FLIEHENDE STÜRME, 27.11.2010, Landespavillon, Stuttgart

Foto: Carsten Weirich

Sie sind eine Legende, die Düsterpunkband Fliehende Stürme um Kopf und Sänger Andreas Löhr. Ihre Markenzeichen: melancholische Texte, die mir jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut bereiten und Löhrs unverkennbar düster-monotoner Gesang. Bis zur Mitte der 80er hießen sie noch Chaos Z und haben kompromisslos Punk-Geschichte geschrieben. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands verliehen die Stuttgarter ihrer Wut und Verzweiflung schon damals eher mit Hilfe von dunklen Metaphern ein Gesicht, anstatt stumpfes Parolengedresche zu betreiben. Aus Chaos Z wurden die Fliehenden Stürme, eine meiner absoluten Lieblingsbands. Keine von der man jeden Song ähnlich intensiv liebt, sondern eine, die auf jedem Album neben vielen ziemlich guten vielleicht zwei oder drei Stücke hat, die einem den Atem rauben. Und nun sind sie wieder hier in Stuttgart, in Löhrs alter Heimat, für die er bekanntlich sehr zwiespältige Gefühle hegt. Aber so ist das wohl oft mit Heimat. Vergangenes Jahr spielten sie noch im Jugendhaus Zuffenhausen, an diesem Samstag ist es der Landespavillon. Saukalt ist es und ungemütlich draußen, passt ja bestens zu den Stürmen.

Drinnen tummelt sich ein größtenteils nicht mehr ganz so taufrisches Publikum, angezogen vom Soundtrack vergangener Tage. „Das ist seit vier Jahren mein erstes Konzert“, erzählt mir einer. Sicher, die Fliehenden Stürme produzieren immer noch Alben, haben aber eben auch einen Großteil ihrer Fangemeinde schon seit vielen Jahren. Trotzdem sind natürlich auch einige jüngere Fans gekommen, um die Stuttgarter Band live zu erleben.

Der Landespavillon ist ganz gut gefüllt, auch wenn es gern ein paar Leute mehr hätten sein dürfen. Vorglühen darf die aus dem Ludwigsburger Raum stammende Deutschpunkcombo Überdosis. Ein Lied gegen Politiker, eines gegen Bullen, eines für St.Pauli… kennt man ja. Dazu wird ordentlich geknüppelt. Hat sicher seine Daseinsberechtigung und hätte mir in jungen Punktagen bestimmt auch ganz gut gefallen, ist aber heute nicht mehr so ganz meine Tasse Tee. Ich warte auf die Fliehenden Stürme.

Als die dann die Bühne betreten, bin ich einfach nur noch voller Vorfreude auf das was da kommen mag. Und ich bete, dass sie „Blauer Mond“ spielen, meinen Lieblingssong. Erst einmal geht’s aber recht flott zur Sache. Gleich zu Beginn hauen Löhr und seine Bandkollegen Punkrockgranaten wie „Das Chaos wütet“ und andere schnellere Stücke raus. Das Publikum nimmt es dankend an, was sich am bestens gelaunten Schubskreis ganz gut erkennen lässt. Quasi bisschen Energie rauslassen, bevor man sich den nachdenklicheren Momenten widmet. Die lassen stürmetypisch auch nicht lange auf sich warten. Wie man da allerdings immer noch mit einem Strahlen im Gesicht, hoch erhobener Bierflasche und dem Kumpel im Arm vor der Bühne rumtänzeln kann, während Löhr von Verzweiflung, Sehnsucht und der Suche nach der Liebe singt, wird mir ewig ein Geheimnis bleiben. Aber gut, Musik ruft in unterschiedlichen Menschen eben ganz unterschiedliche Emotionen hervor. Hier eine kleine Rangelei, da eine Richtung Tanzfläche gekegelte Bierflasche. Egal, ich kann mich ja immer noch an die Wand lehnen, die Augen schließen und wunderschön traurigen Textzeilen lauschen, wie in „Satellit“.

„Umkreisen und warten,
der Stachel sitzt tief,
erlebe Tage und Nächte
ohne jeden Unterschied.
Straßen ziehen sich wie Narben
endlos durch die Stadt,
fahles Licht, blasse Farben
und hin und wieder der Mond.“

Was allerdings echt nervt, ist die Tatsache, dass die rechte Seite der Musikbeschallung ein paar Mal sekundenlang ganz ausfällt. Das Problem scheint dann aber auch recht flott behoben. Zumindest geht es nach ein paar Minuten stereo weiter. Löhr ist kein Freund langer Ansagen. Außer einem „Dankeschön“ oder „Schön, dass Ihr hier seid“ hält er sich wie gewöhnlich vornehm zurück und lässt seine Musik für sich sprechen. Das reicht auch vollkommen. Düstere Balladen wie „Umarmung“ sind es, die mich am meisten begeistern. Ist manchmal ein schmaler Grat, den die Stürme gekonnt beschreiten, irgendwo zwischen düsterem Pathos und ergreifendem Weltschmerz.

„Kopf brennt wie Feuer,
Herz erlischt niemals,
Schatten des Abschieds
hinter jedem Augenblick.
Was liegt vor uns,
was war dazwischen
zerrissene Teile einer Erinnerung.“

Beim Chaos Z-Cover „Krass“ wird’s nochmal richtig punkig, es wird ordentlich geschubst und gerempelt und alle grölen den aufs Vaterland gemünzten Refrain: „Ich glaube nicht an Dich, ich spucke dir ins Gesicht und mich, mich kriegst Du nicht.“ Ja da ist es wieder, das Gefühl von früher, als man als junger Punk bei Konzerten die Faust nach oben gereckt hat und solche Hymnen mitgesungen hat. Schön irgendwie. Kurz darauf verabschiedet sich Löhr dann auch, aber nicht ohne noch eine Zugabe draufzulegen. Und da, endlich, als allerletzten Song spielen sie „Blauer Mond“. Eigentlich ein klasse Konzert, auch wenn mir die Fliehenden Stürme letztes Jahr in Zuffenhausen noch eine Kante besser gefallen haben. Kann nicht mal so richtig erklären warum, ist halt so. Egal, jetzt nochmal Augen zu und einem grandiosen Song lauschen.

„Dachte nur du wärst am Niedersinken,
darum bin ich auch schon wieder hier.
Doch alle Liebe ist zu Schmutz verlaufen,
nur noch der Sumpf in dem du schnell versinkst.
Ich kann jetzt alles so deutlich fühlen,
irgendjemand singt vom Blauen Mond.
Leiber die in ihren Kissen wühlen
Ich sitze hier und trinke Gift.“

2 Gedanken zu „FLIEHENDE STÜRME, 27.11.2010, Landespavillon, Stuttgart

  • 29. November 2010 um 21:46
    Permalink

    Gefällt, Herr Weirich, gefällt – auch wenn ich das Konzert im vergangenen Jahr um Welten besser fand.

  • 30. November 2010 um 12:37
    Permalink

    Eine tolle Band und ein feiner Bericht. Die Priesthill lief bei mir hoch und runter, aber irgendwann ist mir das zu düster geworden.

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