TU FAWNING, 03.03.2011, Manufaktur, Schorndorf

Tu Fawning

Foto: Steffen Schmid

Normalerweise ist es auf einem Konzert ja so, wenn die Musiker auf die Bühne kommen: Der Bassist nimmt den Bass, der Schlagzeuger setzt sich hinter das Schlagzeug, der Gitarrist hängt die Gitarre um, der Keyboarder stellt sich ans Keyboard – und egal, wie viel oder wenig Bewegung während des Auftritts auf die Bühne kommt, ist die Sache damit geregelt. Nicht aber bei Tu Fawning.

Die Band aus Portland, OR, erfreut den Betrachter mit einem nimmer enden wollenden Reigen verschiedenster Instrumente. Angefangen bei den gewöhlichen – also bei einer großen Zahl der hier besprochenen Bands vorhandenen –, wie Schlagzeug, Keyboards, ein oder zwei Gitarren, über die noch weit verbreiteten, wie Violine, Percussions, Trompete mit Dämpfer, zu den selteneren, wie Kuhglocke, Melodica oder einem einzelnen, an einer Schnur aufgehängten, kleinen Glöckchen. Das alles verteilt sich in den Händen der vier Musiker – gerne auch mehrfach, sodass am Ende drei davon mal hinter dem Schlagzeug gesessen sind, oder gleichzeitig, bis hin zu der kuriosen Konstruktion, mit den Beinen die Fußmaschine der Bassdrum zu bedienen, während man zugleich Gitarre spielt. Die so entstehenden Musikstücke sind derart vielfältig, dass sie sich wenig unter einen Hut bringen lassen, außer dass man erkennen muss, eine tiefe kreative Quelle vor sich zu haben, aus der übrigens noch mehr sprudelt: Die zarte Soloarbeit von Corrina Repp, die verwirrenden Klangkonstruktionen von 31Knots und Faux Hoax, den beiden anderen Bands von Joe Haege, Toussaint Perraults Nu Jazz- und Reggae-Band Ape Shade und Lisa Rietz‘ Glitch beeinflusster Indie Rock-Formation Swords Project sind allemal ein paar Mausklicks wert.

Alle vier Musiker singen bei Tu Fawning, häufig auch als einstimmiger Chor, jedoch stehen Haege und Repp als Sänger etwas im Vordergrund. Besonders die Stimme der letzteren geht einem da echt unter die Haut, warm und voll wie sie ist mit ihrem leichten Vibrato. Beth Gibbons von Portishead ist eine sehr naheliegende Assoziation, die sich bei „I Know You Now“ auch auf das ganze Stück mit seinem schleppenden Rhythmus und seltsamen Klängen übertragen lässt – aber nur dort. Der treibende Rhythmus von „The Felt Sense“ dagegen zeigt Momente des „Suspiria“-Soundtracks, bevor er in eine völlig andere Richtung abdriftet. Überhaupt dominiert das weit nach vorne gemischte Schlagzeug die Musik. Fast alle Stücke von Tu Fawning bewegen sich in der Länge von Radio-Singles, und sie alle spielen mit Versatzstücken aus klassischen Songsstrukturen, ohne sich dadurch irgendwelche Grenzen aufzwingen zu lassen. Die Musik ist nicht sperrig, aber immer ungewöhnlich und erfrischend einfallsreich.

Der ganze Abend in der als Venue perfekt passenden Manufaktur bekommt mit jedem Klang mehr einen warmen Farbton, während die sorgfältige, ruhige Vorgehensweise der Musiker auch in ihrem beständigen Wechsel von Bühnenposition und Instrument, den Eindruck erweckt, man befände sich in einem Film von Jean-Pierre Jeunet oder in der originellen wie verdrehten Welt aus „Funny Bones„. Denn genau in diese beiden surrealen Filmwelten scheint die anachronistische Musik von Tu Fawning zu gehören, sei es durch ihren leichten Varieté-Touch oder den Hauch von 20er Jahre-Flair.

Tu Fawning

Foto: Steffen Schmid

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