WOVENHAND, 12.07.2010, Manufaktur, Schorndorf

Wovenhand

Fotos: Steffen Schmid

Musik mit religiösen Texten? Was hab ich denn da für eine Meinung zu, so als eher nicht so bibelfester Heide? Ganz klare Antwort: kommt drauf an! Will sagen, so wie ich mir gerne mit biblischen Motiven geprägte Gruselschinken à la Das Omen oder God’s Army anschaue, so habe ich auch keine Probleme mit Van Morrisson oder auch, wie heute Abend, Dave Eugene Edwards.

Da ergänzen sich Texte und Musik zu einer ganz bestimmten Farbe, zu einem stimmigen Gesamtbild, und dann ist das schon ok so, auch wenn ich jetzt mit den Aussagen wohl eher nicht so konform gehe.

Über Mister Edwards und seine Vorgängerband 16 Horsepower weiß wikipedia u.a. folgendes zu berichten:
Sein Vater starb früh, und als Junge zog er oft mit seinem Großvater durch die Lande, welcher die Menschen mit Feuer-und-Schwefel-Predigten zurück auf den rechten Weg zu bringen suchte. So ist auch der Schwerpunkt der Texte von 16 Horsepower stets das Hinweisen auf die unverdiente Gnade, die Gott den Menschen zuteil werden lässt.

Klingt ja erstmal ein wenig ungemütlich, aber wenn man den Sound von 16 Horsepower, und auch seines aktuellen Projekts Wovenhand ersteinmal gehört hat, weiß man, das passt ganz wunderbar zusammen.

Einziges Deutschlandkonzert außergewöhnlicher Künstler, damit kann sich die Manufaktur wie fast niemand sonst rühmen. So ist der Saal heute Abend gut gefüllt als es gegen 20 nach neun Uhr mit Sinking Hands losgeht. Das Quartett fängt erstmal ruhig an, aber es wird schon ziemlich schnell deutlich, warum die Texte so passen. Der Sound der Band in Verbindung mit der Stimme von Dave Eugene Edwards sind gewaltig, düster, ehrfurchtseinflößend. Das Ganze klingt nach Verdammnis. Vor allem wird die Musik mit einer markerschütternder Passion und Wucht vorgetragen, dass man in den lauten Momenten fast an Metal erinnert wird. Man könnte es psychedelischen Gothic-Country nennen, oder man könnte es sich so hinfantasieren, dass die Doors so klingen müssten, hätten sie zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs gelebt.

Zum ernsthaften Vortrag passt auch, dass niemand der Band auch nur ein Sterbenswörtchen an das Publikum richtet. Wozu auch, wir sind eh alle verdammt. Aber das kommt überhaupt nicht als arrogante oder aufgesetzte Attitüde rüber, man nimmt das den Männer da oben auf der Bühne als einzig passende Verhaltensweise ab.

Mister Edwards benutzt zwei Mikros, wobei das zweite für eine leichte Verzerrung in der Stimme sorgt, ein wenig wie in einem alten Radio, für die Parts, die eher gesprochen sind. Dabei deckt er gerne mal eine Hälfte, manchmal auch das ganze Gesicht mit seinen Händen ab. Man spürt das ganz eindringlich, dass hier nicht gespielt wird, der muss einfach so.

Für die Zugabe kommt der Meister ohne Hemd zurück auf die Bühne, oben blank. Großflächige Tattoos hat er zu bieten, aber leider nicht wie Robert De Niro in Cape Fear.

Eigentlich alles ganz toll und prima, wäre nicht eine Frage, die mir auch beim Anhören der Platten von Wovenhand immer wieder hochkommt. Wie gut ist Dave Eugene Edwards als Songschreiber? Ist er „nur“ ein großartiger Erschaffer eines gewaltigen, ziemlich einmaligen Sounds, aber ein durchschnittlicher Komponist? Oder erschließen sich seine Songs nur mir nicht so richtig, so dass ich immer ein wenig mit dem Gefühl zurückbleibe: wieviel noch toller wäre die Musik, wenn die Songs besser wären?

Aber ob es zur Beantwortung dieser Frage noch kommen wird, steht in den Sternen, denn die biblische Dürre hierzulande soll noch länger andauern.
Hallelujah!

Wovenhand

Fotos: Steffen Schmid

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6 Gedanken zu „WOVENHAND, 12.07.2010, Manufaktur, Schorndorf

  • 13. Juli 2010 um 20:18
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    Tatsächlich habe ich schon öfter gelesen, daß 16 Horsepower als Erfinder des Gothic-Countries gelten. Aber wenn ich die CD einlege (oh, wie Oldschool), dann muss ich schon öfters bei den Texten weghören…

  • 13. Juli 2010 um 20:20
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    da siehste mal, wie wenig ich auf Texte höre. CDs?? Gibt’s da nicht eine geologische Ära, die so benannt ist?

  • 14. Juli 2010 um 08:39
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    Dereinst wird man meine Knochen in dieser strata entdecken und deshalb das Alter gut bestimmen können…

  • 14. Juli 2010 um 09:25
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    mit den Technologien in der Zukunft werden sie auch feststellen können, dass die Todesursache akute Langeweile war, verursacht durch einen in sächsisch gehalten Vakuumpumpenvortrag…

  • 15. Juli 2010 um 15:05
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    Entweder „ergänzen sich Texte und Musik zu einer ganz bestimmten Farbe, zu einem stimmigen Gesamtbild“ oder „ein durchschnittlicher Komponist?“ Vielleicht „erschließen sich seine Songs nur [dir] nicht so richtig“, weil Du Dich mit den Texten nicht beschäftigst und sie ins Lächerliche ziehst? Da kann es helfen, bei Wikipedia auch mal einen Satz weiter zu lesen. Woven Hand hat sich eben in eine bestimmte Richtung entwickelt, Consider The Birds klang noch anders.

    Und anders herum, wenn Text und Musik sich zu einem stimmigen Gesamtbild ergänzen, sind dann auch Neonazi-Bands ok?

    Noch besser ist die soll-wohl-witzig-sein Diskussion am Anschluss. „Lino“ schiebt CDs in die prähistorische Ära, im Artikel hört er aber „Platten“ von Woven Hand. Doch keine LPs, oder? Und dann noch ein Semi-Hinweis auf „Zärtliche Chaoten“ aus den 80ern! Donnerwetter!

  • 16. Juli 2010 um 08:55
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    So wie ich Linos Besprechung lese, scheint ihm das Konzert und auch die Musik sehr gut gefallen zu haben. Daß man nicht immer mit den Texten der Schreiber konform gehen muss halte ich für ganz natürlich ohne daß man gleich ein Extrem mit dem Vergleich mit Neonazi-Bands such en muss. Aktuelle Besprechungen von M.I.A. kämpfen auch mit den Texten obwohl die Musik goutiert wird.

    Das bei der Benutzung von Worten wie CDs, Platten und LPs nicht immer sehr trennscharf gearbeitet wird ist der Freundschaft zwischen mir und Lino geschuldet. Sozusagen also eine gewisse Form von Insidersprache, die wir ausleben wo immer es geht.

    Ich habe schon lange „Zärtliche Chaoten“ nicht mehr gesehen (damals aber im Kino) so dass ich den Semi-Hinweis nicht erkenne. Der sächsisch gehaltene Vakuumpumpenvortrag ist ein gemeinsames Erlebnis im Juni und somit wieder Insidersprache, sorry.

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