KATE NASH, 21.09.2010, Theaterhaus, Stuttgart

Kate Nash

Foto: Steffen Schmid

Das Publikum vor dem Theaterhaus ist irgendwie anders an diesem Dienstagabend. Entweder recht jung oder schon gesetzteren Alters und hauptsächlich weiblich. Und drücken wir es mal so aus: in der Arbeiterschicht hat Kate Nash nicht ganz so viele Fans. Ich jedenfalls freue mich auf ein richtig schönes Pop-Konzert. Jetzt wollen wir aber erst mal testen ob die Vorband Supercute! auch wirklich supercute ist. Der Einlasser warnt uns jedenfalls und fragt nach, ob wir uns sicher sind sie sehen zu wollen. Japp, mehr als kacke können sie ja nicht sein.

Als wir die Halle betreten bin ich tatsächlich baff und fühle mich ein wenig, als ob ich im LSD-Wachtraum eines Minderjährigen gelandet sei. Auf der Bühne stehen die drei Mädchen von Supercute!. Und die sind nicht nur cute, sondern auch ganz schön schräg. In ihren „obviously“ selbst genähten bunten Röcken, den goldenen Blusen und mit den überdimensionalen Schleifen im Haar sehen sie aus wie die Parodie der typischen amerikanischen Girlband zurückversetzt in die New Wave-Ära. Zu ihrer leicht schrägen Popmusik spielen die vierzehn bis sechzehn Jahre alten New Yorkerinnen Ukulele, Gitarre, Keyboard oder Schlagzeug und tanzen auch mal einen kompletten Song durch völlig unangestrengt Hula Hoop (Respekt!). Zu ihrer schrägen Darbietung ganz passend haben Sie auf ihrer Homepage als Einflüsse unter anderem Velvet Underground, The White Stripes und Devo angegeben. Zum Pink-Floyd-Cover von Pigs holen sie dann auch gleich noch Kate Nash persönlich auf die Bühne, die – ebenfalls im Outfit ihrer Vorband – die Backing Vocals macht und sichtlich Spaß dabei hat. Supercute! werden mit viel Applaus verabschiedet und ich frage mich was aus einer Band werden kann, die in solch einem Alter schon so souverän ihr ganz eigenes, angenehm seltsames Ding macht.

Kate Nash

Foto: Steffen Schmid

Gegen 21 Uhr ist es dann soweit: zu Joan Jetts Version von „Crimson and Clover“ betritt Kate Nash die Bühne um die Songs ihrer beiden Alben zu präsentieren. Holla! Im hautengen Outfit und mit dem umgeschnallten Cape könnte das glatt die gute Joan sein. Als sie dann mit „I just love you more“ loslegt frage ich mich, ob das hier auch wirklich ein Pop-Konzert wird. Kate Nash kreischt zu rockigen Gitarren was das Zeug hält. Ins gut gelaunte Publikum kommt noch wenig Bewegung, dafür fliegen Seifenblasen durch die Luft. Zu „Mouthwash“ knipst Mrs. Nash dann die Wolkenlampe an, legt ihr Cape ab und nimmt hinter ihrem lustig beleuchteten Klavier Platz. Sie kann also auch poppig. Langsam werden auch die Fans tanzfreudiger.

Die Musik der sympathisch natürlichen 23-jährigen Britin ist aber viel sperriger als ich das vermutet habe. Das merkt auch das Pärchen gesetzteren Alters neben mir, das sich immer öfter mit großen Augen anschaut. Zwar begeistert Kate Nash auch durch leise Töne und folklastigere Stücke, aber im Gedächtnis werden mir eher die – und die kann man auch nach reiflicher Überlegung schon so nennen – Punkrock-Songs bleiben. Ihr Sound ist nicht nur glatt und nett. Im Gegenteil: der kratzt und beißt manchmal ganz gehörig. Überhaupt nimmt die Britin kein Blatt vor den Mund, wenn sie etwa mit Textzeilen wie „You don’t have to suck dick to succeed“ (Model Behavior) das vermeintliche Erfolgsrezept des Ruhms anprangert, sich gegen Homophobie ausspricht oder ganz private Geschichten aus ihrem Leben erzählt. Zu dreckigen Akkorden spuckt Frau Nash auch mal auf den Boden, kreischt, stöhnt und faucht als ob es kein Morgen gäbe. Als die junge Frau aus North Harrow bei London zu flackerndem Stroboskop und schrägem Soundteppich im Hintergrund mit „I wanna be fucked and then rolled over, cause I’m the independent woman of the 21st century“ (Mansion Song) dem Popbusiness den erhobenen Mittelfinger zeigt, wird es meinen Nachbarn endgültig zu viel. Sie vergräbt ihr Gesicht vor Unverständnis noch einmal in ihren Händen, schaut ihn dann mit großen Augen an und dann sind sie auch schon verschwunden. Überhaupt wirken vor allem die älteren Fans manchmal ein wenig sprachlos.

Kurz vor Ende des Konzerts gibt Mrs. Nash ihren großen Hit „Foundations“ zum Besten und bittet die drei Mädels von Supercute! nochmal zum Hula Hoop-Tanz auf die Bühne. Hat sie scheinbar auch beeindruckt. Nach der Zugabe ihres Hits „Pumpkin soup“ ist der Auftritt der Britin dann nach knapp 90 Minuten zu Ende. Die Fans sind größtenteils begeistert und ich bin mehr als überrascht. Bislang habe ich mich nie wirklich mit der Musik von Kate Nash beschäftigt. Erwartet habe ich ein Pop-Konzert, bekommen habe ich etwas ganz Anderes. Vor drei Jahren tauchte Mrs. Nash via Internet als kleine Pop-Sensation auf. Mittlerweile lässt sich die fast schon experimentelle Künstlerin zwischen Pop, Folk und Punkrock kaum noch einordnen und sagt ohne vorgehaltene Hand was sie eben zu sagen hat. Ich bin beeindruckt.

3 Gedanken zu „KATE NASH, 21.09.2010, Theaterhaus, Stuttgart

  • 23. September 2010 um 14:04
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    Habe mir gleich mal Supercute angehört – hübsch schräg, aber nicht unmusikalisch (doppelte Verneinung).

  • 23. September 2010 um 17:16
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    Ja aber echt mal. Die können singen und spielen die Instrumente selbst.

  • 26. September 2010 um 01:04
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    Ja, so ähnlich wie dem Autor ging es mir auch. Geniös- schräger Support und Miss Nash… überraschend anders als erwartet.
    Den punkigen Unterton habe ich beim Hören des „My Best Friend Is you“- Tonträgers zwar erfreut und verwundert zur Kenntnis genommen, war jedoch auf ein gänzlich anderes Konzerterlebnis gefasst.
    Ohnehin in trüber Stimmung dachte ich mir vorher eher so etwas in Richtung “ bestimmt ganz nett“.
    Der Abend im Theaterhaus war vieles. Mit Sicherheit aber nicht „ganz nett“. Meine trübe Stimmung jedenfalls war schon nach Supercute dahin. Auch das Publikum hat mir Spass gemacht. Vor allem die Leute, die, wie der Autor und ich eher auf den Pfeifensessel gehört hätten. Einer war völlig von den Socken und stellte Vergleiche mit den Ramones und Suzi Quatro an.
    Den jungen Mädels gefiel die wütende Kate so gut, dass sie der zahlreichen Security Anlass zum Einschreiten boten…In einem Satz: solche Konzerte lob`ich mir. Auch wenn jetzt das Theaterhaus nicht so ganz Rock `n Roll ist.

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