GERHARD POLT, 28.01.2011, Theaterhaus, Stuttgart

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Fotos: Andreas Meinhardt

Licht aus, Spot an. Mit ein paar Schritten kommt er aus dem Bühnenhintergrundsdunkel nach vorne, unter dem Arm trägt er den 752 Seiten dicken Folianten CIRCUS MAXIMUS von 2002 und ein paar dünnere Werke. Das bedruckte Papier legt er auf einem kleinen Tisch ab, stellt sich daneben und legt los, aber wie! Gerhard Polt ist das bajuwarische Weltendegericht der Sprachkritik in der Nachfolge von Karl Kraus und Karl Valentin, neben diesen beiden scharfsinnigsten Sprachbeobachtern hat er schon längst seinen ebenbürtigen Platz eingenommen und wieso, das stellt er heute wieder einmal unter Beweis. Vorgetragen werden in einer unglaublichen Präzision und genauestens beoachtet dumpfer und stumpfer Stammtischbrüderdada und rabenschwarze Metzgereifachverkäuferinnenfamilienkrisenbewältigungsbelletristik. Wie ein Jenga-Spieler, der Dir auch noch die allerunmöglichsten Steine ganz unten aus dem Stapel rausfummelt und überaus fies oben ablegt, so manövriert sich die Figur eines Polt-Monologes immer tiefer in krude Weltansichtssackgassen hinein aus denen dann nur noch eine ganz seltsame Umgehungsstrasse den Absurditätenstaplerfahrer hinausführt.

Da beginnt Dir der gemütlich anmutende Biertrinker im Wirtshaus von seiner kritischen Sicht auf die EU und seine Leidenschaft für das Schauen von History-Formaten im Fernsehen zu erzählen und am Ende erläutert er Dir schlankweg die Gründe, warum in Rosenheim ein Trafalgar Square das Stadtbild zu schmücken hat, denn nun sei Europa geeint und demzufolge hätten die Deutschen, zu denen die Bayern irgendwie dann doch gehören, in der Normandie zusammen mit den Engländern Europa vor dem Faschismus befreit, oder so ähnlich. Mein Vater sagt nach einem Abend im Kabarett, der nach seinem Geschmack war, immer: „Man müsste sich das alles halt einfach besser merken können!“ Hätte er auch heute wieder gesagt und sich gefreut. Polt setzt sich manchmal hinter den Tisch, dann steht er wieder auf, das meiste ist frei gesprochen und manches wird abgelesen. Nach einer Dreiviertelstunde haben wir und er eine kleine Pause nötig und dann geht’s weiter wie zuvor. Wer nicht wusste, was ein ROPS ist, vom PS-fanatischen Spießeropa, den Polt in einer Szene, alle Hightechfeatures seines neubestellten Riesenboliden beschreiben lässt, hat er es erfahren: Ein Roll-over-Preparation-System. „Unabdingbar als Lebensretter, wenn Du Dich mit Deinem Auto mal überschlagst. Ich sag‘ nur, hätte der Haider in seinem Auto ein ROPS gehabt, stünde Österreich heute politisch anders da!“ [sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert]

Doch Polt denunziert seine Figuren nicht, er mag sie alle irgendwie diese Hallodris, Spießer, Stammtischbrüder, Bruddler, Keifer, Adabeis, CSU-Amigos und Schaumschläger, und er hört ihnen sehr genau zu. Der Dialekt und seine Asurditäten und Untiefen, sprachliche Widersprüche und Unmöglichkeiten, Lehnwortwahnsinn und Hohlformen der Angeberrede und des Beamtendeutsch, hier wird das feingeschliffene Sprachskalpel angesetzt und wenn der Lingualpathologe fertig ist, dann ist nur noch das nackte und bloße Skelett übrig, sonst nichts mehr. Für Dialektliebhaber ist es ein Hochfest, wenn Polt sich in Rage brüllt und tobt, und ich kenne niemandem, dem das stimmhafte ‚R‘ so hervorragend schmeckt wie ihm. Ich glaube, müsste er sich für einen Lieblingskonsonanten entscheiden, er würde sich für das ‚r‘ im „Schweinsbraten“ entscheiden. Eine wahre Freude ist es, da zuzuhören und alle, die wo nur der Hochsprache mächtig sind, wissen gar nicht wie viele Ausdrucksmöglichkeiten ihnen eigentlich fehlen!

Einen könnte es geben, den mag der Kabarettist Polt dann doch vielleicht am Ende gar überhaupt nicht. Der Papst, den er als Zugabe fistelnd und kopfstimmig eine Grußbotschaft auf Italienisch an seine deutschen Bründer und Schwestern, die der Mißbrauchsskandal arg geschüttelt und gebeutelt hat, verlesen lässt, klingt so verlogen und bigott („hählinge“ halt!), dass für einen kurzen Moment wahrscheinlich jeder römische Katholik im Publikum über den Austritt nachgedacht hat, aber nur kurz, nach dem Schlussapplaus war’s dann wieder vergessen.

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Fotos: Andreas Meinhardt

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