STONE SOUR, HELLYEAH, 24.10.2010, LKA, Stuttgart

Stone Sour

Foto: Sue Real

Stone Sour betreten die Bühne. Die Temperatur fällt schlagartig. Was ist geschehen? Es schlägt einem eigentlich schon optisch entgegen, noch bevor die eigentliche Musik anfängt: Das sind sie also, die gelackten Musiker, angeführt von Corey Taylor, der vom Äußeren und Benehmen wirkt wie einer dieser unreifen 08/15-Schnösel, die am Wochenende im von Papa oder Bank geliehenen Oberklassewagen die Theodor-Heuss-Straße unsicher machen – das höhere Alter sieht man ihm ja nicht an.

Das zur Selbstverliebtheit übersteigerte Selbstbewusstsein zeigt sich schon gleich zu Anfang in dieser Geste mit der linken Hand, lässiges Herbeiwinken: bitte jetzt jubeln. Das muss er sich bei Phil Anselmo abgeschaut haben. Es klingelt einem so in den Ohren, dieses „Fütter mein Ego, Fütter mein Ego“. Dann wieder selbstgenügsames Abwinken, damit man den Jubel nochmal herbeiwinken kann. Immerhin hat er ja sein Deutsch gut einstudiert, denn er kann, nachdem alle artig gejubelt haben, sagen: „Danke schön, meine Freunde,“ und „Guten Abend Stuttgart, wie geht es euch?“ und „Scheiße.“ Und dann gehört es ja auch zum guten Ton, zu sagen, das Publikum sei besser, als man es sonst gewöhnt sei – und sei es nach dem ersten Song –: „Germany doesn’t usually bring a smile to my face.“ Bei uns sei das jetzt aber ausnahmsweise etwas Anderes.

Naja, dann lieber wieder Musik, auch wenn die noch mehr Unterkühlung bringt, klinisch wie sie klingt, kristallklar, hohl und seelenlos. Es passt ganz gut zum Gesamteindruck, dass die gesamte Bühne in Anlehnung an das „Audio Secrecy“-Cover in weiß gehalten ist. Dieser mittelmäßige aber natürlich vor allem radiotaugliche Post-Grunge blubbert bei „Made of Scars“ vor sich hin, er plätschert bei „Your God“, er seiert bei „Say You’ll Haunt Me“. Ich fange schon an auf die Uhr zu sehen, wie lange es wohl noch dauern kann. Nicht viel besser ist dann „Let’s be Honest“, den Schlagzeuger Roy Mayorga schrieb – eine Ehre, die er wohl Coreys Großzügigkeit zu verdanken hat, gemessen daran, wie dieser es hier so auf der Bühne und in Interviews zum neuen Album betonen muss. Aber die Großzügigkeit geht noch weiter, denn Corey meint: „I‘m gonna make you famous, Roy.“ Als ob der das nötig hätte.

Zu „Bother“ steht Corey dann allein auf der Bühne und spielt die Gitarre selbst. Das macht dem Publikum Spaß. „Corey, Corey,“ schreit es immer wieder, auch mitten im Song. Irgendjemand wirft eine Weihnachtsmütze auf die Bühne, Corey setzt sie auf, und das Publikum singt „Jingle Bells“. Wir sind endlich auf Volksfestniveau angekommen. Aber als Slipknot-Sänger hat er ja ein Faible für Masken.

Wenn wir gerade von Slipknot und Corey, Corey reden: Wer ist eigentlich Paul Gray? Gemessen an der Reaktion, die dessen Ableben bei den Fans hervorgerufen hat, hätte ich hier schon mit einem gewidmeten Song gerechnet. Aber keine Erwähnung, nichts, nirgends. Auch das passt ins Bild.

Schließlich spielen Stone Sour dann noch ein paar härtere Songs, wie „Get Inside“, der mehr an Slipknot erinnert als alles andere heute Abend, „Bitter End“, „Hell & Consequences“ und das von offensichtlich allen erwartete „30/30-150“. Wenn die auch so klingen können, fragt man sich umso mehr, warum die Band die meiste Zeit mit diesem halbgaren Weichspülsüppchen verschwendet hat. Jetzt ist Deutschland auch plötzlich „one of the countries with a true love for music.“ Da ist das Publikum begeistert. Es hat ja auch schon vergessen, dass Deutschland Corey normalerweise nicht mal zum Lächeln bringt. „Es war einmal ein leichtgläubiges Volk, das glaubte an den Weihnachtsmann,“ kann ich da nur sagen, auch wenn dieser Weihnachtsmann nicht so schlimm ist, wie der bei Günter Grass.

Um halb zwei bekomme ich dann noch eine SMS von Sue Real, dem großen Slipknot-Fan. Ich zitiere: „… was mich am meisten an Slipknot stört, ist definitiv Corey Taylor. In dem Sinne gute Nacht.“

Hellyeah

Foto: Sue Real

Nachdem Stone Sour überstanden sind, wünscht man sich eigentlich Hellyeah zurück auf die Bühne, jene Band die den Abend eröffnete und dabei vom Publikum nicht ein Achtel der Aufmerksamkeit bekam, die an Stone Sour verschwendet wurde. Die nämlich haben alles, was dem Hauptakt abgeht: Herz, Wärme, Authentizität. Und dabei ist es ja nicht so, dass Hellyeah kleine Fische wären, zumindest nicht in den USA, wo sie mit ihren beiden Alben in die Top Ten der Billboard-Charts eingestiegen sind. Die Südstaatenrocker sind eine All-Star-Band, die – wie auch Down – aus dem Pantera-Umfeld stammt. Man hört das sogar ein bisschen raus, an der einen oder anderen Stelle – zum Beispiel bei „Cowboy Way“, das natürlich schon vom Titel her sofort an „Cowboys From Hell“ denken lässt, aber vor allem auch auf einem an „This Love“ erinnernden Riff aufgebaut ist.

„It’s all about friends and family,“ lässt uns Sänger Chad Grey wissen. Deswegen vergessen Hellyeah ihre Freunde und Familie auch nicht und lassen das Publikum kräftig für Dimebag Darrell schreien. So gehört sich das! Überhaupt sehen die fünf aus, als seien sie auf ein Barbecue vorbei gekommen. Es ist alles dabei: abgeschnittene Army-Hosen, zerfledderten Flanellhemden, Cowboyhut und Kutten (warum näht sich jemand da einen Nord- und einen Südstaaten-Patch drauf?); wenn das Bier leer ist, winkt man kurz zum Bühnenrand, und schon kommt der Roadie und kellnert. „Got my girl, got my family / Got my booze, and that’s all I need / For a hell of a time,“ singen sie. Oder vom „Alcohaulin‘ Ass“ singen sie. Das machen dann häufig Greg Tribbett und Tom Maxwell als Chorus mit Chad Grey im Wechsel, während die Band locker die fettesten Riffs vom Holz schüttelt oder lässig groovt.

So muss Rock’n’Roll sein. Ehrlich. Süffig. Ohne Egomanie.

Stone Sour

Hellyeah

Ein Gedanke zu „STONE SOUR, HELLYEAH, 24.10.2010, LKA, Stuttgart

  • 28. Oktober 2010 um 09:59
    Permalink

    Zu „Fütter mein Ego“ fällt mir folgende Geschichte ein:

    Beim letzten Neubauten-Konzert im Theaterhaus, 2006 vielleicht, war Blixa Bargeld das Gegenteil Corey Taylor: mies gelaunt.

    Nachdem eine Dame aus dem Publikum mehrfach „Fütter mein Ego“ forderte, bäffte Blixa sichtlich genervt zurück:
    „„Fütter mein Ego, fütter mein Ego, fütter mein Ego, fütter mein Ego, fütter mein Ego, fütter mein Ego“ und spielte was anderes.

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