SCOOTER, 11.12.2010, Schleyerhalle, Stuttgart

Scooter

Fotos: Steffen Schmid

Pyro-Explosion, suchende Scheinwerfer, Phantom-Of-The-Opera-Orgeltune… – rumps – die Beats werden angeworfen, die aufs Publikum gerichtete Strobowand angeknipst und los geht Scooters Achterbahn mit J´adore Hardcore. Volksfest ist angesagt. 3000 Leute in der abgehängten Schleyerhalle jubeln und der blondierte, hühnenhafte Frontmann H.P. Baxxter peitscht seine Shouts und Phrasen in die Menge.

Are you ready to rock? Are you ready to kick some ass? Are you ready for some h-a-r-d-c-o-r-e  t-e-c-h-n-o  m-u-s-i-c?

Wie bei meinem DJ-Bobo-Konzertbesuch vor einem halben Jahr bin ich wieder in Sachen Pop-Phänomen-Forschung unterwegs. Stuff The Turkey heißt Scooters kurze Dezembertour durch Deutschlands größte Hallen… wie geht das, was geht da ab?

1994 wurde Techno auf breiter Front populär und „Onehitwonder“ Scooter war in den Charts mit einem Technotrack namens Hyper Hyper, dessen zentraler Bestandteil aus der Aufzählung von den damals angesagtesten Techno-DJs bestand. Von der Szene belächelt und mit konsequentem Nichtspielen bestraft, waren damals all diejenigen DJs froh, die nicht in Hyper Hyper genannt wurden.

Heute, 30 Millionen verkaufte Tonträger und 16 Jahre später kennt die in Hyper Hyper zelebrierten DJs kaum noch jemand (mal von Sven „The Godfather“ Väth und ein paar anderen abgesehen), bleiben aber so noch in Erinnerung. Scooter hingegen füllen riesige Hallen und gehören fest zur deutschen, international erfolgreichen Populärkultur – wie eine andere Band mit Hannoveraner Wurzeln auch, deren Namen auch mit den Buchstaben SCO beginnt: die Scorpions. Auch große Poser. Gut, Scooter sind seit langem in Hamburg beheimatet, aber die genannten Analogien sind doch verblüffend. Ich schweife ab…

Also: was machen Scooter so derart richtig? Und wer geht zu Scooters Konzerten?

Where The Beats Have No Name

Achtung, wilde These: Scooter sind der Tarantino für Techno. Quentin Tarantino konsumiert extrem viele Filme verschiedenster Genres und spuckt das dann in komprimierter, massentauglicher und drastischer Art wieder aus und macht es für Nichtkenner zugänglich. Bestes Beispiel: Kill Bill, quasi ein Remix aus verschiedenen asiatischen Subgenres.

So auch Scooter, sie suchen sich eine eingängige Melodie, die es entweder schon gibt oder die alle mitsingen können, Rick J. Jordan (Hendrik Stedler) packt seinen Technosound drumrum und setzt die bpm auf 140 bis 180, H.P. Baxxter (Hans Peter Geerdes) vertreibt den Song mit seiner Stadionsprecher-Performance und raus kommt dann I´m Raving (Original: Walking In Memphis) oder Where The Beats Have No Name (Original: raten!). Oder sie lassen sich von der E-Gitarre des legendären Technotracks Welcome To The Future von Eskimo & Egypt inspirieren und setzen es in Scooters Stück Fire ein. Legendär deshalb, weil das erste mal im Techno die bis dato verfemte E-Gitarre eingesetzt wurde. In Call Me Manana samplen Scooter James Brown Is Dead von L.A. Style, der erste Technotrack, der in diversen Charts auftauchte. Dieser Track war damals der Wendepunkt für Techno vom Underground zur Massenbewegung. Scooter haben ihn vor dem Vergessen bewahrt und partytauglich eingebaut (oder geklaut, das ist Ansichtssache). Abgerundet werden Scooters Tracks von H.P.s teils dadaistisch anmutenden, eingängigen Texten wie The Question Is What Is The Question.

So viel zur Vorgehensweise im Studio.

Faster, Harder, Scooter!

Das im Hintergrund agierende Bandmitglied Jens Thele ist hauptsächlich für Management und Vertrieb zuständig. Ähnlich wie bei DJ Bobo erscheint Scooter auf dem bandeigenen Label Sheffield Tunes. Also bleiben große Teile der Steuerung und Wertschöpfung in eigener Hand.

How Much Is The Fish?

Im Konzert setzen Scooter auf Bass, Beats, Pyro, Licht und Superposer H.P. Baxxter – fertig ist die Show, eine Mischung aus Rave, Bierzelt und Fischmarkt (How Much Is The Fish? oder Does The Fish Have Chips?). So auch heute Abend. Teenager bis 50jährige, Raver mit diesen Hosen, partywütige Metaller mit Kutte, ein ganzer Pulk mit blinkenden Nikolausmützen vom Weihnachtsmarkt und eine ältere Dame mit groben Gesicht, auf deren T-Shirt Lass uns tanzen oder ficken oder beides steht (der Name des gleichnamigen Scooter-Songs vom Album The Ultimate Aural Orgasm) – alle feiern heute Abend den Kirmestechno und haben mächtig Spaß. Das mit dem Spaß am Techno, der ja gern mal ernst und kalt daherkommt, das könnte Scooters „Geheimnis“ für die Liveshows sein…

Die Lightshow mit den gefühlten 40 farbwechselnden Strobos auf drei Ebenen unterstützt die Technoshow perfekt, die segmentierten Videoelemente sind meines Erachtens allerdings etwas verschenkt: der dargestellte Content (Flecken, Fraktale, Flugzeuge, pulsierende Punkte etc.) wird nicht vom konventionellen Lichtdesign fortgeführt, er scheint manchmal geradezu zufällig ausgewählt. So schaffen es Scooter zumindest für mich nicht wie etwa Faithless drei Wochen zuvor, mittels Licht und Performance ähnlich gestrickte Dancefloor-Hits hintereinander so zu präsentieren, dass ein Höhepunkt dem anderen folgt, ohne dass ein Abnutzungseffekt eintritt. Oder anders gesagt: auf Dauer ist mir das dann doch zu stumpf.

Nach knapp zwei Stunden ist die basslastige Klingeltonshow vorbei, im Zugabenmedley wird dann tatsächlich Hyper Hyper angerissen. Zum Abschluss stellt H.P. die Bandmitglieder vor und schließt mit den Worten:

… and by the way, my name is H.P “fucking”…

[Mikro in Richtung Publikum]

… B-A-X-X-T-E-R

Herrlich! Scooter ringt mir ordentlich Respekt ab. Ein Phänomen.

Scooter

Fotos: Steffen Schmid

12 Gedanken zu „SCOOTER, 11.12.2010, Schleyerhalle, Stuttgart

  • 13. Dezember 2010 um 00:32
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    Nicht dass ich Tarantino-Fan wäre (halte ihn für überschätzt), aber imo hinkt der Vergleich. Tarantino reproduziert nicht nur, er interpretiert, wenn auch weitgehend unreflektiert.
    Ansonsten mein Beileid, bertram. :)

  • 13. Dezember 2010 um 09:48
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    Also ich finde Faithless in jeder Hinsicht besser: Erstens klingt es so, als sei der Abend besser gewesen, dann klingt Faithless besser und drittens klingt der Artikel besser.

    Der Tarantino-Vergleich übrigens hinkt, denn erstens interpretiert er, zweitens persifliert er und drittens ist damit auch ‚reflektiert er‘ notwendig und gegeben. Ich sage das ganz unvoreingenommen und als Fan.
    Abgesehen davon ist Tarantino einer der besten Dialogautoren, die ich kenne, während sich Scooter textmäßig auf Rambo-eine-Zeile-bringt-den-Plot-voran-Niveau bewegt. Wenn jemand noch bessere Dialogautoren kennt: Bitte melden!

  • 13. Dezember 2010 um 10:00
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    Scooter interpretiert doch auch:
    Status Quo = Party Rock
    Scooters Status Quo Cover = Party Techno.

    Man muss als Autor auch mal was wagen ;-)

  • 13. Dezember 2010 um 20:34
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    @stegoe: super Link!

    Habe auch noch einen schönen:

    DURCH DIE NACHT MIT H.P. BAXXTER & HEINZ STRUNK – Heinz improvisiert mit seiner Querflöte zu Scooters Beats =>

    https://www.youtube.com/watch?v=owcb786ti4E

  • 14. Dezember 2010 um 06:44
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    Tarantino persifliert nicht, sorry Claus. Was er macht, ist eine tendenziell kitischige, aufgebretzelte genre-hommage nach der anderen. Mit Superlativen wie „bester Dialogautor“ kann ich übrigens wenig anfangen :)

  • 16. Dezember 2010 um 07:22
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    mein herzliches Beileid für den Abend, da braucht man doch tagelang die volle MOTÖRHEAD Dröhnung, um den ganzen Müll aus den Ohren zu bekommen. Und das Bild und die Beschreibung des Publikums (ältere Dame mit FICKEN Shirt – mich schüttelte es schon beim Lesen) gibt mir schon ausreichend Gründe, sowas nicht mitzumachen. Und der Vergleich mit Tarantino hinkt nicht nur, er ist nicht lauffähig :-)

  • 16. Dezember 2010 um 07:22
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    ach ja: hatte ich vergessen: Kompliment für den MUTTER Bericht :-)

  • 16. Dezember 2010 um 08:18
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    Nee oje, Jo … aber da werden wir uns nicht einigen (danke, Bertram, endlich eine echte Kontroverse!). Aber, Jo, ich schrieb „einer der besten“. Das ist schon was anderes als „bester Dialogautor“.

    Für Hinweise auf andere bin ich nach wie vor offen (i.e. her mit)!

  • 16. Dezember 2010 um 12:25
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    hab noch nen vergleich… coyp’n’paste techno

  • 16. Dezember 2010 um 12:27
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    hehe…. autoscooter ;)

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