HERRENMAGAZIN, 30.10.2010, Schocken, Stuttgart

Herrenmagazin

Foto: Steffen Schmid

Fünf Euro für ein Konzert und einen Sauren – fairer Deal würde ich sagen. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich für knapp eineinhalb Stunden das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht kriegen werde. Das müsste man mir schon gewaltsam entfernen. Werde da nicht allein sein. Irgendwie werden alle nur noch am Grinsen, Lächeln oder vor sich hin Strahlen sein. Herrenmagazin ist der Name der Band, die für fast schon kitschig gute Laune sorgen wird. Kannte ich vorher nicht wirklich, die Herrschaften. An dieser Stelle einen großen Dank an den Herrn Seibold für den herrlichen Tipp.

Ohne große Erwartungen gehen wir rein ins gut, aber nicht übermäßig gefüllte Schocken. Die Sauna gibt’s wie immer trotzdem für umme dazu. Als Herrenmagazin auf die Bühne kommen, fühle ich mich ein wenig an Schulbands in der Aula erinnert. Jung sehen sie aus die Hamburger und angenehm unszenemäßig gekleidet. Und dann geht’s auch schon los mit der guten Stimmung. Der Opener schlägt vor allem bei den Damen an. Links vorne tanzt eine Blondine mit verklärtem Gesichtsausdruck und geschlossenen Augen. Weiter rechts strahlt ein weiterer weiblicher Fan beim wild Abhotten. Auch das Mädel neben ihr… ah ne, das ist nur ein rauschebärtiger Typ mit extrem langen Haaren. Herrenmagazin reden gern und viel und beherrschen den Ritt auf Messers Schneide wunderbar. Gibt nämlich kaum Schlimmeres als Bands, die auf Teufel komm raus und mit mehr als dürftigem Talent lustig sein wollen. Die Sportfreunde Stiller seien da als mahnendes Beispiel genannt.

Sänger Deniz erzählt von den Lügen seines Optikers, sinniert über seinen birnenförmigen Kopf, den er vom Opa geerbt hat und von seinem Lieblingskampfschrei „Bullä“ beim Saufen. Überhaupt trinken die Herren auch sehr gern. Ordern ständig neue Getränke an der Bar. Mal wird eine Runde Schnaps auf die Bühne gebracht, mal gibt’s Wodka. Noch so ein schmaler Grat, wenn Bands damit prahlen, wie gern und oft sie sich abschießen, als gäbe es kein Morgen. Aber auch das machen die Hamburger mit so verdammt viel Charme und Selbstironie, dass man ihnen sowieso nichts übel nehmen kann.

Die könnten selbst die Vorteile von Stuttgart 21 besingen. Die gute Laune steckt an, sehr sogar. Auch meine Begleiterin schaut immer wieder mit einem an Freudentränen grenzenden Lächeln zu mir rüber. Herrenmagazin sind aber nicht nur lustig, sie machen auch verdammt gute Musik. Sie rocken wie Sau und man merkt ihnen an, dass sie heute richtig Spaß haben. Vor allem Sänger Deniz strahlt wie ein Honigkuchenpferd, wenn er wunderbar pathetische Textzeilen wie „Und ich rette mich über die Berge, seh meinen Träumen hinterher, es gibt keinen Platz auf der Erde, wo ich nicht gerne wär“ ins Mikro singt. Die gute Hamburger Schule halt. Klingt ein wenig nach Kettcar, nur eine Spur rockiger. Und genau diese Mischung aus Weltschmerz und Lebensfreude bringt dann auch das komplette Schocken in Wallung. Herrenmagazin bitten zum Tanz. Mit leuchtenden Augen und Lächeln im Gesicht. Und wer es hier tatsächlich schafft, schlecht drauf zu sein, kann kein guter Mensch sein.

Klasse, auch meinen Lieblingssong „Früher war ich meistens traurig“ spielen sie. Ja gut, bei gerade mal zwei veröffentlichten Alben war die Chance auch nicht so klein. Herrenmagazin gefallen mir immer dann am Besten, wenn Frontmann Deniz in die Vollen geht und inbrünstig losschreit. Spitzen Typ. Auch schön: Die Hamburger stehen nicht auf das übliche Zugabengedöns. Einmal ganz kurz Zugabe rufen würde reichen, um die Band nochmal auf die Bühne zu holen, kündigen sie an. Nach eineinhalb Stunden müssen Herrenmagazin dann um 23 Uhr leider Schluss machen. Wegen des samstäglichen Clubbetriebes nehm ich an. Man hat das Gefühl, die mittlerweile sichtlich alkoholgezeichneten Hamburger hätten gern nochmal ein oder zwei Stunden drangehängt. Hätten wohl alle toll gefunden. Der ausgiebige Applaus lässt darauf schließen. Ja und jetzt, wohin mit all der guten Laune? Irgendwie im Nachtleben unterbringen. „Jedem seine Schönheit, und jedem genug Kraft, jedem soviel Hoffnung, dass er’s bis zum Ende schafft“ hallt es mir durch den Kopf.

Herrenmagazin

Foto: Steffen Schmid

2 Gedanken zu „HERRENMAGAZIN, 30.10.2010, Schocken, Stuttgart

  • 1. November 2010 um 16:19
    Permalink

    Dem allem kann ich nur zustimmen! Und die gute Laune hat sich Samstag auf alle Fälle gut in die Nacht mit hinein nehmen lassen!

  • 1. November 2010 um 23:08
    Permalink

    Ging mir auch so :o)

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