YELLO, 08.12.2017, Porsche-Arena, Stuttgart

YELLO, 08.12.2017, Porsche-Arena, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Fast 40 Jahre haben die Schweizer Elektroyuppies Dieter Meier und Boris Blank nicht auf einer Bühne gestanden und live gespielt. Meier kam wahrscheinlich immer ein wichtiges Golfspiel, eine Pokerpartie, eine schöne Frau, das Lamazüchten, eine gewagte Börsenspekulation, die Abnahme einer neuen Nobeluhrenkollektion oder einfach nur das Geldzählen und ein gutes Glas Whisky dazwischen. Blank behauptete wohl angeblich in Interviews immer, der Sound von Yello sei zu komplex für eine Live-Präsentation, er wolle nicht nur auf einer Bühne stehen und an Knöpfchen drehen, naja, da denkt so mancher zeitgenössiche Elektroniker sicherlich anders. Doch seit letztem Jahr haben die beiden sich umentschieden und treten auf.

Über die ergangenen Konzerte wurde von der Fachwelt kaum Gutes berichtet und vor allem deswegen bin ich gespannt wie ein Flitzebogen, wie es wohl heute in der definitiv nicht ausverkaufen zweitgrößten Stuttgarter Mehrzweckhalle werden wird. Es könnte natürlich auch an den satten Eintrittspreisen liegen, die aufgerufen werden, dass es an der Abendkasse noch etliche Restkarten gibt. Für den Preis meiner Eintrittskarte könnte ich mir ohne Probleme das Gesamtwerk der Herren auf Vinyl beim Gebrauchtplattenhändler meines Vertrauens erwerben und für ein paar dufte Maxis und Remixe wäre auch noch was übrig.

YELLO, 08.12.2017, Porsche-Arena, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Um viertel Neun steht Boris Blank in seiner Box und legt los, erst zum zweiten Song „Do it“ kommt Dieter Meier auf die Bühne. Verdammt gut sehen die beiden aus. Eigentlich kann man nicht sagen, dass sich die Herrn gut gehalten haben, es ist eher so, dass sie halt jetzt so alt sind, wie sie schon immer aussahen. Herr Meier hat das Hemd und die Manschetten sportlich offen. Herr Blank hat alle Knöpfe ordentlich geschlossen und trägt Weste zum Anzug. Frisurtechnisch hat sich bei Yello nicht viel getan. Beide haben ja schon immer so viel Pomade und Brillantine im Haar, wie es seit ein paar Jahren jeder Hipster hält, der seinem überteuerten Nobelbarbier vertraut. Meier kämmt die Mähne komplett nach hinten. Blank hat die Haare kürzer und trägt Seitenscheitel. Meiers Schnauz ist etwas buschiger als das Menjou-Bärtchen seines Kollegen, seine Brille ist bläulich getönt, die von Blank klassisch dunkel.

YELLO, 08.12.2017, Porsche-Arena, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Eine ordentliche Band haben sie mitgebracht. Ganz links steht ein Perkussionist in einem Haufen Schlagwerkgerümpel und hat ein doofes Hütchen auf dem Kopf. Neben ihm sitzt ein Schlagzeuger in seiner Schießbude und dann kommt ein Gitarist. Zwei Backgroundsängerinnen stehen dort, wo sie klassischerweise hingehören, hinten. Am rechten Bühnenrand neben Blanks erhöhtem Konsolenkasten sind fünf Bläser positioniert: Ein Baritonsaxophist mit asymmetrischer Unfrisur, Designerprintshirt und Röhrenjeans, eine Tenorsaxophonistin im klassischen Candy-Dulfer Outfit (kurzer Ledermini, hohe Stiefel usw.), ein Posaunist (auch mit Hütchen) und zwei Trompeter, die ihre Hemden ordentlich in die Hosen gestopft haben. Alle tragen Schwarz, nur die rechte Backroundlerche hat eine rote Flamencorose im im Haar. Im Laufe des ganzen Abends wird sich diese Band als Hauptproblem herauskristallisieren.

Blank kann ja eigentlich musikalisch fast nix, sondern ist ein überkandidelter, manischer, dilletantisch-herausragender Amateuersoundbastler vor dem Herren und Meier kann rein gar nix, das aber so gut wie kein anderer auf dem Planeten. Immer wenn Yello bei einem Stück einen Sound oder ein Instrument benötigten, bastelte Blank so lange an seinen Maschinchen im Studio rum, bis er es halt beisammen hatte, oder es wurde ein Studiomusiker bezahlt, der das spielte, was Blank halt als Baumaterial benötigte. Irgendwann kam dann Meier mit einem schicken Sportwagen angezischt und brummte seinen Text drüber. So klingt Yello. Mit ihren besten Tracks gelang es den beiden Hochkulturschnöseln immer jede Dorfdisco abzufackeln. Es wundert nicht, dass Meier in der ehemaligen Dadahochburg Zürich geboren ist. Dada erschütterte die intellektuelle westliche Welt in ihren Fundamenten und seitdem ist alles nur noch wackelig. Meier brummte einfach ein paar mal „Oh Yeah“ ins Mikrofon und eine neverending Riesensause in den Diskotheken des Planeten Disko hob an, die noch lange nicht zu Ende ist.

YELLO, 08.12.2017, Porsche-Arena, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nun stehen diese beiden Typen leider mit einer seelenlosen Band aus Vollprofis auf der Bühne, die alles was sie spielen sollen, super vom Blatt spielen können und dazu das machen, was sie wohl für eine „gute Show“ halten. In dem Moment, wo uns zum Beispiel die Tenorsaxophonistin die Pommesgabel zeigt, ist mir klar, dass die Dame offensichtlich keinen Schimmer hat, neben wem sie hier auf der Bühne steht. Die Choreographie, die sich irgendjemand für die Bläser ausgedacht hat (vielleicht sind sie da ja selber drauf gekommen), ist fürchterlich. Immer stellen diese sich zu lustigen lebende Bildern auf oder hampeln alle synchron beim Blasen auf der Bühne rum wie die Bläsersection der Miami Sound Machine. Der Gitarrist gniedelt auf dem Hals beidhändig ganz weit oben und der Perkussionist rasselt mit seinen Kürbisdingern in der Hallenluft oder tätschelt halt die Congas. So macht man das, wenn man es so gelernt hat. Alles was diese seelenlosen Profimusiker darbieten, hätte so viel mehr Soul, wenn es Boris Blank aus der Dose von seiner Konsole abfeuern würde. Jeder Wiegeschritt des ein wenig hüftsteifen Dieter Meiers hat mehr Sexappeal als das gesamte Tanzgehampel der diversen Bandmitglieder.

YELLO, 08.12.2017, Porsche-Arena, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Yello scheitern ganz grandios bei ihrem Auftritt als klassische Großhallenband in der Stuttgarter Mehrzweckarena, weil sie eben keine klassische Großhallenband sind, sondern eigentlich die souveränsten und bestangezogenen Dancefloorherrscher, die es je geben wird. Sie haben es schon gemerkt. Beim Überhit „Oh yeah“ müssen alle von der Bühne runter und Meier stellt sich zu Blank in die Box. Der eine Anzugträger drückt die Knöpfe und dreht die Regler, der andere legt ihm liebevoll den Arm um die Schultern und knurrt halt ab und zu die berühmten zwei Silben ins Mikro. Bei der ersten Zugabe geht mir so richtig das Herz auf: Beide stellen sich allein an den vorderen Bühnenrand. Blank zückt sein schlaues Taschentelefon und bastelt mit seiner selbstentwickelten Yellofier App ganz fix einen Track, über den Meier so drüberbrummt, wie es halt nur einer kann.

Yello sind mit ihrem Live-Konzept grandios und komplett gescheitert. Aber mit solch einer sympathischen Grandezza, dass ich mir beim Heimfahren denke: Wie spannend wäre es, wenn die beiden größten und beeindruckendsten Schnösel der elektronischen Musikwelt merken würden, wann sie auf der Bühne am besten sind und wie falsch sie mit ihrem musikalischen Konzept zur Zeit liegen und dann wiederkämen. Daft Punk, DJ Hell, Peaches und alle anderen würden vor Ihren Urahnen niederknien. Ich bestelle heute schon mal ein Ticket für diesen Abend – OH YEAH!!!!

6 Gedanken zu „YELLO, 08.12.2017, Porsche-Arena, Stuttgart

  • 9. Dezember 2017 um 14:10
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    Der gute Herr Kommentator kommt wohl aus der Modebranche!
    Genre verfehlt – oder?
    Hauptsache eine Seite Kommentar geschrieben.
    „Schuster bleib‘ bei deinen Leisten“ kann ich da nur sagen.

    Das Konzert war genau das, was es versprochen hat … einsame spitze!!!

    Wer also kein Fan von yello ist, sollte erstens nicht zum Konzert gehen
    und zweitens schon gar keinen so subjektiven Bericht veröffentlichen
    dürfen! Vor allem, wenn man nicht offen ist, für Experimente und Neues!

    Zum Glück sind Geschmäcker verschieden!

  • 9. Dezember 2017 um 21:15
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    Hätte wenigstens der Text über das Event die Qualität die dem Auftritt in Abrede gestellt worden ist, hätte man nach dem Lesen „Oh yeh“ rufen können.
    Schade so muss man halt wieder den alten Theodor Fontane aus dem Bücherregal holen.

  • 10. Dezember 2017 um 00:40
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    Kann mich meinem Vorredner nur anschließen: Hier war Großes geboten. Leider hat es der Kommentator nicht bemerkt, weil er halt – wie oft üblich – mit Vorurteilen und „wird ja eh nix“-Gedankengut den Saal betreten hat. Ich bin sehr froh, diese beiden auf der Bühne erlebt zu haben, auch wenn der Sound auf Grund der Größe der Halle sicherlich in einer kleineren Location besser und knackiger gekommen wäre. Und – sorry, lieber Kommentator – wenn die beiden sich nochmals auf eine Tournee wagen, dann werde ich sicherlich wieder mit dabei sein! Ich sage nur: Danke an Dieter und Boris für einen genial schönen Abend!

  • 10. Dezember 2017 um 11:02
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    @ michaela: kritiken sind immer subjektiv. das liegt in der natur der dinge.

    die kritik selber:
    mir zuviel frisuren- und klamottenproblematik, (off topic) dafür einige konzertrelevante aspekte ausgelassen.
    nur als ein beispiel: das thema sound. der war sehr gut (jedenfalls beim foh und für diese halle) und wurde teilweise surround technisch angeboten. fein.
    „Blank kann ja eigentlich musikalisch fast nix“ war das ernst gemeint?
    ich hoffe nicht… oder hat ers selber mal gesagt? dann ernst genommen? auch nicht besser.

    scheint mir, da schwingt alles in allem viel voreingenommenheit mit.
    vielleicht schon vorher (zu) viel bei den kollegen der zunft gelesen?
    einfach mal ins gleiche horn gestossen?
    mit frischen augen und ohren anzureisen wären gut gewesen.

    klar, sexy geht heute anders.
    ich fands aber angenehm oldschool und wer so lange
    in der zeit vorne lag, darf auch mal auf das geleistete zurückschauen und die
    innovationen den jüngeren überlassen.
    und der altersdurchschitt des publikums lies darauf schliessen, dass retrospektive
    der kundenwunsch war.

  • 16. Dezember 2017 um 17:40
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    Also, ich war zwar nicht auf dem Konzert, habe mich aber von dieser Rezension bestens informiert und unterhalten gefühlt. Dankeschön!

    Hinsichtlich der vielen nicht-musikalischen Aktivitäten des „Elektroyuppies Dieter Meier“ muss allerdings noch unbedingt der ausgezeichnete Malbec „Dieter Meier Puro“ erwähnt werden, den Herr Meier in den Weinbergen von Luján de Cuyo in der argentinischen Weinbauregion Mendoza vinifiziert (wenn er nicht gerade mit seinen Lamas musiziert, pokert oder Golf spielt). Prosit!

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