K.I.Z., 15.12.2009, LKA, Stuttgart

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Fotos: Svenja Eckert

Ja gut, eines mal gleich vorne weg: ich trag die Hosen zwar auch gern etwas weiter und krame ab und zu in entspannter Stimmung auch mal eine alte Snoop Dogg-CD raus. Im Großen und Ganzen war’s das aber auch schon mit meiner HipHop-Affinität. Als ich aber gehört habe, dass K.I.Z. nach Stuttgart kommen, musste mich mein Kumpel nicht lange überreden. Politisch völlig inkorrekter Rüpelsound: klingt gut, klingt nach Spaß, klingt irgendwie nach Punkrock. Spätestens mit ihrem Albumtitel „Sexismus gegen Rechts“ haben sie mein Herz dann auch erobert. Die haben Humor. Auf der Eintrittskarte zeigt uns eine geknebelte Dame in Sadomaso-Nazi-Uniform ihre großen Brüste. Ja gut, sicher nicht jedermanns Geschmack. Ich find’s lustig, bin bei sowas einfach gestrickt. Willkommen bin ich auf dem Konzert auch. Sagt jedenfalls der Text auf der Rückseite der Eintrittskarte. Ich bin ja nicht Jennifer Rostock, Mario Barth, Samy Deluxe, Karl-Theodor zu Guttenberg oder Guido Westerwelle. Die sind nämlich ausdrücklich ausgeschlossen.

Als wir am Dienstagabend vor dem LKA ankommen sieht es auch schon irgendwie nach Punkrock aus. Leere Wodkaflaschen, kaputte Bierpullen, zertretene Pappbecher… dazu grölende, besoffene Teenies, manche sogar mit der Papp-Pullerkrone, die man sich auf der K.I.Z.-Homepage runterladen kann, auf dem Kopf. Den Altersschnitt steigern wir jedenfalls ganz ordentlich. Das Publikum ist in Feierlaune und skandiert den Bandnamen „K.I.Z.“. Was der bedeutet, weiß keiner so genau und auch die Berliner HipHopper selbst machen sich einen Spaß draus immer wieder neue Bedeutungen zu erfinden. „Kriegsverbrecher In Zwangsjacken“, „Künstler im Zuchthaus“ oder „Klosterschüler im Zölibat“ – ist ja eigentlich auch egal.

Als Einheizer dürfen dann erstmal die Jungs von WassBass ran. Mit – wie es der Name schon vermuten lässt – basslastigen Technowummerbeats und sinnfreien Songs wie „1000 Kilo Bass“, „Sex auf Toilette“ oder „Industrial Disco“ bringen sie die Leute schonmal ordentlich in Stimmung und stimmen sie auf den Hauptact ein. An guter Stimmung wird es übrigens den ganzen Abend über nicht mangeln. Das Publikum hüpft schon jetzt wie bescheuert. Besonders lustig: Zum Refrain „Sex auf Toilette“ müssen alle „Geil, geil, geil“ zurückbrüllen. Lustig, wenn das 14-jährige Teenie-Mädels rufen. Oder fragwürdig? Minderjährige werden zum Geschlechtsakt auf dem Klo animiert. Nö, hab mich für lustig entschieden.

Als dann die Helden des Abends in Richterroben die Bühne betreten, geht’s vom ersten Takt an richtig ab. DJ Craft thront auf einem überdimensionalen Richterstuhl während die Rapper Tarek, Maxim und Nico die Bühne unsicher machen. Hits aus alten, kommerziell erfolgloseren Zeiten vom Album „Das RapDeutschlandKettensägenMassaker“ werden vom Publikum dabei genauso gefeiert wie Songs des aktuellen Albums. Die meisten Textzeilen könnte man vermutlich gar nicht abdrucken, ohne Ärger mit irgendwelchen offiziellen Stellen zu bekommen. Von kleinen Schwänzen ist die Rede, von großen Schwänzen, von kleinen Titten, von großen Titten, von diversen Sexualpraktiken, die wohl (hoffentlich) eher von Minderheiten betrieben werden („Ringelpietz mit anscheißen“), von Jörg Haider („crazy motherfucker named Jörg“), es wird vom Töten gesungen, vom Feiern, vom Saufen, von Spastis und von Müttern. K.I.Z. sprechen sich gegen die Frauenherrschaft und für die heilige Inquisition aus (das würde wiederum dem Papst gut gefallen, wobei das wohl auch das Einzige wäre, was ihm hier heute gefallen könnte). Das Publikum im restlos ausverkauften LKA geht ab, springt, schmeißt die Hände in die Luft, rempelt und pogt. „Jetzt tut mal, so als seien wir Tokio Hotel und ihr neunjährige Mädchen“, sagt einer der Rapper und wieder kreischt die Halle. Mal surfen K.I.Z. über das Publikum hinweg bis zum Ausgang, mal müssen sich alle hinsetzen (um ihre innere Mitte zu finden) und hin und wieder gibt es Alkohol für nach eigener Auskunft minderjährige Fans.

K.I.Z. gehen oft über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus. Ich kann das ab, ich bin Kassierer-Fan, mich kann nichts mehr schocken. Ich hab den Sänger Wölfi nackt gesehen. Ein recht junges Mädchen tanzt mich lallend an der Bar an und beschwert sich, dass ich und mein Kumpel nicht so abgehen wie die anderen. „Es würde mich nicht wundern, wenn die euch rausschmeißen, so schlecht wie ihr drauf seid.“ Was, wieso schlecht drauf? Ah ok, ich schmeiß die Hände nicht nach oben und hab keine Papp-Pullerkrone auf dem Kopf. Ich sag ihr wie alt ich bin, sie nickt verständnisvoll und wendet sich wieder Richtung Bühne. Ich bin auf einem HipHop-Konzert. Ich hab Spaß, aber das ist kein Heimspiel für mich. Scheint man mir anzumerken.
K.I.Z. rappen und rocken, spielen R’n’B und lachen über sich selbst. Sie sprechen von den Zeiten, in denen sie noch „echt“ waren, davon, dass sie jetzt die Kohle haben um Songs zu covern. K.I.Z. scheinen Spaß zu haben und machen Spaß und sind sich nicht zu schade auch mal Scooter zu covern. Wie gesagt, man muss halt schon mal die Grenze des guten Geschmacks überschreiten. Ballermann trifft auf HipHop mit einer Prise Punkrock. Muss ja aber auch nicht immer Kaviar sein.
Um 23 Uhr ist dann nach 2 Stunden Feierabend und die Leute ziehen ab Richtung Auto oder Straßenbahn. Naja, die Mehrheit wohl eher Richtung Straßenbahn. Als wir rausgehen höre ich einen sagen „Boah, ich geh morgen erst zur dritten Stunde, ich bin noch viel zu besoffen.“ Waren das Zeiten, in denen man morgens einfach mal ein paar Stunden ausfallen lassen konnte. Auf dem Heimweg im Auto komme ich mit Sigur Ros langsam wieder runter.

11 Gedanken zu „K.I.Z., 15.12.2009, LKA, Stuttgart

  • 16. Dezember 2009 um 14:02
    Permalink

    Wenn das die Zensurmuschi wüsste, was K.I.Z. so treiben, dann gebe es ein riesengrosses Stopschild vor dem Eingang.Oh, ich vergaß, die ist ja jetzt Arbeitsministerin….
    Sehr schöner Bericht, den ich auch gern geschrieben hätte als Anhänger der Fäkalsprache und Political Correctness-Ignorant. Wer Kassierer-Fan ist, hört sicher auch Eisenpimmel?

  • 16. Dezember 2009 um 14:17
    Permalink

    @Ali: passt ja, dass dein Kommentar unser 666ster ist. Als Belohnung gibt’s ein umgedrehtes Kreuz als Christbaumschmuck.
    @Carsten: sehr toller Bericht, macht großen Spaß zu lesen, auch wenn ich niemals hingehen würde:-)

  • 16. Dezember 2009 um 15:14
    Permalink

    Ja Danke auch Ihr Beiden! War auch lustig gestern, wenn auch ziemlich strange. Ach, und Eisenpimmel kenn ich nicht. Klingt aber als ob es mir gefallen könnte :o) Muss ich mal reinhören.

  • 16. Dezember 2009 um 17:34
    Permalink

    Danke für den Bericht, so habe ich mich auch bei ihrem letzten Auftritt im LKA gefühlt und bin deswegen (und weil „Sexismus“ meiner Meinung nach „Hahnenkampf“ nichts mehr hinzufügt) dieses Mal fern geblieben.

  • 16. Dezember 2009 um 18:27
    Permalink

    Hahaha, köstlichst amüsiert hab ich mich gerade!
    Sehr feiner Bericht.

  • 17. Dezember 2009 um 10:10
    Permalink

    Sehr witziger Bericht, großartig!
    Und wenn wir schon bei den abseitigen Bands sind, möchte ich an dieser Stelle die Arschgefickten Gummizofen und natürlich Schließmuskel nicht unerwähnt lassen. Textinhalt: siehe oben.

  • 17. Dezember 2009 um 10:13
    Permalink

    ich glaub, was Begriffe für Suchmaschinenanfragen angeht, ist auf dieser Seite alles rausgeholt worden. Noch irgendwelche Vulgärwörter vergessen worden? Anyone?

  • 17. Dezember 2009 um 17:40
    Permalink

    f*ck wieso war ich nicht dabei? war bei mir nicht aufm schirm… verd*mmte axt.

    lino: schöner text!
    und nur für dich ein vulgärwort:. analspreizer.

    e+p

  • 17. Dezember 2009 um 17:45
    Permalink

    @ekel75: schöner Text mein Kommentar? Der Text ist vom Carsten. Ich geh nur auf Kammerorchesterkonzerte, bei denen man nicht mal husten darf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.