GRUFF RHYS, 09.03.2011, Manufaktur, Schorndorf

Gruff Rhys

Fotos: Steffen Schmid

Von den  diversen Liedzeilen, die gelegentlich aus unerfindlichen Gründen in meinem Kopf laufen, gehört you’ve got to tolerate/ all those people that you hate aus „Juxtaposed With U“ der Super Furry Animals definitiv zu den meistgespielten. Gruff Rhys (ehemals SFA) und sein aktuelles Soloalbum „Hotel Shampoo“ wurden mir in den vergangenen Wochen von mehreren  geschätzten AuskennerTypen wärmstens ans Herz gelegt – zu Recht.

Wie schön, dass der Waliser in der Manufaktur in Schorndorf spielt, trotz Anreise in Kurzurlaubs-Dimension einer meiner liebsten Live-Clubs. Der Laden ist angenehm gefüllt (Sitzplätze gibt’s auch) und wie sich im Lauf des Abend zeigt, ist auch in diesem Fall die Qualität des Publikums der Quantität vorzuziehen. Sehr wohltuend das alles. CSU-Minister, Kehrwochenterror, PMS und anderer unangenehmer Quatsch, der einem notorisch den Tag versaut, sind schnell vergessen, Eskapismus vom Feinsten bzw. so soll es eigentlich immer sein.

Gruff Rhys (der Vorname wird „Griff“ ausgesprochen) lässt sich von seiner vierköpfigen Vorband begleiten, Accessoire du jour ist die Pudelmütze; Rhys trägt außerdem Karohemd und braune Cordhose. Zu verbergen gibt’s unter der Grobstrickmütze übrigens nichts, gegen Ende des Konzerts setzte er die nämlich ab und zum Vorschein kommt eine dichte Lockenfrisur. Und nicht nur die Frisur ist extrem jungenhaft, auch sonst regiert auf der Bühne eine unkomplizierte Boy-Next-Door-Attitüde, es wird gelächelt und gescherzt, freundlich danke gesagt, ausführliche Publikum-Ansprache gehört auch dazu. Zum Einsatz kommt außerdem eine (wohldosierte) Auswahl bunter Kinder-Instrumente – sehr charmant.

Die liebenswerte Naivität täuscht aber nicht darüber hinweg, dass hier Könner am Werk sind, die ihre Instrumente beeindruckend gut beherrschen. Vorm 80er-Jahre-Sonnenuntergang-in-Palm-Beach-Backdrop eröffnen Gruff Rhys und Band das Set mit Flötenmusik und gesampeltem Vogelgezwitscher. Weiter geht’s mit „Candy Lion“, der zarten Hitsingle vom zweiten Soloalbum. Den nächsten Song leitet Rhys mit der Frage ein, ob Archäologen im Publikum wären, das nächste Stück könnte sie interessieren. Zum Einsatz kommen Mundharmonika und Gruff Rhys‘ interessante Gitarre, von der das Internet behauptet, sie sei ein für Rechtshänder besaitetes Linkshänderinstrument, von einem Rechtshänder mir der linken Hand gespielt – anwesende Conaisseure wollen allerdings gegenteiliges beobachtet haben. Wie dem auch sei, mehrfach um die Ecke gedacht und trotzdem wunderbar anmutig ist das hier Dargebotene. Nicht ohne sich vorher höflich erkundigt zu haben, ob sich unter den Anwesenden jemand befände, der Walisisch verstünde, erläutert Rhys ausführlich die Handlung des walisisch-sprachigen Stücks „Pwdin Ŵy 1 & 2“, einer zweiteiligen Liebesgeschichte, die ihr trauriges Ende in einem einsamen Internetcafé findet. Nicht nur inhaltlich, auch musikalisch ist das Stück sehr gefühlvoll, vor allem im zweiten Teil, zu dem die Bühne in tiefrotes Licht getaucht ist. Gespielt werden auch ein gutes halbes Dutzend Songs vom neuen Album. Vor allem „Honey All Over“, das mir auf Platte fast zu süßlich ist, gefällt mir in der leicht schrammeligen Liveversion sehr. Natürlich darf auch das geniale „Shark Ridden Waters“ nicht fehlen – Hit!

Der warme Schlussapplaus wird mit Zugaben belohnt. Rhys spielt die ersten Töne von „Rubble Rubble“ und mutmaßt, dass dieses Stück vermutlich keiner kenne, da es der letzte Song des Albums sei und soweit sowieso keiner beim Hören gekommen wäre. Nett wäre es dennoch, so Rhys, könnte das Publikum gleich, wenn er das Stück zum zweiten mal anspielt, wenigstens so tun, als erkenne es einen liebgewonnenen Klassiker. Bei dieser zauberhaften Art der Wirklichkeitsmanipulation machen wir uns gerne zum Komplizen – und wunderschön ist das Lied tatsächlich. Bezaubernder Abend.

Gruff Rhys

Fotos: Steffen Schmid

Ein Gedanke zu „GRUFF RHYS, 09.03.2011, Manufaktur, Schorndorf

  • 10. März 2011 um 23:38
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    „Honey All Over“ war live wirklich wunderbar.

    Schön fand ich auch seine Bemerkung über die „devastating news about the Phil Collins split. The first solo artist in the history that split up.“

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