WOLF HAAS, 18.10.2009, Theaterhaus, Stuttgart

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Da schau‘ her, jetzt hat der Wolf Haas doch noch einen Brenner-Roman veröffentlicht und liest heute abend im Theaterhaus daraus vor. Entgegen aller (wissentlich falscher, wie er mittlerweile klargestellt hat) Bekundungen ist jetzt doch ein Nachfolger zu Das Ewige Leben erschienen und zwar Der Brenner und der liebe Gott.
Hervorragende Nachricht, gehören doch diese Bücher zu den lustigsten überhaupt. Bei aller Garstigkeit und Schwärze des Humors zeichnet ihn aber auch das aus, was schon Cathrin bei Heinz Strunks Werken festgestellt hat: das Fehlen von Zynismus.
Das merkt man dem Autor auch selber an, dass er ein freundlicher Mensch ist. Die Lesung geht ohne Begrüßung gleich mit dem ersten Kapitel los, ohne Luftzuholen. Der Steiermarker Akzent und seine Art zu Sprechen passen super zum Schreibstil des Buches, welches im übrigen nahtlos an die überragende Qualität der Vorgänger anschließt. Man muss wirklich sehr oft lachen. Die Begrüßung erfolgt nach dem Kapitel und da zeigt es sich, dass der Herr Haas eine sehr schüchterne, bescheidene und wohl auch etwas lampenfiebrige Person ist. Internetaffin ist er auch, wie er selber betont, nachdem er Vorträge aus einem österreichischen Hausaufgabenportal vorliest, in dem Schüler flehentlich nach einer Inhaltsangabe für Der Knochenmann suchen (die Glücklichen dürfen das in der Schule lesen). Eine Schülerin hat am Ende eine und schließt ihr Posting mit „p.s. Das Buch ist scheisse!“ ab.

Insgesamt ein sehr gelungener und extrem lustiger Abend, und das sag ich als nicht sonderlich großer Fan von Lesungen. Schon irgendwie auch genial der Mann, ja was glaubst Du.

Für die Nichtkenner: Die Brenner-Romane könnte man grob als Krimis kategorisieren, allerdings ist der Krimi-Aspekt ziemlich schnurz (mir zumindest). Auffallendes Merkmal ist der direkte, umgangssprachliche Ton mit dem der Leser direkt angesprochen wird. Der Erzähler schweift gerne vom Handlungsstrang ab und verliert sich in mäanderartigen Gedankengängen (seinen eigenen oder denen des Brenner), umständlichen Erzählweisen und kommt dabei zu brüllend komischen wie erschreckenden Schlussfolgerungen bzw. Lebensweisheiten, die von einem großem Wissen um die menschliche Psyche zeugen (aus Silentium, S. 94):

„…und wie der Brenner dann endlich oben war…und den senkrechten Felsen in den Toscanini-Hof hinuntergeblickt, und ich glaube fast, dass ihm da ein bisschen durch den Kopf gegangen ist, wie leicht er jetzt mit einem Sprung diese Schmerzen ein für allemal loswerden könnte. Hätte dann natürlich nie jemand erraten, warum er gehüpft ist, und womöglich die Hinterbliebenen tausend Gedanken in jede Richtung, nur nicht, dass es einer vor lauter Geilheit nicht mehr ausgehalten hat auf dieser Welt.“

6 Gedanken zu „WOLF HAAS, 18.10.2009, Theaterhaus, Stuttgart

  • 19. Oktober 2009 um 10:25
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    „Für die Nichtkenner: Die Brenner-Romane könnte man grob als Krimis kategorisieren, allerdings ist der Krimi-Aspekt ziemlich schnurz (mir zumindest).“ -> lino hat mal wieder alles richtig verstanden

    toll geschrieben lino! ich muss echt mehr von wolf haas lesen, der hats einfach drauf.

  • 19. Oktober 2009 um 19:07
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    Schöner Text, der Herr. Ich hab auch extra für den anderen Herrn, der über den der Text geht, meinen Namen umgestellt. Oldschool Hilfsausdruck.
    Beeindruckend war auch die Energie die er beim Lesen an den Tag gelegt hat. Man mochte fast meinen dass ihn sein eigenes Buch zu verschlingen droht, so sehr hat er sich darüber – oder vielleicht besser hinein – gebeugt. Quasimodo nichts dagegen, ja was glaubst Du.

    Vermutlich legt er einen ähnlichen Enthusiasmus an den Tag wenn er die Seiten füllt. Ich könnts mir gut vorstellen. (Zumindest mag ich es mir so vorstellen.)

    Ich jedenfalls werde Räucherstäbchen neben meiner Wolferl Schokolade entzünden und jeden Abend eine Schale alkoholfreies Bier opfern.

    Lustig: Im wuff-online Hundemagazin wurde auch online nach einer „Knochenmann“ Inhaltsangabe gefahndet… ob sie da was falsch verstanden hat? … könnt ihr mir sie schicken?

  • 20. Oktober 2009 um 09:03
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    @Pat: goldene Regel missachtet! Niemals, never, dem Autor mit dem Kommentar die Show stehlen…:-)
    Danke für’s Lob! Stimmt, der hat sich echt an dem Buch auch physisch abgearbeitet. Hab ich wohl irgendwie verdrängt, weil ich unbedingt dieses Zitat aus Silentium unterbringen wollte.
    @Cat: mille grazie, come sempre!

  • 20. Oktober 2009 um 12:56
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    (Juhu, es gibt NOCH eine Regine unter 40)

    Klingt wirklich nach einem Erlebnis.
    Die Verfilmungen zu „Komm,süßer Tod“, „Silentium“ und „Der Knochenmann“ von Wolfgang Murnberger mit dem großartigen Josef Hader (und letzterer zusätzlich mit Josef Bierbichler) sind übrigens auch nur zu empfehlen! (Was Schauspieler betrifft stehe ich wohl echt auf alte Männer…)
    Es ist ja sowieso erstaunlich, wie gut der österreichische Film dasteht mit Haneke, Glawogger, Seidl, Weingartner usw.
    Weitere „Anspieltipps“: Indien, Slumming, die Fälscher, Hundstage, Hotel
    Jo mei, genug vom Füim…

  • 20. Oktober 2009 um 18:51
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    @Lino: mea culpa! … aber die zeile stiehlt doch nix und niemandem niemals nicht die show. deinem artikel schon gleich dreimal nicht ;)

  • 21. Oktober 2009 um 00:57
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    @Pat: doch tut sie:-)
    Spaß! Freut mich doch voll dein Kommentar. Bitte viel mehr davon!

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