Landtagswahl 2011: SPD, 14.03.2011, Liederhalle, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Nur fünf Tage nach unserem Besuch bei den Grünen, allerdings einige Kernschmelzen später in einem komplett verändertem politischen Klima, geht’s heute in die Liederhalle  zur SPD, in unserer kleinen Reihe der Wahlkampf-Besuche zur Landtagswahl 2011 in Ba-Wü.

Der Groove, wie wir Althippies das zu nennen pflegen, ist hier ein ganz anderer als bei den Grünen in den Wagenhallen. Dort im schummrigen, alternativen Ambiente Suppe löffeln, hier mehr so Pilsbar, viele TV-Kameras, nüchterner Hochglanz und reich gedeckter Merchandise Infotisch. An Letzterem gibt es nicht nur das Regierungsprogramm 2011 – 2016, sondern auch Saatgut für SPD-Sonnenblumen.

Das Klientel …obwohl Klientel, das sagt man wohl eher bei der FDP…das Publikum also sieht nicht groß anders aus als bei den Grünen. Vielleicht weniger Altbau-Mittdreißiger, dafür aber insgesamt mehr Leute im zu 2/3 gefüllten Schillersaal.

Bevor es los geht, kommt die Landtagskandidatin Ruth Weckenmann auf mich zu und fragt: „Bisch Du der Kandidat aus Backnang?“. Mein topseriöses Äußeres mit Ben Sherman Hoodie und Katz & Goldt T-Shirt „Pilze sind Jazz“ muss sie zu dieser Annahme verleitet haben. Leider vernein ich Hohlkopf, und bringe mich dadurch ohne Not um eine glänzende Politkarriere.

Endlich erfolgt der Einmarsch von Nils Schmid, dem Spitzenkandidaten der baden-württembergischen SPD, zusammen mit Olaf Scholz, dem hanseatischen Neo-Messias der SPD. Frenetischer Applaus samt rhythmischem Klatschen. Auch hier klares Distinktionsmerkmal zu den Grünen, dort gab’s nur Klatschen, ohne 4/4 Rhythmik.

Frau Weckenmann eröffnet die Veranstaltung offiziell mit einer kurzen Begrüßung („Lieber Nils“, „Lieber Olaf“…an die Duzerei bei den Genossen muss ich mich auch kurz eingewöhnen), und geht gleich in medias res mit den Themen Kernkraft, prekäre Arbeitsverhältnisse, Kinderbetreuung und der mehrmaligen Aufforderung „Mappus weg!“.

Foto: Steffen Schmid

Der „angehende Ministerpräsident“ (Frau Weckenmann) Nils Schmid kommt nun ans Pult, und beschwört in seiner Einleitung einen überfälligen, längst anstehenden Wechsel herauf. Das alles jetzt mehr so mit gebremst schwäbischem Elan, ein „changele“ wenn man denn so will.

Nils Schmid ist bestimmt nicht der mitreissendste Redner, doch hält er seine Rede frei und flüssig, und vermag die Zuschauer an einigen Punkten zu packen. So z.B.  als er Mappus nach seiner bedingungslosen Guttenberg-Solidarität jegliche Glaubwürdigkeit abspricht, oder er eine ursozialdemokratische Kernthese wie, dass die Herkunft nicht über den Erfolg einer Person entscheiden darf, zum Besten gibt.

Auf die aktuelle Tagespolitik mit dem seltsamen Laufzeitenverlängerungs-Moratorium geht er kurz ein, um festzustellen, dass Neckarwestheim I schon stillgelegt wäre, hätte man sich an den vereinbarten Atomausstieg gehalten. Kann man schlecht widersprechen. Seine recht kurze Rede beschließt er mit dem Themenkomplex Wirtschaft. Dabei lobt er die Arbeit der SPD-Minister der vergangenen Großen Koalition, die für den Aufschwung hauptverantwortlich seien. Nun gut, die vorher kritisierte Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse war aber anscheinend nur ein CDU-Ding…

Foto: Steffen Schmid

Olaf Scholz nehme ich eine Sache persönlich übel. Sein erdrutschartiger Wahlerfolg in Hamburg im vergangenen Februar hat Heinz Strunks Aufstieg zum Herrscher Hamburgs verhindert. Positiv verbinde ich ihn mit der Tatsache, dass er das Gegenteil eines charismatischen Medienstars ist. „Scholzomat“ wurde er wohl früher genannt, und nach all dem Guttenberg-Geblende, ist er eher so was wie der wohltuende Gegenentwurf zu dieser Gier nach Leitpersönlichkeiten.

Parallel zum Auftritt Trittins, merkt man auch hier sofort, dass ein größeres Kaliber auf der Bühne steht, Politprofi. Sichere, freie Rede, dabei recht locker wirkend, jede Geste sitzt. Das Hamburger Sprechtempo ist sowieso ein ganz anderes. Scholz Rede konzentriert sich hauptsächlich auf so „soft skills“  wie Pragmatismus („im Gegensatz zu Grünen und Linken“), verantwortungsvolles Regieren, politisches Handwerk. Die Steilvorlagen der schwarzgelben Regierung, Landes- als auch Bundes-, wie Laufzeitverlängerung und Guttenbergaffäre, werden natürlich aufgegriffen. Im Vergleich zu Trittin ist er dabei rhetorisch weit weniger scharf, auch weniger brillant nach meinem Dafürhalten, aber als Volksparteipolitiker der Mitte muss das wohl so. Die SPD Wirtschaftskompetenz unterstreicht auch er, ohne dabei aber zu vergessen, dass man im Gegensatz zu der CDU auch auf das Wohlergehen der Arbeitnehmer schaue. Seinen mit ca. 20 Minuten recht kurzen Vortrag beschließt er mit dem Thema Fachkräftemangel und Bildungspolitik.

Viel Applaus gibt es, schließlich steht hier der Mann, der das beste SPD-Ergebnis seit gefühlten Jahrhunderten eingefahren hat. Insgesamt hatte die Rede Trittins aber griffiger, weniger vage gewirkt. Dafür gibt’s Aufschläge in der B-Note bei Scholz (Körpersprache).

Zum Abschluss der Veranstaltung gibt’s noch eine kleine Fragerunde an Schmid und Scholz durch Frau Weckenmann, wobei mich so Anreden „Was glaubsch Du, Olaf…“ auch weiterhin zum Schmunzeln bringen. Nils Schmid schärft sein sozialdemokratisches Profil noch mit Aussagen zum Thema Menschen mit Migrationshintergrund, und dass Chancengleichheit wichtig sei für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Extrem konkret wird er mit der Aussage, dass eine SPD-Regierung die Wohnungsbaumittel im Land verdoppeln werde.

Zu guter letzt bekommt Olaf Scholz noch einen Essenskorb mit schwäbischen Leckereien überreicht, Applaus, alle raus, next stop für uns: Westerwelle.

Hier noch das Programm der SPD: klick

Ein Gedanke zu „Landtagswahl 2011: SPD, 14.03.2011, Liederhalle, Stuttgart

  • 17. März 2011 um 09:59
    Permalink

    Zur Vervollständigung:
    Heinz Strunk erzielte als Spitzenkandidat der PARTEI für die Hamburger Bürgerschaftswahl, also als Kandidat für das Amt des Ersten Bürgermeisters, immerhin 0,75 %. Das beste Ergebnis in der Geschichte der PARTEI, weiss Wiki.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Strunk

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