9 LEBEN, 02.03.2018, Staatstheater Nord, Stuttgart

9 LEBEN, 02.03.2018, Staatstheater Nord, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Diskursives Popmusiktheater im Staatstheater. Spielstätte Nord. Voll mein Ding. Zumindest die Popmusik darin. Die Besetzung von „9 Leben“, so der Titel des Stücks, fällt jedenfalls exakt in mein Beuteschema. Drei der fünf Agierenden sind von mir sehr geschätzte Musiker: Eleni Zafiriadou und Daniel Benjamin, kurz Sea + Air, sowie Max Braun, der bei vielen Produktionen des Staatstheaters musikalisch mitwirkt. Auch die beiden anderen sind mir wohlbekannt: der popkulturelle Hans-Dampf-in-allen-Gassen Andreas Vogel und Sebastian Röhrle. Letzterer ein Urgestein am Schauspiel Stuttgart. Zur Vorstellung der Protagonisten kommen wir aber später, denn damit wären wir schon mitten im Stück.

9 LEBEN, 02.03.2018, Staatstheater Nord, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Die Blackbox der Spielstätte Nord – eigentlich eine Studiobühne im Probenzentrum – habe ich schon länger zu schätzen gelernt. Von „interessant“ bis „grandios“ lassen sich die Inszenierungen beschreiben, die ich hier besuchte. Von Schorsch Kameruns „Das glaubst du ja wohl selber nicht!“ über „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ (mit den Nerven) bis hin zur fulminanten „Lulu“, die mich erst kürzlich umgehauen hat. Der Rahmen ist locker bis schick, das Foyer im umgebauten Fabrikkomplex luftig, das Publikum typisch Staatstheater, würde ich sagen.

9 LEBEN, 02.03.2018, Staatstheater Nord, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Der Prolog ist eine Diaschau. Vor geschlossenem Bühnenvorhang erzählt Andreas Vogel (in scheußlich-gemütlicher Opa-Strickjacke) von seinem Leben als kauziger Produzent der Crystal Clear Studios, der in einer Waldhütte naturnahe Aufnahmesessions mit dem Musiker Handsome Luke aus Illinois macht. (Letzterer hat eine verdächtige Ähnlichkeit mit Max Braun). Plauderstimmung, familiäre Atmosphäre. Eine amüsante eskapistische Anekdote. Der Abend fängt gut an. Nach einem ersten Song, den die Band hinter dem halbtransparenten Vorhang spielt, beginnt das Programm. Es folgt einer einfachen Struktur: Jeder der Protagonisten wird vorgestellt und dann in einer zweiten Runde ein anderes Leben gesetzt, das er sich so wünschen oder vorstellen könnte. Dazu jeweils passende Songs. So weit, so gut.

9 LEBEN, 02.03.2018, Staatstheater Nord, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Das Ganze bezieht seinen Reiz auch daraus, dass die echten Lebensläufe der Künstler erfrischend unspektakulär sind und auch betont sachlich knapp vorgetragen werden. So erfahren wir zum Beispiel, dass Daniel Benjamin die Schule abgebrochen hat, sein Vater Kirchfunktionär ist, dass Max Braun ein Architektenkind ist, aus Sillenbuch kommt und an der HdM studiert hat. Alles erstaunlich bodenständig. Deutlich poetischer sind ihre Wunschleben, Benjamin könnte sich ein Dasein als Privatdetektiv vorstellen, Eleni Zafiriadou eines als Heilerin, Max Braun erzählt Episoden aus seinem Leben als Flussschiffer zwischen Rotterdam und Stuttgart-Wangen.

9 LEBEN, 02.03.2018, Staatstheater Nord, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Als dann aber Andreas Vogel – untermalt von „United we stand, divided we fall“ und ausgestattet mit Megaphon und Talar – seine Vision vom Leben als Anwalt zu Unrecht verfolgter Aktivisten präsentiert, erfährt das Programm eine Unterbrechung.

Sebastian Röhrle lädt Vogel – nach fünf von neun präsentierten Leben – zum Interview und möchte mit ihm als „Vater dieses Stückes“ über selbiges reden. (Ist dies jetzt der angekündigte Diskurs? Jedenfalls ein spannendes Stück Meta-Handlung) Dieses Interview kommt aber nicht richtig in die Gänge, Röhrle wird immer fahriger und plötzlich bricht es aus ihm heraus: Eskapistische, wohlstandsmüde Scheiße sei dies alles, narzistische Wichse! Und überhaupt, man habe ihn benutzt. Über ihn hätte man nur an dieses Theater kommen wollen und „an die Fleischtöpfe öffentlicher Kulturförderung“. Schäbig sei dies, vom Niveau her bestensfalls Hobbykeller. Er sei der einzige in der Runde, dessen Beruf es sei, jemand anders zu sein. Sein Furor ist großartig, das Publikum begeistert.

Und dann erzählt er von seinem Leben. Seit zwanzig Jahren am Schauspiel Stuttgart. Unkündbar. Was ihm nicht nur Freunde mache, fügt er hinzu. Sein Traum sei ein Leben als Pförtner am Staatstheater, quasi das „erste Gesicht des Hauses“, immer als erster und letzer da und mit ausreichend Zeit, sich seiner eigentlichen Leidenschaft, dem Lesen, zu widmen… Nach dem nächsten Song kehrt er zurück auf die Bühne. Als Doppelgänger von Andreas Vogel. Mit Perücke, Opa-Strickjacke und Bäuchlein. Und in einer raffinierten Greenbox-Installation tritt er ein in das Leben als Pförtner.

9 LEBEN, 02.03.2018, Staatstheater Nord, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nach etwa siebzig Minuten endet damit ein hochamüsanter Abend, der nicht nur ein Riesenspektrum musikalischer Stile von Folk über Elektropop bis hin zu krachendem Rock präsentiert hat, sondern auch ein spannendes, manchmal poetisches Vexierspiel um Wunsch und Wirklichkeit gespielt hat. Und wenn es noch einen Beweises bedarf, dass die Grenzen zwischen Popkultur und „Hochkultur“ zumindest fließend wenn nicht sogar nicht existent sind, dann wurde er hier im Nordlabor mal wieder erbracht.

Und dass nach der Vorstellung die Aktion „Küche und Kultur“ um die Schauspielerin Rahel Ohm im Foyer zu unserer Überraschung eine große Tafel mit kolumbianischen Spezialitäten aufgebaut hat, ist ein weiterer Hinweis darauf, mit wieviel Energie hier im „Nord“ ein vielfältiges und spannendes Programm präsentiert wird.

9 LEBEN, 02.03.2018, Staatstheater Nord, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Ein Gedanke zu „9 LEBEN, 02.03.2018, Staatstheater Nord, Stuttgart

  • 5. März 2018 um 09:04
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    A-b-g-e-f-a-h-r-e-n-!

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