ZIPPO, 24.03.2011, Kap Tormentoso, Stuttgart

Zippo, Kap Tormentoso, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Er sieht so ein bisschen aus wie eine Offiziersmesse, dieser verrauchte Raum im Untergeschoss des Kap Tormentoso, in welchem seit vier Jahren immer wieder Konzerte kleiner, vor allem lokaler Bands stattfinden. Die Wände sind rot gestrichen, dominierend in der Mitte steht der Niedergang aus der darüber liegenden Bar. Auf der einen Seite des Raumes stehen einige Tische, auf der anderen die gerne voll besetzte zweite Bar. Seestücke zieren die Wände. An der Längswand, zwei Stufen hoch, befindet sich Stuttgarts möglicherweise kleinste Bühne, gerade tief genug für ein Schlagzeug und mit den vier Instrumentalisten von Zippo schon so überfüllt, dass Sänger Davide, genannt Dave, vor den Stufen sozusagen im Publikumsraum stehen muss.

Nun, da wir hier sind, lässt uns die Band mit Heimathafen in Pescara, Italien, nicht mehr von Bord. Sie steuern ihr Heavy Psych-Schiff durch einen zähen sandigen Ozean, dessen hohe Wogen beständig in unser Gehör branden. Heavy Psych ist ein überwiegend in Italien gebrauchter Begriff zur Bezeichnung stark vom Psychedelic Rock beeinflusster Stoner Rock-, Stoner Metal- oder Doom Metal-Bands. Langsam spricht er sich aber herum, der Begriff, denn auch die US-amerikanische – na ja – Heavy Psych-Band Nebular verwendete ihn unlängst zur Betitelung einer EP. In Italien ist diese Musik, wie gesagt, in der Metal-Szene sehr populär, was vielleicht mit an der goldenen Ära liegen kann, welche der Psychedelic Rock in den 1960er und ’70er Jahren dort erlebte.

Von diesen Einflüssen bringen die Jung auch eine ganze Menge mit: Ihre Musik ist selbst an den Stellen, an welchen sie von einzelnen Riffs dominiert wird, wesentlich komplexer, als was man sonst so an Stoner Zeug zu hören bekommt. Dennoch sind das gar nicht die Stellen, an denen sich die Band voll entfaltet. Man muss eher sagen: je psychedelischer, desto besser. Obwohl sie immer einfach erfassbar bleiben und sich nicht in größerem Gefrickel ergehen und somit sicherlich auch für den klassischen Indie-Fan interessant sind, bleiben sie stets originell und überraschend. Wenn man die Trademarks auf drei einfache Nenner bringen will, könnte das so klingen: Die beiden Gitarren spielen über weite Strecken verschiedene, gegeneinander laufende klare, gelegentlich sogar bluesige Melodien; dazwischen fügen sich immer wieder interessante Rhythmuswechsel oder knirschende Sandriffstürme ein; schließlich reichern sie ihren Sound mittels Effektgeräten mit den seltsamsten Tönen an, die man einer Gitarre entlocken kann. Oben drüber liegt der Gesang, meist von Dave, aber auch die beiden Gitarristen – Sergente und Franz, so die Künstlernamen – sowie der Bassist dürfen mal ans Mikro. Dieser Gesang hat nicht immer Text, sondern wird auch auf Vokale oder Einzelsilben beschränkt als zusätzliches Melodieinstrument eingesetzt.

Einige Stücke sind, wie Dave uns wissen lässt, ungewöhnlich ruhig. „Simum“ vom neuen Album etwa beginnt ganz leise, mit einzelnen seltsamen Gitarrentönen und steigert sich dann immer weiter gen Ende hin, so wie man das auch von vielen Postrock-Bands kennt. Über die schönen Melodien kann man gedanklich wegdriften, bis man wirklich die Wüstensonne auf den Kopf brennen und das Deck des virtuellen Schiffes über die Dünung rollen spürt. Das scheint freilich dann auch der Band Probleme zu machen, denn das Schlagzeug von Ferico rutscht während des Gigs stetig näher zum Bühnenrand, sodass Bassist Stonino (ital. „Stonerle“) sich während der Songs dagegen stemmen muss.

Das Publikum findet an den Italienern so viel Gefallen, dass anhaltend nach einer Zugabe verlangt und mit zwei weiteren Songs auch gegeben wird. Nach „El Enyerbado“ folgt „Mitote“, das wechselweise von treibenden Rhythmen oder – endgültig durchgeknallt – einer äußerst seltsamen Gitarrenmelodie getragen wird, die klingt wie ein schizoider Delphin auf Acid.

Zwei Eindrücke nehme ich schließlich mit, als ich dieses Wüstenschiff wieder verlasse: Erstens freue ich mich jetzt noch mehr auf die anstehenden Konzerte der Stoner Rocker Acid King (6.4., Kellerklub) und der Psychedelic Rocker The Flying Eyes (13.4., Zwölfzehn). Und Zweitens sollte ich unbedingt Paulo Coelhos Roman „Der Alchimist“ – eine Art psychedelische Schatzsuche – lesen, der einen so zentralen Einfluss auf die Musik von Zippo hat, dass sogar das neue Album „Maktub“ (arab. „es steht geschrieben“ oder „Schicksal“) mit einem Begriff betitelt ist, der in dem Roman eine Schlüsselrolle zu spielen scheint. Die psychedelische Schatzsuche im Kap Tormentoso war aber schon mal in jeder Hinsicht bereichernd.

Zippo, Kap Tormentoso, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Ein Gedanke zu „ZIPPO, 24.03.2011, Kap Tormentoso, Stuttgart

  • 31. März 2011 um 17:23
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    ich bereu es nicht bei Kyuss Lives gewesen zu sein, aber das klingt ja ganz großartig. Stonino (ital. „Stonerle“) gefällt mir sehr gut!!

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