WANDA, 04. 04. 2018, Liederhalle Beethovensaal, Stuttgart

Wanda

Foto: Armin Kübler

Heute geht das hier bei mir mal mit einem Spoiler los: Wer am Mittwoch das Konzert des Jahres gesehen hat und immer noch mit heiserer Stimme vom Mitsingen davon schwärmt, wie s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l das Wanda-Konzert war, kann jetzt aufhören zu lesen. Ich war mal wieder auf dem falschen Konzert und darum geht es in den folgenden Zeilen. Bitte Wegklicken und ca. 3 ½ Minuten Lebenszeit anderswo im Internet verbringen. Katzenvideo schauen oder „Columbo“ von Wanda (Supervideo übrigens und fast mein Lieblingssong 2017).

Voodoo Jürgens

Foto: Armin Kübler

Redlich bemüht sich Voodoo Jürgens aus derselben Stadt wie die Hauptband, dem Stuttgarter Publikum seine Musikstücke zu Gehör zu bringen. Ich mag seine skurrilen Geschichten sehr. Aber um mich rum hört niemand der Musik, die so zwischen Tom Waits und M. A. Numminen mit Wiener Schmäh herumgroovt, richtig zu. Der Sound ist nämlich einfach zu leise. Passiert ja fast immer bei Konzerten, dass der Mensch am Mischpult erst zur Hauptband die Lautstärke richtig einstellt. Warum eigentlich? Haben Hauptbands generell Angst vor guten Vorbands und daher werden die grundsätzlich schlechter abgemischt, oder dürfen bei Vorbands immer MischerazubInen üben und erst, wenn die Hauptband die Bühne betritt gehen die fertig ausgebildeten Profis ans Werk? Ein ewiges Rätsel, das man mal lösen sollte. Hauptthema um mich herum ist die schlechte Bierversorgungsinfrastruktur in der Liederhalle. Ich höre Sätze wie „Des isch im LKA ächt fei viel bess’r!“ Na gut, dafür ist das LKA auch kein wunderschönes Baudenkmal mit der besten Akustik der Stadt, aber sei’s drum.

Herr Jürgens geht so halbgar beklatscht ab und dann wird erstmal umgebaut. Ordentlich umgebaut. Vor der Bühne hängt jetzt ein riesengroßer schwarzer Vorhang auf dem in Weiß „AMORE“ steht. Das finde ich ganz lustig. Als Wanda hinter dem Vorhang loslegen, fällt dieser nach den ersten Riffs und dann steht auf der Bassdrum auch wieder „AMORE“. Diese Vokabel wird mir noch gewaltig auf den Zeiger gehen. Frontmann Marco Michael Wanda brüllt, schreit, schnauft und heisert diese Parole im Verlauf des Konzertes so oft raus, dass ich es irgendwann nicht mehr hören kann. Warum er das tut, das weiß der Himmel? Will er geliebt werden oder Liebe geben? Das Publikum ist komplett aus dem Häuschen und singt alles – wirklich alles –  mit wie die unbekannten SängerInnen damals bei der Single „Der Ritt auf dem Schmetterling“, die dem Album „Nach uns die Sintflut“ der Ärzte von 1988 beilag. Damals gab es einen Grund für so ein Verhalten – die Ärzte durften den Text nicht selber singen, weil er indiziert war. Aber bei Wanda ist nichts indiziert.

Wanda

Foto: Armin Kübler

Mitsingen in dieser Variante, die man um mich herum kollektiv ausübt, hat einen stark identifikatorischen und verbindenden Effekt. Alle sind Wanda, alle sind Fans, alle kennen alles, alle sind voll super drauf und suuuuuperglücklich. Irgendwie wird dabei aber der Sauerstoff im Gehirn knapp, man hört nicht mehr richtig zu und bekommt auch nicht mehr alles so ganz genau mit, was da auf der Bühne passiert. Das ist alles nicht so grandios. Runtergebrettert und runtergenudelt wird Stück auf Stück, der Sound ist sehr matschig und man versteht nicht so gut, was der Marco da eigentlich so singt. Macht ja nix, singt ja jeder selber. Jedes, aber wirklich jedes Mätzchen vom Frontmann wird frenetisch bejubelt, jedes Frage-Antwort-Mitsingspiel begeistert mitgemacht. Wenn der Marco einmal „Stuttgart“ in eine Liedzeile einbaut, flippen alle aus. Der Mann weiß ganz genau, was er da oben machen muss. Folgerichtig wird „Stuttgart“ fast so oft an den verschiedensten Stellen brav und regelmäßig eingesetzt wie „AMORE“. Mein absurder Lieblingsmoment im Konzert ist dieser: Marco kündigt den Song „Ich sterbe“ mit der Frage an: „Wollt’s Ihr alle sterben?“. Das Publikum antwortet euphirisch „Yeah!“ und ich so innerlich und leise zum mir selber: „Neeeeeee!“ Hört aber niemand.

Wanda

Foto: Armin Kübler

Marco erinnert mich an die Capos bei den Ultras im Fussballkurvenkasperletheater. Vorne schreit einer irgendwas rum, was dann alle, die vor ihm stehen und sich als Supertruppe fühlen wollen, kollektiv nachbrüllen. Irgendwann ist das Spiel dann rum und man fragt den Nachbarn oder die Nachbarin neugierig: „Haben wir gewonnen?“ oder „Wie war denn das Spiel?“. Tragisch wird diese Dynamik als Wanda was für die kulturhistorische Bildung des Publikums leisten wollen: Sie spielen „Ein letztes Wienerlied“ Frontmann Marco erläutert die Geschichtes des Stückes. Geschrieben wurde es in New York von dem emigrierten Prager Juden Kurt Robitschek für den Wiener Hermann Leopoldi, den es aber nie erreichte, weil dieser 1938 ins KZ kam. So eine Geschichte interessiert hier um mich herum niemanden, keiner singt mit und da jetzt niemand mitsingt, fällt auf einmal wirklich auf, wie schlecht der Sound abgemischt ist, denn vom Text versteht jetzt auf einmal niemand was. Komischerweise hat den Song vom aktuellen Album „Niente“ das Publikum nicht so brav auswendig gelernt, wie das ganze restliche Repertoire. Naja, könnte man jetzt auch fies kommentieren.

Insgesamt geht es den restlichen Abend so weiter wie oben beschrieben.  Marco Michael Wandas Mutter, Dr. Elena Fitzthum, ist Psycho- und Musiktherapeutin und hat 2011 diesen Text geschrieben: „Menschenbild, Forschung und Musiktherapie. Darf man alles, was man kann?“ (erschienen in: J. Illner & M. Smetana (Hrsg.), Wiener Beitraege zur Musiktherapie (Bd.6, S. 113-130). Wien: Praesens). Das Stuttgarter Publikum hat heute Abend wieder einmal einstimmig die Entscheidung getroffen, die dem Hörensagen nach das Wanda-Publikum bei jedem Konzert der Wiener trifft: Die Wandas und vor allem der Marco dürfen immer alles!

Finde ich halt einfach nicht! Unter allen diesen Fäns und Fäninnen heute Abend habe ich mich so wohl gefühlt, als ob ich am voll besetzten Nudistenstrand, angetan mit einem Frack und Lackschuhen drei Stunden lang im heißen Sand ganz allein dagestanden wäre.

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Foto: Armin Kübler

Wanda

Voodoo Jürgens

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