STEFANIE SCHMID, 14.12.2010, Renitenztheater, Stuttgart

Foto: Promo

+++ Anno 1939. Stopp. Einen Monat vor Kriegsbeginn. Stopp.+++

Liselotte Bunnenberg alias Lale Andersen lässt ihren Schlager Lili Marleen auf eine Elektrola-Schallplatte stanzen. Der Song erreicht alsbald die Antennen des Soldatensenders Belgrad, und wird dort von 1941 an, stets kurz vor Sendeschluss, die Fronten Europas und der Mittelmeerregion mit heimatlichen Klängen versorgen. Beiderseits. Folgerichtig wird er zum Hit, der Lale Andersen Ruhm und Geld einbringt, folgerichtig wird er zur Soldatenhymne, die ihr Segen und Fluch zugleich sein soll, folgerichtig wird Andersen zu einem der vielen Propagandainstrumente des Dritten Reichs. Im Gegensatz zu Kollegen wie Heinz Rühmann fällt Andersen allerdings in Ungnade, entwickelt sich von der Blockflöte zur Querflöte und garantiert damit die zukünftige Haftung des Etiketts ‚unpolitischer Künstler in tragischen Zeiten‘ über alle Nachkriegszeiten.

+++ Weihnachten 2010. Stopp. 65 Jahre nach Kriegsende,
Wehrpflicht bald futsch. Stopp. +++

Das Renitenztheater ist voll. Der Publikums-Truppenwürfel umfasst runde 250 Gäste, im Hauptzug Senioren und Seniorinas. Versprengt auf der Bühne, alte Reisekoffer – Notenständer plus Stuhl an der Ostflanke – frontal ein aufgestellter Retro-Überseekoffer, der, links und rechts von Tüchern bespannt, mehrmals als Paravent dienen wird.

Stefanie Schmid alias Lale Andersen kreuzt die Bühne. Bemantelt in 20er-Jahre-beige mit Fellkragen, weitere Koffer in der Hand. Begleitet von Daniel Kabulski am Akkordeon stellt sie sich vor, erzählt die Anfänge der Liselott aus Bremerhaven, die, viel zu schnell verheiratet, am Boden der Provinz haftet. Doch das junge Mädchen hat Träume, Sehnsüchte nach der großen weiten Künstlerwelt plagen sie im zwangsidyllischen Zwei-Kind-Familienkessel, es ist bald Zeit für einen Ausbruch. Passend dazu singt Stefanie Schmid als erstes Andersens „kleine Sehnsucht“ ein, und macht das ausgezeichnet.

Der Song klingt mit Bahnhofsgeräuschen vom Band aus, Lale Anderson befindet sich nun in Berlin, symbolisiert durch einen der vielen Koffer. Schmid öffnet ihn, nimmt darin Platz, mustert sich in einem Handspiegel und charakterisiert Andersens rein äußerliche Bühnentauglichkeit. Von Dauer ist der liebevoll gesalzene Monolog im Koffer nicht, nach wenigen Sätzen steht Schmid auf, lässt die Andersen-Station hinter sich und führt, mit abgelegtem Mantel, in rotem Kleid, eine Vorsprechszene (Andersen im Kabarett der Komiker) auf. Darin eingebettet auch hier der passende Song.

Ja, maritim und musikalisch geht es zu im Leben der Lale Andersen. Und auf jene Schiffsreise durch die goldenen 20er, mehr aber noch durch die miefigen 30er und 40er, nimmt Stefanie Schmid die Gäste mit. Sie öffnet dabei Motivkoffer um Motivkoffer, befüllt mit Souvenirs, wechselt zwischen narrativen Erzählelementen, Zwiegesprächen, Monologen und einer kleinen Sammlung bekannterer und unbekannterer Schlager. Es geht nach Zürich, wo Andersen ihrer großen Liebe, dem (jüdischen) Komponisten Rolf Liebermann, begegnet, und mit ihm, in ärmlichen Verhältnissen, durch die Lande tourt. Eine weitere Station ist München, wo sie auf Hans Leips Gedicht Lili Marleen aufmerksam wird, welches sie später, vertont durch den Nazikomponisten Norbert Schultze („Bombenschulze“) zum ersten deutschen Millionenseller trällert.

Von da an macht die Reichskulturkammer aus Andersen eine deutsche Vorzeigefrau. Schmid wirft sich dazu in bäuerliche Schale, stellt den Freudentaumel einer von Soldatenbriefen umschwemmten Sängerin nach (liest aus einem Tagebuch und aus Briefen vor) und erzählt von Andersens Fronttourneen, zu denen sie ‚abkommandiert‘ wird. Die zunächst stillen Zweifel gipfeln in Andersens Absage einer Reise nach Wahrschau – sie fällt in Nazi-Ungnade, weil sie sich weigert, im Ghetto aufzutreten.
Die beiden folgenden Höhepunkte der Revue sind dicht beieinander platziert. Das Bühnenlicht dimmt ab, Schmid leuchtet ihr Gesicht mit einer Tischlampe aus und wird von einer NS-Tonbandstimme reichskulturkammermäßig verhört. Das Ergebnis: Auftrittsverbot. Anschließend legt sie sich in den Überseekoffer, klappt den Deckel bis auf einen Spalt zu und setzt zu einem Klagelied an (vermutlich friesisch). Das mag für sich genommen etwas zu dick aufgetragen wirken, doch es funktioniert und nimmt einen mit.

Lale Andersens Leben ist damit nicht zuende, auch wenn es dem Vernehmen nach haarscharf gewesen sein soll. Sie überwintert die dunkle Zeit, selbstverständlich als Opfer der bösen Umstände, nicht ohne einen lieblichen Strauß lauwarmer (da und dort eingestreuter, gut dargestellter) Rechtfertigungen. Zweifel sind wie immer erlaubt, doch nicht wirklich Inhalt einer Solo-Revue, die ganz 20er-stilecht mit affektiert fröhlichem Charme daherkommt. Ein Manko sind die Lieder selbst, denn sie haben leider sehr wenig mit den eher zeitlosen Chansons der Marlene Dietrich oder Hildegard Knef zu tun. Zu völkisch volkstümlich, zu konform, zu viel Kirmes, zu viel Hans-Albers-Schunkelei.

Was uns Äußerst-Spätpubertäre die guten 80er oder 90er sind, sind den adulten Stammzellen vermutlich die 20er- oder 30er. Es war ein schöner Abend mit einem ideenreich umgesetzten, bisweilen glänzend aufgeführten Stück Zeitgeschichte.

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