JAMES LAST, 31.03.2011, Schleyerhalle, Stuttgart

Konzertbericht und Konzertfotos: JAMES LAST am 31.03.2011 in der Schleyerhalle, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Heute nehme ich ein Vollbad, das habe ich mir nach dem dreckigen Elektropunk (DAF) und dem schwitzigen Synthrock (Goose) doch redlich verdient. James Last und Orchester beschallen die Schleyer-Halle, also trage ich meine beiden Ohren dort hin, um dieselben mit Lasts Happy-Sound ordentlich einzuseifen.

Mehrere tausend andere Menschen tun es mir gleich. Gefühlt der einzige mit einer schwarzer Hornbrille, jünger als ich sind nur die Enkel, die ihre Großeltern begleiten, also beinahe reinstes Best-Ager-Publikum. Die riesige Halle ist bestuhlt, auf zwei Leinwänden steht etwas von Musik ist meine Welt und James Last – Das erfolgreichste Orchester der Welt, oha. Wie es auf der Eintrittskarte steht, geht es atomuhrgenau um 19.30 Uhr mit Lasershow und einem aus dem Off gesprochenen Erbauungstext (Freunde, das Leben ist lebenswert und so) los, die 38 Musiker betreten die Bühne.

Als ich damals Mitte der 90er tief im Industrial steckte, in welchem selbst die Rhytmusstrukturen aufgelöst wurden, entdeckte ich parallel zum Lärm Easy Listening für mich. Wahrscheinlich waren konterrevolutionäre Kräfte meines Unterbewusstseins am Werke, die mich vor bleibenden Schäden bewahren wollten. Ich war damit allerdings nicht allein, der Sound wurde allgemein recht populär, vielleicht eine Reaktion auf Techno. Burt Bacharachs Songs sind für mich immer noch ein Melodie- und Arrangementwunder (z.B. „The Look Of Love„, gesungen von Dusty Springfield). So also heute Abend James Last, für mich trotz allem ein Experiment.

Fanfaren – Auftritt James Last – Medley aus Miles Davis, einem norddeutschen Volkslied, Black Eyed Peas, Chopin, Beatles – Pyros. Was für ein Einstieg, was für ein Arrangement, an so eine Mischung kommen selbst Mash-Up-Giganten wie 2 Many DJs nicht ran. Hansi begrüßt mit einem nonchalanten Lächeln sein begeistertes Publikum, erklärt, dass er mit diesem Medley zeigen möchte, wie schön Musik an sich doch sei, wo immer sie auch herkommt, wie alt oder jung sie auch sein mag. Er trägt (noch) seinen blauen Anzug mit Lack-Sneakers, nach der Pause trägt er dann seinen Weißen. In seinem Bremer Akzent spricht er etwas zu schnell, er nuschelt. Vielleicht liegt das an seinen 81 Jahren oder an dem dichten Programm, das noch vor uns liegt. Weiter geht´s mit Versionen von Mariah Carreys  „Hero“, Lady Gagas „Pokerface“/“Bad Romance“ und Johann Strauss Sohn („Geschichten Aus Dem Wienerwald“), bei dem das Publikum aufgefordert wird, Walzer zu tanzen.  Einige zig Paare tun es. Es endet in einer Polonaise. Haben die Streicher nichts zu streichen, tanzen sie.

Es fühlt sich an, ob man für einen Abend in einer Chocolaterie alles probieren dürfte: nur die süßeste Schokolade, die besten Pralinien, der bepuderzuckerste Eischnee, frei nach Ben & Jerry’s Eiscreme Claim Von allem zu viel. So geht es mir auch, ein gewisses Völlegefühl kommt auf. Allerdings packt es mich dann bei „Children Of Sanchez“ noch mal voll: brilliant arrangierter Jazzpop. Und das gibt es wohl wirklich nur beim James Last Orchester, dass da neben allen anderen Musikern wirklich 20 Streicher die Flächen fiedeln und sieben Blechbläser pusten. Schlagertexter Hans Hee sprach in einem Interview über Last von einer bestechenden Blechfreundlichkeit. Bei diesem Stück habe ich beinahe den Eindruck, dass der Bandleader es für sich selbst spielen lässt. Wahrscheinlich kommt deshalb diese Musik am stärksten an mich heran.

James Last macht in dem Sinne Volksmusik, also Musik für das Volk, in dem er alles, was populär ist, in seiner Weise verwertet (siehe sein Neue-Deutsche-Welle-Medley von 1984). Und das macht er sagenhaft gut und ist darum sagenhaft erfolgreich, wie seine 17 Platin- und 206 Goldene Schallplatten zeigen. Seine Veröffentlichungen sind quasi unzählbar, der Sammler und Superfan Günter Krüger versucht es dennoch und kommt auf über 5000 Tonträger, Videos, DVDs, Fotos Poster, Autographen und Dokumente unterschiedlichster Art. Radio Bremen hat übrigens eine hervorragende Online-Biografie über James Last mit O-Tönen und allem drum und dran zusammengestellt.

In der Pause höre ich dann im Gang:  Ha noi, Erwin, i schneid die etzet voll wägg. Die silberhaartragende Dame nimmt darauf hin die Nagelschere aus ihrer Handtasche und schneidet die Stützstrümpfe auf. Das ist das Volk, und es ist trotz allen Widrigkeiten des Alltages heute Abend glücklich.

James Last

Foto: Steffen Schmid

5 Gedanken zu „JAMES LAST, 31.03.2011, Schleyerhalle, Stuttgart

  • 2. April 2011 um 00:11
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    Ein Retro-Genie…
    Ziehe-Hut-gar-tief.

  • 7. April 2011 um 16:49
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    Danke für die schönen Bilder.

  • 24. April 2011 um 01:03
    Permalink

    Super!
    endlich mal ein schreiber, der weiß was abgeht bei hansi last & orchester, sich mit inhalten beschäfigt, nicht die alten mythen vom fingerschnipsen über biscaya… zum zigsten mal auswalzt und das ganze humorvoll betrachtet, ohne den wert des ganzen herabzusetzen !
    ein GROSSES dankeschön,
    auch das Eröffnungsbild perfekt gewählt !!!

  • 26. April 2011 um 13:59
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    @ Heike: vielen Dank für die freudlichen Worte.
    Herabsetzen ist billig, und billig kann ich nicht.

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