MOTÖRHEAD, 04.12.2010, Schleyerhalle, Stuttgart

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Fotos: Steffen Schmid

Alle Jahre wieder kommt zur Weihnachtszeit nicht nur das Christuskind auf die Erde nieder, sondern auch verlässlich wie ein Schweizer Uhrwerk, Motörhead, und zwar nach Stuttgart. Und jedes Jahr, wenn ich vom anstehenden Konzert erfahre, denke ich mir – hat er es tatsächlich wieder geschafft, dem Leben noch ein Jahr und eine Tour abzuringen. Gemeint ist Ian „Lemmy“ Kilmister, er ist Motörhead und Motörhead ist Lemmy. Sicher einer der authentischsten lebenden Rocker, der noch unter Jimi Hendrix diente.

Dieses Jahr wird er voraussichtlich seinen 65. Geburtstag zusammen mit dem Christuskind am 24.12. feiern dürfen, und das ist nach 35 Jahren Motörhead, und davor einige Jahre Hawkwind, schon eine echte Überraschung, sollte auch nur die Hälfte der wilden Geschichten in der Autobiographie „White Line Fever“ (WLF) (nach dem gleichnamigen Motörhead-Song) stimmen. Dieses Buch sei an dieser Stelle sehr empfohlen, ob man jetzt die Musik mag oder nicht, die Geschichte von Lemmy ist in erster Linie sehr unterhaltsam und kurzweilig. Und der Motörhead-Fan erfährt sehr interessante Details zur Entstehung der Motörhead-Alben bis zur Veröffentlichung des Buches.

Kleine Auszüge zum Appetit machen: Den Spitznamen hat er nach seinen Angaben seit er 10 ist, den Schnauzbart seit dem 11. Lebensjahr. Lemmy beim Arzt zur Blutuntersuchung: „You don’t have human blood any more. And you can’t give blood either. Forget it, you’ll kill the average person because you’re so toxic.“ Auch sei jedes Interview mit ihm empfohlen – die sind immer gespickt mit besten Sprüchen, aber auch überraschenden Lebensweisheiten wie „Sex is the most fun you can have without laughing“. Oder man erfährt, dass der Bandname mit einem „ö“ versehen wurde, da das deutsch aussieht, damit böse und die Frakturschrift besorgt dann den Rest.

Mein letztes Motörhead-Konzert liegt länger zurück, 2000 war das, im LKA, und es hat mich auch seither nicht mehr zu den Shows in den größeren Stuttgarter Hallen gezogen, weil ich die damalige so gut fand, dass ich das Erlebnis für nicht wiederholbar halte. Das Getränk des Abends war der sogenannte „Lemmy“, der großzügig ausgeschenkt wurde – Hauptbestandteil, keine Überraschung: Jack Daniels. Ich weiß nicht mehr, wie viele ich gepackt habe, bevor es mir die Beine weggerissen hat, aber als ich nach dem Konzert, an das ich mich trotzdem noch zu erinnern glaube, wegen allgemeiner Aufbruchstimmung am Boden im Toilettenbereich aufgewacht bin, und eine blutige Hand gespickt mit Scherben vorzuweisen hatte, da war mir klar, dass man ein Motörhead-Konzert nicht besser absolvieren kann.

Der heutige Abend ist deutlich gepflegter abgelaufen, was schon an der Halle liegt. Obwohl ich die Schleyerhalle kaum wieder erkenne mit all den Vorhängen und der anders platzierten Bühne, und den ca. 5000 Besuchern, es vor allem nach hinten hin noch deutlich Platz. Fürs LKA zu viele Leute, für die Schleyerhalle eigentlich zu wenig, kommt es mir vor, aber wohin mit gerade dieser Anzahl?

Die Show beginnt mit einer klaren Ansage vom Chef, „We are Motörhead and we play Rock n Roll“, mit einer Stimme, die schon fast nichts mehr Menschliches hat. Derb. Die kommt glaube ich immer, die Ansage. Und weil das so ist, wird das Set auch mit dem Stück „We are Motörhead“ vom gleichnamigen Album eröffnet. Kleine Enttäuschung zu Beginn: Wo ganz früher noch halbe deutsche 2. Weltkrieg-Bomber (Lemmy hat eine Schwäche für Nazi-Memorabilia, aus ästhetischen Gründen wie er sagt, obwohl er sich als Wiedergeborener aus dem 3. Reich sieht, und angeblich ein Hitlerjugend-Messer einsatzbereit hat) oder eiserne Fäuste hingen, nämlich über der Band, ist mal abgesehen vom Cover der in kürze erscheinenden neuen Platte „The Wörld is yours“ auf einem Tuch nichts zu sehen. Und das bei T-Shirt-Preisen von 30 €, die Tasse für den Fan schlägt mit fast schon verbrecherischen 15 € zu Buche. Egal, Steffen und ich tappen natürlich in die Falle.

Weiter geht’s mit „Stay Clean“ vom sehr guten „Overkill“-Album (1979), und langsam wird mir klar, dass da womöglich nicht mehr viel passieren wird auf der Bühne. Lemmy bewegt sich keinen Millimeter, und da es sich um ein Trio handelt, kommt auf einen Quadratmeter Bühne nur wenig Rocker. Deshalb weg von der gemütlichen Tribüne, ab nach vorne, hoffentlich etwas mehr Rock’n’Roll-Stimmung abkriegen, und das sollte insofern klappen, als dass mir jemand ein halbes Bier hinten in die Hose kippt. Geht doch. Weiter vorne haut’s einen bis jetzt von der Performance her auch nicht um, aber das sollte sich noch ändern. Mit „Get Back In Line“ vom neuen Album geht es weiter, und jetzt könnte man ja schreiben, dass es sowieso egal ist, welches Lied sie spielen, denn Motörhead veröffentlichen ja seit 35 Jahren immer wieder die gleiche Platte – heißt es.

Dem kann ich nur teilweise zustimmen, sicher, auf unnötige Experimente wird großteils verzichtet, aber die Knaller sollten noch kommen, und die machen dann doch den Unterschied. Trotzdem sei gesagt, die neue Platte kann man sicher kaufen, ohne enttäuscht zu werden. Weiter mit Metropolis, wieder von „Overkill“, „Over The Top“, „One Night Stand“ und „Rock Out“ kommen noch vor einem einsamen Gitarrensolo, dass uns jetzt wenig begeistert, und wohl im Falle von Motörhead ganz andere Gründe hat – Stichwort: Nachtanken.

Das Bühnenbild erfährt dann doch noch eine Änderung, und zwar wird eine andere Version vom Bandlogo, dem sogenannten „Snuggletooth“ hochgezogen oder runtergelassen, und etwas Nebel wird auch noch versprüht. Das war es aber dann wirklich mit nutzlosem Beiwerk, denn man will nicht vom Wesentlichen ablenken.

„Going To Brazil“ schüttelt mich wieder durch, da Lemmy das Stück den Brasilianern im Publikum widmet, und da darf ich mich angesprochen fühlen. Das sind so die Momente, in denen es mir wieder einfällt. Tolles bluesiges Stück, witziger Text über eine Flugreise nach Brasilien (duh!) „All the booze is free, airline going broke, here come the lady with another jack and coke, wanna watch the movie, can’t sit still, flying down to Rio, going to Brazil.“ Die schweren Geschütze werden aufgefahren, „Killed by death“ lässt die Stimmung und den Mitgröhleffekt steigen, „Ace Of Spades“, die ultimative Outlawhymne, die Lemmy eigentlich nicht mehr ertragen kann (WLF), aber er in eiserner Pflichterfüllung weiß, dass die Nummer Live IMMER kommen muss.

Die Zugaben sind „Born To Raise Hell“, der nächste Knaller, der kürzlich noch zum Anheizen der Volbeat-Fans verwendet wurde, jetzt und hier im Original daher, traumhaft, dann noch „Overkill“ und Feierabend.

Obwohl 18 Stücke hätte ich mir noch mindestens 10 wünschen können, aber nicht übertreiben, die kommen hoffentlich nächstes Jahr im Dezember in Stuttgart. „All the good guys are gone – that’s why I’m still here“, Lemmy (WLF).

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Fotos: Steffen Schmid

3 Gedanken zu „MOTÖRHEAD, 04.12.2010, Schleyerhalle, Stuttgart

  • 23. Dezember 2010 um 10:42
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    aus der neuen Titanic – Zitat von Lemmy, Antwort auf die Frage wie denn das Verhältnis zu seinem alten Gitarristen Fast Eddie Clarke sei. »Ich würde ihm nicht mal ins Maul pissen, wenn seine Zähne brennen.«

  • 23. Dezember 2010 um 19:35
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    Hehe, ich kenne das gleiche Zitat, wahrscheinlich aus dem Buch, über George W. B..

  • 3. Februar 2011 um 16:59
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    Das war ein wahnsinns Konzertabend und eine tolle Metal-Show! Lemmy und seine Jungs haben es noch genauso drauf wie vor 20 Jahren!

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