THE INDELICATES, FIGHTMILK, 07.04.2018, Tiefbunker Feuerbach, Stuttgart

The Indelicates

Foto: Steffen Schmid

Das hat man davon, wenn man den ersten richtigen warmen Tag des Jahres so lange wie möglich auskosten will, bevor man in Stuttgarts Untergrund hinabsteigt und den restlichen Abend in einem Bunker verbringt: Wir stehen vor verschlossenen Türen – allerdings dämmert es nach kurzem Überprüfen des Beton-Phallus-Symbols am Feuerbacher Bahnhof, dass der Eingang beim ersten Bunker-Konzert, das InDieWohnzimmer e.V. veranstaltet hatte, der Eingang woanders war. Wenig später geleitet uns ein freundlicher Mitarbeiter des für das Gebäude zuständigen Vereins geschwind durch lange, kalte Gänge und 5 Ecken, ehe wir im deutlich wärmeren und wohl außergewöhnlichsten Konzertraum des Jahres stehen.

THE INDELICATES, FIGHTMILK, 07.04.2018, Tiefbunker Feuerbach, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Fightmilk aus London sind hier schon mitten in ihrem Support-Gig und schnell ist klar, die Wurzeln von Sängerin und Gitarristin Lily und ihrer Mitmusiker Alex, Adam und Nick liegen im klassischen, englischen Punk. So kommt es auch, dass sich musikalisch keine großen Überraschungen aufzeigen. Präzise (und zum Ende hin immer präziser) rumpeln die Songs charmant durch die Bunkerkatakomben und Sängerin Lilys Stimme legt sich erfreulich abhebend über die klassische Instrumentierung. Wenn das Publikum im Durchschnitt 20 15 Jahre jünger wäre, könnte man sich zu Fightmilk einen schönen Bunker-Moshpit vorstellen.

Dann ist Pause, was viele der Anwesenden nutzen, um entweder nochmals die verzweigten Gänge oder die Frischluft oberhalb der Erde aufzusuchen. Eine schöne Idee war das schon beim ersten Mal, ein Konzert von der für die treue Anhängerschaft der Feuerbacher Wohnzimmer-Konzerte gewohnten Umgebung in eine maximal ungewohnte zu verlegen. Eine gewisse Beklemmung, die von diesen Räumlichkeiten ausgeht, ist auch heute wieder zu spüren. Aber diese weicht mit Hilfe der vielen bekannten Gesichtern, der freundlichen Gastro-Versorgung und vor allem mit der Musik sehr schnell.

The Indelicates

Foto: Steffen Schmid

The Indelicates wissen diese besondere Stimmung gut zu nutzen. Oder vielleicht ist ihre Musik von Grund auf so, dass sie sich für eine Bunker-Umgebung gut eignet: An manchen Stellen etwas scary, slightly mad und ab und an weird. Man kann das im Prinzip nur mit englischen Worten beschreiben, denn die fünf aus England klingen und wirken alles in allem so wunderbar klischeehaft exzentrisch, wie es kaum eine Band aus Deutschland oder dem weiteren Kontinent vermag zu tun. Musik aus einem Land, in dem Teppichböden in Pubs und separate Wasserhähne für warmes und kaltes Wasser an Waschbecken normal sind: sprich, ungewöhnlich, manchmal schwer nachzuvollziehen, aber zum Verlieben.

The Indelicates

Foto: Steffen Schmid

Jedes Stück ist eine Entdeckungsreise durch Akkord-und Tempiwechsel. Gestützt von soliden Drums (Emma-Ben Lewis), wagen vor allem Sängerin und Pianistin Julia Clark Lowes sowie Sänger und Gitarrist Simon Clayton immer wieder gesangliche oder gestische, fast schon schauspielerische Ausbrüche. Manchmal bricht die gesamte Band mit aus, manchmal eben nicht – niemals vorhersehbar und dadurch spannend und intensiv. Heather Newton unterstreicht den Gesamtsound oft mit ihrer Violine, was zum Glück auf Dauer nicht nervt, sondern so variabel gestaltet ist, dass man sich nicht bei Riverdance oder The Corrs wähnt. Wenn wir schon bei den einzelnen Musiker*innen sind, verdient Bassist Nick Kos eine spezielle Erwähnung, der das ein oder andere Mal eine wirklich wunderbare Basslinie zu Tage fördert. Kammer-Pop vom feinsten, und da es noch eine Referenz braucht: Belle and Sebastian in schräg und interessant.

The Indelicates

Foto: Steffen Schmid

The Indelicates beweisen bei diesem Konzert, dass es kein stringentes Genre benötigt. Spielend wechseln sich Up-Tempo-Nummern mit barockem Post-Rock, Americana mit Tango-Anleihen. Und auch ein Weihnachtssong (mit obligatorischem Schellenkranz) wird in dieses Panoptikum der Stile mit aufgenommen – geht es noch britischer? Auch die Ansagen reihen sich mit ein – witzig, verschroben leiten Julia und Simon „Indelicate“, wie sie sich selber benennen, durch das Programm und verabschieden sich, als Krönung, mit einem Song, der auch aus der Dreigroschenoper hätte stammen können. Cheers and see you!

The Indelicates

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