecken könnte. Auch der Gesang von Gitarristin Lori S. lässt sich nur erraten, da die aber eh kein Pavarotti ist, wollen wir auch nicht unnötig rummullen. Mit ihren kleinen, spitzen Fingern schwubbelt die kompakte Dame ein Stonerriff nach dem anderen raus, grinst und groovt zufrieden mit. Kann man nicht motzen. Auch nicht über Mark Lamb, der so verzerrt Bass spielt, dass ihn Lemmy beglückwünschen würde.

Alles zusammen grenzt aber an fast unerträglicher Lärmbelästigung. Mein Tinnitus hat mir auf der Toilette zugepfiffen, er möchte fortan in Großbuchstaben geschrieben werden: TINNITUS. Dort war der Sound einigermaßen erträglich.

Ansonsten: super Dröhnrock, kernig, wuchtig und definitiv ohne Zutaten, die nicht auch Pentagram, Sleep oder halt Black Sabbath abgenickt hätten. Die handgezählten 71 Leute tun das auch. Rhythmisch sogar. Das Problem ist aber recht offensichtlich: Nach vier Liedern kommt nix mehr, das nicht vorher schon irgendwie passiert wäre. Doomriffen, Bluesrocken, Stonern, Aschenbecher ausleeren und wieder von vorne. Das schöne alte Lied, dass man auch mit Vollbart pfeiffen kann.

Das Prinzip „Acid King“ ist gut, so wie Zehnägelschneiden. Sollte man immer wieder mal tun. Es macht aber nur wenig Spaß, jemandem den ganzen Abend dabei zuzusehen. Deswegen bin ich auch vor der Zugabe gegangen. Raus zu den Flipflopträgern.

ACID KING

CARLTON MELTON

5 Gedanken zu „ACID KING, 06.04.2011, Keller Klub, Stuttgart

  • 7. April 2011 um 19:33
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    lori? ist das nicht die ehemalige melvinsbassistin und ehefrau von king buzzo?

    gibts nicht auch irgendeine acid king platte auf der dale crover mitspielt?

  • 7. April 2011 um 19:54
    Permalink

    Nicht alle Loris mit Instrument halten Katzen am Schwanz hoch. Crover hat allerdings tatsächlich bei der ersten Acid King Platte mitgemacht: als Backgroundsänger und Produzent, glaube ich. Er war mit Lori S. verheiratet.

    Was macht eigentlich die Katzenlori Black?

  • 7. April 2011 um 20:43
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    „There were rumors that she supposedly passed away in 98 from a heroin overdose, but Tom Flynn of boner records says that she’s still alive and living in San Francisco, not doing music anymore.“

    https://www.themelvins.net/pics/morgue/lorax/

  • 7. April 2011 um 20:44
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    Ich hab mal gehört, dass sie auf der „Houdini“ tatsächlich gar nicht den Bass bedient hat, sondern dass das auch Dale und Buzz übernommen haben.

    Die Melvins – irgendwie immer und überall dabei.

    Auch bei „Snivlem“.

  • 9. April 2011 um 10:15
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    Ne, ne, mein Guter. Das glaub ich dir nicht, dass du nüchtern warst. Zumindest nicht beim Schreiben :-P

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