LANDTAGSWAHL, 27.03.2011, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Die erste Sensation des Tages lese ich beim Frühstück in der Fernsehzeitung: Unser aller Obersheriff Gunfighter Goll ist schon vor dem Ausgang der Wahl als Programmdirektor zum Feuilletonsender 3Sat gegangen! Erste Amtshandlung war es, das heutige Fernsehprogramm zu gestalten. Auf allen anderen betroffenen Kanälen laufen Landtagswahlen, Sonntagserien und Kochsendungen. Goll-TV zeigt 24 Stunden Western von gestern – Klasse! Ich weiß, was heute den ganzen Tag im privaten Schießstand, den der Wyatt Earp vom Nesenbach sich neben dem Landtagspartykeller eingerichtet hat, geguckt wird. Los geht’s mit „Feind im Rücken“ (1959) um 6:30, dann läuft „Gegen Terror und Banditen“ (1954), um 7:50, gefolgt vom „Schatz des Gehenkten“ (1958) und „Verrat im Fort Bravo“(1953). Bei „Rache für Jesse James“ (1940) gehe ich geschwind mit meinem Vater breitbeinig mit klingenden Sporen in unseren Wahlsaloon.

Auf dem Heimritt sind wir uns einig, dass der Wahlvorgang nach all diesem Pulverdampf der Duelle der vergangenen Wochen, der uns noch scharf in der Nase zwickt, erschreckend lahm und fad ist. Du legst deinen Stumpen auf die Grundschulmauer, gibst den Colt beim Hausmeister ab, marschierst rein, murmelst ein „Grüß Gott“ in deinen Bart, zeigst dein Wahlberechtigungskärtle und dann stehst du in der hässlichen grauen Kabine mit diesem komischen Bleistift am Schnürle. Dann zückt man den eigenen vorsorglich eingesteckten unausradierbaren Multifunktionsmehrfarbkugelschreiber und macht das Kreuz. Schwupp, ab damit in die Kiste, ein freundliches „Ade“ in die Runde und man steht auf der Straße. Wäre denn ein kleiner Trommelwirbel in der Kabine und ein dezenter Tusch, wenn der Umschlag im Schlitz verschwindet, nicht mal eine Idee?

Natürlich lüfte ich jetzt hier auf keinen Fall mein Wahlgeheimnis, geht ja so richtig gar niemanden was an, wen ich gewählt habe. Nur so viel sei verraten: als konservativer, schwäbischer, katholischer VfB-Fan und Rinderzüchter mag ich keine protestantischen Bayern-München-Fans aus Pforzheim mit Stiernacken und Wendehals. Beim Mittagskaffee läuft „Pulverdampf im Casa Grande“ (1963), und dann kommt der erste nichtamerikanische Streifen „Die Hölle von Manitoba“. Die spanisch/deutsche Koproduktion von 1965 passt wunderbar zum Wahltag. Pierre Brice und Lex Barker als Profirevolverhelden erschießen sich wie Kretschmann und Schmid am Ende nicht. Marianne Koch spielt so schlecht die verruchte Tresenschwalbe, wie Tanja McGönner die offene, ehrliche Schlichtungsteilnehmerin.

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Foto: Andreas Meinhardt

Voller Bedauern, dass ich „Revolverhelden von Wyoming“ (1962) und „Vierzig Wagen westwärts“ (1964) sauen lassen muss, besteige ich meinen stolzen Hengst „Gelber Blitz“ und reite in die Stadt. Beeindruckend und unheimlich finde ich die Tatsache, dass der Landtag und das Neue Schloss komplett abgesperrt sind. Die Herren drinnen im Fort haben scheinbar Angst, dass sie die Wahl doch noch gewinnen könnten und dann die Oppositionsindianer das Kriegsbeil ausgraben. Wenn man am Wahltag die Bannmeile abschottet, ist man als Regierung vom Wähler wirklich weit entfernt.

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Foto: Andreas Meinhardt

Am Marktplatz treffe ich mich mit Andy „The Shootist“, der schon ganz wild darauf ist, seine Bilder aus der Hüfte zu schießen. Als erstes öffnen sich uns die Schwingtüren im Stuttgarter Ratskeller, wo die Damen und Herren der CDU schon ziemlich nervös am Feuerwasser nuckeln und auf den Schirm schauen, der das Wahlergebnis verkünden soll. Man trägt eher gedeckte Farben, die Augenringe sind groß und dunkel, die Gesichter etwas bleich. Der mitgebrachte Nachwuchs trägt gerne Fanutensilien und schaut fröhlicher als seine Erzeuger. Gleich ist sechs und Showdown. In der Minute bevor die erste Prognose verlesen wird, ist die Luft elektrisiert. Ruhig werden die Ergebnisse der drei großen Parteien gehört, beim miesen Abschneiden der Mehrheitsbeschaffer von der FDP stöhnt die ganze Runde, wie die Cannstatter Kurve, wenn Cacau einen Elfmeter verschießt, und dann herrscht entsetztes Schweigen. Diesen Tiefschlag müssen hier erstmal alle verdauen und würden wahrscheinlich viel lieber 3Sat weiterschauen. Nun ja, die Fassung wird bewahrt, um mich herum ist man sich schnell ganz sicher, dass das nur an Japan liegt und somit sehr ungerecht wäre. Dass McMappus ein bisschen zuviel mit Platzpatronen herumgeballert hat und zuletzt noch vom Bundeswirtschaftsministerle in den Rücken geschossen wurde, ich will Sie ja nicht mit diesen Geschichten quälen, das wissen sie natürlich selber.

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Foto: Andreas Meinhardt

Andy und ich wissen, wann wir eine Party verlassen müssen, das lernt man einfach mit den Jahren. Obwohl das Buffet wirklich gut aussieht,verziehen wir uns. Wer will schon traurigen und geprügelten Menschen beim Frustessen zuschauen. Oben im Sitzungssaal des Rathauses ist die Stimmung entspannt-geschäftigt, hier dürfen Anhänger aller Parteien zusehen, wie die Zahlen aus den Wahlkreisen so nach und nach eintrudeln. Ganz nett hier, aber zum Aushalten. Als Abschluss reiten wir noch über den Schlossplatz, da verläuft sich die Menge schon etwas und alles ist hochzufrieden. Bei den Grünen unterm goldenen Hirsch haben die Türsteher gut zu tun, da kommt kaum noch einer rein. Der alte grüne Oberindianer Fritz Kuhn gibt vor der Tür mit seinem Mobiltelefon Rauchzeichen nach Berlin und diktiert wahrscheinlich schon den Koalitionsvertrag. Dass im Corral von Old Kretschmann die meisten Rindviecher stehen werden, dies haben die rothäutigen Genossen zu schlucken. Der grüne Don Quichote und sein kleiner Sancho Pansa müssen ab jetzt gemeinsam für viele Windmühlenflügel im Ländle kämpfen. Das wird noch ein hartes Stück Arbeit, denn die Daltons auf der Oppositionsbank werden stänkern, kratzen, beißen und schimpfen,wenn ihre Wunden erstmal geleckt sind und Ma Tanja ihnen Bescheid gestoßen hat.

Zufrieden sattele ich den „Gelben Blitz“ und reite in den Sonnenuntergang, besser hätte es kommen können, aber so isch’s au Recht! „I’m a poor lonesome cowboy….“

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Foto: Andreas Meinhardt

12 Gedanken zu „LANDTAGSWAHL, 27.03.2011, Stuttgart

  • 28. März 2011 um 23:30
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    Spitzenfoto vom Kuhn, Top Text!

  • 29. März 2011 um 00:36
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    Herrlich!!!

  • 29. März 2011 um 07:49
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    Aaaalsoooo, soooo eiiiiin Scheiiiiiss wiiieee üüübeeeer diiie Grüüüünen-Veranstaltung haaaab ich noooch nieee gelääseen, daaaa weiiisss selbst iich aaals Kräädschmaaann-Bäääuerle voon der Alb nicht mehr, waaas iich Ihnen angetaaaan haaaben muss. Daaa biiin iich auuf jeden Fall auch dagääägen, daaass Siiie unsere verirrte Wählerschaft als Rindviiiecher bezeichnen. Verärgerter Gruss, Krääädschmann

  • 29. März 2011 um 09:55
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    „Der mitgebrachte Nachwuchs trägt gerne Fanutensilien und schaut fröhlicher als seine Erzeuger.“ Voll gut.

  • 29. März 2011 um 11:44
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    Chapeau (oder soll ich sagen: Cowboyhütle) für Text und Bilder !! Lustig zu lesen…

  • 29. März 2011 um 14:44
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    Ganz ganz groß das, Hängt ihn höher!!
    (zumindest als den Linken-Lino von der Apulier-Bande :-)

  • 29. März 2011 um 16:47
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    nur weil ich jeden, der mehr verdient als ich, in den Gulag schicken möchte, heißt das noch lange nicht, dass ich links bin.

  • 29. März 2011 um 17:33
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    Großartig!

    „Ganz nett hier, aber zum Aushalten.“ Hat schon was von „Vier Fäuste für ein Halleluja“…

  • 29. März 2011 um 18:22
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    Großartig! In Text und Bild!

  • 29. März 2011 um 18:28
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    Allerherzlichsten Dank für die vielen Komplimente! Ich muss nachtragen, dass über das harte Pflaster der Protestboulevards unserer Stadt noch andere Kuhhirten reiten, Joe Bauer freute sich am vergangenen Montag vor dem Bahhof in seiner Rede über den Rücktritt von „Revolverhelden, die sich im Fernsehen als Stadtcowboys feiern lassen und damit ehrbare Männer in Stiefeln beleidigen.“ Recht hat er!

  • 29. März 2011 um 21:03
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    Da haben doch mal die Richtigen die Kugeln abgekriegt…

  • 30. März 2011 um 00:21
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    Ich schließe mich gerne der Regine an und kopiere gerne Ihre Wortwahl (weil ich die so klasse wie passend finde): chapeau! Grüsse aus München an den Autor.

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