MATHIAS RICHLING, 03.12.2010, Beethovensaal, Stuttgart

Foto: Promo

– Wie man eine Kabarettsendung in den Sand setzt –
(Gebrauchsanleitung)


1 – Man klaue Carell das ‚Rudis-Tagesshow‘-Konzept aus dem Grab (und verschlechtere es).

2 – Man suche sich ein paar beliebige Labertaschen ohne Biss, aber mit ausdauernden Kaueigenschaften, Leute wie Ingolf Lück, Sigi Zimmerschied oder MM Profitlich (wie der arme Andreas Rebers da reingeraten ist?).

3 – Man degradiere einen politischen Kabarettisten zum witzelnden Nachrichtensprecher und Moderator (noch schlimmer, er hat es selbst getan).

4 – Man verzichte auf einen für das Format wichtigen Wochenrhythmus.

5 – Man missachte die wesentlich bessere Konkurrenz.

Mathias Richling ist letztlich doch vom ‚Satire-Gipfel‘ abgesprungen, mit einiger Verspätung (Ende 2010), die nicht an der Höhenangst gelegen haben kann. Frei von jener einst selbst auferlegten Bürde hat er nun ein neues Bühnenprogramm geschrieben, wie so oft recht nerdy betitelt, diesmal lautet der Name „Richling-Code“. Sonderlich viel zu tun hat der Titel nicht mit dem präsentierten Inhalt, obwohl es stellenweise pastoral zugeht, sucht man Codiertes und Verschwörungen, auch die FIFA-esken, selbstverständlich vergeblich.

Aber von vorn.

Anfang Dezember. Die Stimmung vorweihnachtlich, die Häuser in Lichterketten gelegt, Spendenbereitschaft und Konsumlust wechseln mit dem Blutzuckerspiegel. Und bald, ja bald, da die Familien kurz vor der Implosion stehen, wird es erst richtig fiebrig, denn die kanalübergreifende Jahresrückblicks-Pandemie steht unmittelbar bevor. Genau der richtige Zeitpunkt für eine politische Bestandsaufnahme Marke Richling, möchte man meinen.

Ins Warme.

Der weitläufige Beethovensaal ist mittelmäßig besiedelt, die Bühne dafür reichlich staatstragend ausgestattet. Fünf freistehende Türen, davor eine lange Tafel mit Tischdecke in Schwarz-Rot-Gold, auf der noch unbenamte Schildchen schlummern, randwärts je ein beschauliches Stufentürmchen. Es herrscht Symmetrie.

Mathias Richling macht den Schussel, tritt noch vor dem ‚echten‘ Beginn an, kontrolliert bei voller Saalbeleuchtung das Bühnenmobiliar, lässt sich zu einigen Plappereien hinreißen (inklusive Publikumsschelte), bemerkt schließlich den wohl inszenierten Faux-Pas mit vorgehaltener Hand und zappelt eine kurze Begrüßung ins Publikum.

Bereit für das Richling-Stammelballet.

Es geht los. Eins-zwei-drei, Wiki-Leaks-Westerwelle, Wiki-Leaks-Merkel, Sarrazin, Kachelmann, Mappus (Parodie). Und-hoch-das-Bein, Stuttgart 21, Volksbegehren, Google-Street-View, Kinderpornoseiten, Pofalla, Lauterbach (jeweils Parodie). Hacke-Spitze, Helmut Schmidt (P), RAF, Demokratie, Diktatur, Steinmeier (P), Klaus Ernst (P), Gysi (P). Van-Damme-Spagat, Joachim Bublath (P), Evolution, 68er-Schlaglichter, Kapitalismus, Finanzkrise, Schäuble (P), von der Leyen (P).
Pausen- wie atemlos handelt Richling die Themen ab, hüpft dabei über die Bühne, von Station zu Station, um mal dem einen und mal dem anderen Publikumsflügel näher zu sein, wenn er ein Namensschildchen umdreht (nettes Gimmick) und den jeweiligen Politiker karikiert. Allein Mutti Merkel darf dabei mehrere Soli bestreiten, stets von einer Glocke eingeläutet.

Hechelnde Wortspiele, Haspeleien, beabsichtigt dummdreiste Versprecher wechseln munter mit wirren, verdrehten, aber in sich logischen und durchaus intelligenten Argumentationsspiralen, die bekanntlich zu Mathias Richlings Markenkern gehören. Der Bahnhof muss in die Tiefe, weil er ein Denkmal ist, das spätere Generationen vielleicht ausbuddeln wollen. Die DDR hat nie ein Menschenrecht missachtet, weil sie keine hatte, Westdeutschland wurde nach dem Krieg demokatisiert, weil höchstens ein Viertel der obrigkeitsgewöhnten Deutschen noch eine Diktatur wert war, für mehr hats nicht gereicht. Wenn Reiche auf einen neuen Satz Porschereifen verzichten, sparen sie weit mehr als Harzer beim Elterngeld, überhaupt sind die Armen des Landes insgesamt weitaus reicher, es verteilt sich nur auf mehr Köpfe.

Man bräuchte eine Pause

Die Polit-Karikaturen, allesamt ohne große Verkleidung gespielt, pusten regelmäßig eine Hubba-Bubba-Sprechblase auf, in welchem jede Menge rhetorische Versatzstücke bekannter Politstatements tanzen, alsbald folgerichtig zu Absurditäten verklumpen und das Ganze schließlich so zum Platzen bringen, dass die zerkauten Worte im Gesicht kleben bleiben. Das ist die große Kunst der Entlarvung des herkömmlichen Politjargons, die niemand so beherrscht wie Richling, und die dem Zuschauer/-hörer mehr abverlangt als ein paar kurze Lacher.

Traditionell sind herzhafte Lacher bei Mathias Richling selten. Zu groß die Strapazen beim Mitkommen, zu stumpf manche Pointe, zu umfassend der Verzicht auf Kalauer. Man muss sich zudem etwas in der Landschaft auskennen, um seinen eher stillen Spaß zu haben, vor allem die Politiker der ersten, manchmal ebenso die der zweiten Reihe.

Der Richling-Code – das ist klassisches politisches Kabarett. Der Abend zeigt, dass Mathias Richling auf die Bühne gehört. Und dann erst ins Fernsehen. Der Abend zeigt aber auch, dass er schon mal besser in Form war. Der Funke springt nicht so recht über. Gemessen an früheren Auftritten ist dieser hier leider eher Durchschnitt.

Nachtrag: Eine Pause zwischendrin wäre nicht schlecht gewesen.

Ein Gedanke zu „MATHIAS RICHLING, 03.12.2010, Beethovensaal, Stuttgart

  • 6. Dezember 2010 um 16:32
    Permalink

    Sehr interessant. Und sehr schön formuliert:
    „zu umfassend der Verzicht auf Kalauer“

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