Landtagswahl 2011: BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN, 10.03.2011, Wagenhallen, Stuttgart

Bundnis 90 Die Grunen

Fotos: bertramprimus

Was soll denn das nun bitte? Springt der gig-blog jetzt auch noch auf den Wutbürgerzug und glaubt, sich politisch artikulieren zu müssen? „Die bekommen ja vielleicht gerade mal so einen lauwarmen Konzertbericht hin. Die werden sich ganz schön verheben bei dem großen Thema Politik!“ so der wütende Kommentar noch zu schreibender Leserbriefe.

Keine Angst! Anlässlich der Landtagswahl am 27. März in Baden-Württemberg wollen wir den unmöglichen Spagat wagen, sachlich distanziert, unterkühlt humorig über die Wahlkampfveranstaltungen der großen Parteien zu berichten. Nur sich darüber lustig zu machen, ist dann doch sogar uns zu billig, Politikverdrossenheit samt „die da oben“ Phrasen gehören nicht zu unserem Portfolio. Prinzipiell sind wir ja auch hier in einer Situation mit Bühne, auf der sich Protagonisten befinden, denen das Publikum (mehr oder weniger) gespannt lauscht. Mal schauen, wie das durch die gig-blog Brille so aussieht…

Der Bundestagsfraktionsvorsitzende der Grünen Jürgen Trittin ist das Zugpferd der heutigen Wahlkampfveranstaltung in den Wagenhallen. Bin das erste Mal auf so einem Event, und meine Erwartungshaltung tendiert irgendwie Richtung vollem Bierzelt und aufgeheizter Stimmung, bzw. 90%igem Lehreranteil samt Tanzgruppen in südamerikanischer Folklorekleidung. Der eigene Kopf als immense Ansammlung unnützer Klischees.

Es geht eher gemütlich, aufgeräumt zu, als wir ankommen. Die meisten Sitzplätze sind schon belegt. Publikum: gemischte Normalos. Der Sound könnte ein wenig gegenwartsorientierter sein als der Mittneunziger Drum’n’Bass, der läuft, aber anderswo gibt’s ja bestimmt Marschmusik. Weitere seltsame Erwartungshaltung meinerseits: Hier gibt’s bestimmt das beste Essen aller Parteien. Während ich der FDP falschen Kaviar zuordne, der SPD das harte Brot der Arbeit, den Linken gar nix (leider kleiner Versorgungsengpass in den Lebensmittelläden), der CDU grobe Wurst und weiter rechts bestimmt Robbenbabyfleisch aus Massentierhaltung, glaube ich hier Mediterranes und Gesundes vorzufinden. Kürbiscremesuppe gibt es. Nicht ganz daneben. Die ist auch lecker.

Meine Begleitung ist Parteimitglied, und als Trittin mit optisch ansprechender, weiblicher Begleitung ankommt, weist er mich darauf hin, er habe sich seine Parteimitgliedschaft schon sorgfältig und mit Bedacht ausgewählt. Auf der Leinwand über der Bühne läuft derweil eine Diashow mit Bildern des S21-Widerstands.

Der Abend geht so richtig los, als der graumelierte Roland Baisch auf die Bühne kommt, und nach paar Witzchen, die uns eher ein wenig frösteln lassen, ein eigenes Lied anstimmt. Nein, nein, die friedensbewegten Zeiten mit Betroffenheits-Folk liegen mittlerweile weit genug zurück. Der Song dreht sich humorig um Gangster-Rapper, und man merkt, dass der Mann Musiker ist. Aber meine Einschätzung, dass es selten gut geht, wenn Leute einer anderen Generation über aktuelle Jugendkulturen reden wollen, die ändert sich nach dem Lied nicht.

Besser gefällt er mir als Moderator für Muhterem Aras und Brigitte Lösch, beides Kandidatinnen des Kreisverbands Stuttgart. Frau Aras unterhält sich mit Baisch vor allem über das Thema Bildung und ihren eigenen beruflichen und politischen Werdegang, während Frau Lösch hauptsächlich über soziale Themen referiert. Dass letztere schon länger im Landtag sitzt, könnte man als Grund für ein insgesamt sichereres und lockereres Auftreten interpretieren. Ein wenig schmunzeln müssen wir bei Aras‘ Satz, der die ganze Hingabe zu ihrem politischen Leben unterstreichen soll, aber wortwahlbedingt etwas seltsam klingt: „Ich bin mir für gar nix zu schade.“

Nach einem kurzen Song von Roland Baisch betritt Jürgen Trittin so kurz nach acht die Bühne. Und man merkt gleich, dass da jemand von größerem politischem Gewicht auf der Bühne steht. Es ist plötzlich sehr still im Saal, als er seine Rede anfängt. Der hünenhafte Bremer beginnt anlässlich des Frauentags mit dem Thema Gleichberechtigung, um die ersten Attacken in Richtung Merkel zu fahren, aber vor allem rechnet er mit Kristinas Schröder ab, deren Geschlechterrollenbild natürlich konträr dem der Grünen gegenübersteht.

Einen kleinen Schlenker gibt es noch zum Themenkomplex Guttenberg-Diekmann-Sarrazin, und Trittins Einschätzung, dass er froh sei, dass sich eine aufgeklärte Gesellschaft bei diesem Thema durchgesetzt hätte.

Trotz seiner wahrlich nicht sonderlich eleganten Bewegungen und Gesten, bin ich doch beeindruckt von seiner sprachlichen Genauigkeit und seinen Formulierungsfähigkeiten. Er hält die Rede fast frei, setzt ab und an kleine Polemiken an die Gegner (Mappus bezeichnet er als skandalaffine F.J. Strauss-Reinkarnation), aber alles noch im grünen (haha!) Bereich, weit entfernt von alkoholisierten Schwadronierexzessen bayerischer Aschermittwochsreden. Bei diesen Gedanken ist mir dann auch klar, dass ich Spitzenpolitiker um ihren Job nicht beneide. Ich möchte nicht wissen, wie oft die so was machen müssen, neben all der anderen Arbeit, und dann noch jedes Mal so elanvoll rüberkommen.

Beim Thema Außenpolitik, die sich hauptsächlich um Libyen dreht, finde ich seine Kritik an der jetzigen Außenpolitik vielleicht am wenigsten überzeugend, aber gut, Joschka Fischer und seine sehr realpolitische Außenpolitik ist jetzt halt auch noch nicht so lange her. Und seitdem bleiben Militärschläge als ultima ratio bei den Grünen auch weiterhin eine Option, und so ultrakritisch mit Diktatoren war man damals eben auch nicht.

Der neue Innenminister und seine Islambemerkung bekommen auch noch ihr Fett weg, wobei ich dann diesen Satz für einen Spitzenpolitiker bemerkenswert klar finde: „Ich als Atheist sage, dass der Islam zu Deutschland gehört.“ Dieses Thema schließt er mit der Bemerkung, er wünsche sich „mehr Wulff, weniger Friedrich, und gar kein Seehofer.“

Am stärksten präsentiert sich die Rede bei der Kernkompetenz der Grünen „Umwelt, Energie, Verkehr“. Natürlich fällt darunter auch das brisante Thema S21, aber man merkt hier am ehesten noch, dass  mit großem Herzblut argumentiert wird. Dieser Teil der Rede ist dann schon beeindruckend, egal was man inhaltlich davon halten mag.

Nach ca. einer Stunde beendet er seinen Auftritt mit dem dringlichen Aufruf die Stimme den Grünen zu geben, denn nur sie seien der Garant für einen Machtwechsel im Ländle nach 58 Jahren Herrschaft der CDU.

In Teilen schon beeindruckend und auch überraschend kurzweilig war der Auftritt Trittins, da will ich ihm auch verzeihen, dass er gerne mal erwähnt, dass er bei Privatpartys als DJ die Toten Hosen auflegt. Schlimm genug, dass er’s macht, aber dann bitte nicht auch noch rumerzählen.

War heute Abend eigentlich etwas von einem Kribbeln eines möglichen Machtwechsels zu spüren, so Vorboten eines Summer Of Love in der schwäbischen Politik? Schwer zu sagen, man wird sehen.

Hier noch das Programm der Grünen: klick

5 Gedanken zu „Landtagswahl 2011: BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN, 10.03.2011, Wagenhallen, Stuttgart

  • 11. März 2011 um 20:59
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    Von seinen DJ-Aktivitäten habe ich auch schon gelesen – wie nennt er sich gleich, DJ Dose(n)PfandBüchse oder sowas.
    Das wär’s doch gewesen – DJ Dose packt nach der Hasspredigt die Decks aus, und legt Protestsongs der Hosen auf, während er unermüdlich Pogo tanzt, und Wahlplakate der CDU verbrennt oder sonst wie entweiht.

  • 11. März 2011 um 21:54
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    Gut gelungen und wichtig! Immerhin, diese Landtagswahl kann die bedeutendste in unserer Landesgeschichte werden….

  • 13. März 2011 um 15:17
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    Ich versteh den Sinn des Artikels nicht. „Beeindruckend“, „überraschend kurzweilig“, aha. Und was sagt das jetzt über die Grünen aus? Dass sie sich gut oder schlecht präsentieren können? Wie kam der Autor auf die 7 bei Unterhaltungsfaktor und auf die 6 bei Glaubwürdigkeit? Gewürfelt? Um wie viel unglaubwürdiger ist 5?

    „Die werden sich ganz schön verheben am Thema Politik“, ein wahres Wort.

    Grüßle …

    Jo

  • 13. März 2011 um 16:28
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    Wie gut oder schlecht sich eine Partei präsentieren kann, sagt viel darüber aus, wie gut sie Politik vermitteln kann. Die Mehrheit der Bevölkerung kann oder will sich nicht zeitintensiv mit Inhalten auseinandersetzen, Inhalte müssen also komprimiert, verständlich und von glaubwürdigen Personen vermittelt werden.

    Dieses Bemühen zu schildern und zu bewerten ist sicherlich ein Wagnis. Ein Wagnis, das nie frei von einer gewissen Rest-Subjektivität sein kann. Ich finde aber gerade dieser Artikel zeigt, dass es dieses Wagnis wert ist.

    Wenn es ein erweitertes Ziel des Gig-Blog sein soll, das Veranstaltungsleben in der Region widerzuspiegeln, kann man in der Hochphase des Wahlkampfes meiner Meinung nach Parteiveranstaltungen nicht ignorieren.

  • 13. März 2011 um 17:39
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    Brillanter Artikel Lino. Kenntnisreich, lustig, extrem gut zu lesen. Danke dafür!

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