ICELAND AIRWAVES, 01. – 05.11.2017, Reykjavik, Island

Vik

Foto: Carsten Weirich

Ein guter Freund hat mir neulich so richtig oldschool den Vogel gezeigt. Wie man ausgerechnet im November nach Island gehen kann, wo es doch da so arg kalt ist und die Tage so kurz und blablabla… stimmt schon, aber das tut doch alles gar nichts zur Sache. Weil es erstens eine verdammt schöne Reisezeit ist (weniger Touris, höhere Chancen auf Polarlichter, aufwärmen mit Bier im Hotpot…) und zweitens das Iceland Airwaves in Reykjavik stattfindet. Und das ist seit 2010 mein absolutes Lieblingsfestival. Unzählige Bands von Indie über Hiphop bis Metal spielen in Konzerthallen, Clubs, Klamottenläden, Kirchen, Schwimmbädern und was sich eben sonst noch so zur Konzertlocation ummodeln lässt. Was mich dabei immer wieder in ungläubiges Erstaunen versetzt: sehr viele (ich habe sie nicht gezählt, aber sicher im dreistelligen Bereich) Bands kommen dabei aus Island selbst. Zum Vergleich muss man sich mal fragen, wie viele Bands man aus Stuttgart kennt. Dabei hat Island nur halb so viele Einwohner. Und nicht umsonst ist „isländisch“ im Musikbereich mittlerweile zu einem echten Qualitätsmerkmal geworden. Weil sie alles eine Spur schräger und origineller machen als anderswo. Dem Mainstream hinterherzulaufen ergibt in Island wenig Sinn, weil es eben der Einwohnerzahl geschuldet gar keinen gibt.

Bier

Foto: Carsten Weirich

Wir sind jedenfalls wieder am Start und das mit einer ganz schön großen Gruppe. Mit 13 Leuten sind wir quasi unsere eigene kleine Touri-Invasion. Das führt zwar manchmal zu einer gewissen Gruppenstatik (bis der eine seinen Kaffee geholt hat, muss der nächste austreten und wenn der zurück ist, verschwindet wieder ein anderer zum Fotos machen), macht aber am Ende doch saumäßig Spaß. Sonst würden wir das ja auch nicht zum xten Mal machen. Am Flughafen decken wir uns wie immer palettenweise mit Bier ein. Ist hier doch verhältnismäßig günstig, und man spart so eine Menge Geld (eines ist in Island nämlich ganz sicher nicht günstig – Alkohol). Hochprozentiges haben wir selbst mitgebracht. So zum Aufwärmen und so. Zwinker zwinker. Wie die Jahre zuvor, wollen wir aber erstmal was vom wundervollsten Land der Welt sehen, bevor es dann nach Reykjavik zum Festival geht. Für unsere Neulinge steuern wir ein paar Highlights an der Südküste an (beispielsweise die atemberaubend schöne Gletscherlagune Jökulsárlón, den schwarzen Strand bei Vík í Mýrdal und die imposante Schlucht Fjaðrárgljúfur) und ziehen dann weiter auf die westlich gelegene Halbinsel Snæfellsnes. Und wieder einmal sind wir überrascht, wie viel Neues wir zu sehen bekommen. So viel Schönheit und so viel Abwechslung auf so wenig Raum, dass es einem fast die Sprache verschlägt. Wir geraten ins Staunen vor schroffen Felsformationen, stehen am Fuß riesiger Wasserfälle, trinken Bier in 40-Grad heißen Hotpots, speisen wie die Könige, meistern Reifenpannen (also eigentlich hauptsächlich Mario, ich hab nur mein Bier gehalten), amüsieren uns über tapsige Seehunde und jagen nachts den Polarlichtern hinterher. Ernsthaft, wer hier noch nie war und es sich leisten kann, sollte Island schnell auf seine Liste schreiben. Und zwar ganz oben hin. Mich überkommt auch beim achten Landeanflug seit 2010 immer wieder ein warmes Gefühl. Klingt ekelhaft pathetisch, aber irgendwie ist das wie Heimkommen.

Gullfoss

Foto: Carsten Weirich

Fünf Tage später erreichen wir dann am Donnerstag die wunderschöne Hauptstadt Reykjavik. Kurz die Sachen ins Hotel, Bier aus dem Kofferraum und ab ins Media-Center im Harpa unsere Festival-Bändchen holen. Kurz das obligatorische Bild mit allen Händen samt Bändchen gemacht und ab zu unserem Aufwärm-Gig. Die Isländerin Dísa spielt samt Band in einem der gemütlichsten Cafés der Stadt, dem Kaffihús Vesturbæjar. Sphärischer Indiepop mit wunderschönem Gesang, der offensichtlich auch ältere einheimische Damen bezaubert und sie dazu bringt, mit geschlossenen Augen mitzuwippen. Um uns herum springen Kinder, auch das der Künstlerin. Wir sind begeistert, auch wenn das Konzert nur eine halbe Stunde dauert. Ein Teil der Gruppe zieht weiter zur Indie-Rock-Band Dikta, die im Klamottenladen Cintamani auf der Haupteinkaufsstraße Laugavegur spielen. Draußen drängen die Leute schon vors Schaufenster und auch der Laden ist gerappelt voll. Wir sehen von weiter hinten relativ wenig, was aber nicht weiter schlimm ist. Vor allem „From Now On“ trifft uns wieder mitten ins Herz. Was für ein wunderschöner Song. Wir singen lautstark mit. Direkt neben uns steht die Mutter und die Frau von Sänger Haukur Heiðar Hauksson samt Baby. Auch sie singen mit (also bis auf das Baby natürlich), wenn auch wesentlich leiser. Als Nächstes auf meiner Liste steht die Neuseeländerin Aldous Harding, die in der wunderschönen kleinen Kirche Fríkirkjan auftritt. Wir finden einen Sitzplatz auf der Empore und sind zutiefst beeindruckt von den zarten und zerbrechlichen Folkballaden, die selten, aber dann mit um so größerer Wucht von Hardings voluminöser Stimme durchbrochen werden. Was für eine Stimmgewalt. Viele Worte verliert sie dabei nicht und lässt ihre Kunst für sich sprechen. Einer meiner Freunde findet sie arrogant und geht, ich finde sie wundervoll. Meine verbliebenen Mitstreiterinnen Sonja und Cat legen den Kopf aufs Geländer der Brüstung und lauschen mit geschlossenen Augen.

Harpa

Foto: Carsten Weirich

Später am Abend wird es extrem hiphoplastig und das obwohl das nicht gerade mein Fachgebiet ist (Donny!). Wir wechseln in eine der größten Konzertlocations des Airwaves – dem Reykjavik Art Museum. Los geht es mit Emmsjé Gauti, dem blondschopfigen Lokalmatadoren. Die Stimmung ist bestens, die Isländer singen die meisten seiner Songs auswendig mit. Úlfur Úlfur treibt die Stimmung dann noch weiter auf die Spitze, bevor Reykjavíkurdætur zum Abriss laden. Um die 15 leicht bekleidete junge Damen rappen was das Zeug hält und bringen die Halle zum Kochen. Was ein Brett. Am nächsten Tag werde ich nochmal in die Songs der Damen reinhören und siehe da – gefällt mir gar nicht mal sooo gut. Muss wohl die Magie des Moments (Bier) gewesen sein. Im Anschluss gibt es noch einen kurzen Snack beim orientalischen Imbiss unseres Vertrauens (Thorben wird ab sofort umbenannt in Ali Thorba) und dann heißt es ab durch die Kälte zurück ins Hotel. Wir fallen äußerst zufrieden und erledigt ins Bett.

Der Freitag beginnt wie immer mit einem soliden Frühstück. Dann ist erst einmal Sightseeing angesagt. Wir ziehen wir durch die überschaubare Innenstadt Reykjaviks. Wir essen im Sea Baron die vielleicht beste Hummersupe der Welt, gönnen uns einen schon pervers crémigen Nutella-Cheesecake im Babalú, dem vielleicht gemütlichsten Kaffee der Welt, schauen vom Wahrzeichen der Stadt, der Hallgrímskirkja, herunter auf die kleinen bunten Häuser Reykjaviks und stehen staunend vor abartig genialer Streetart. Unser erstes Konzert des Abends soll das eines alten Freundes sein. Unser aller Lieblingstroubadour Svavar Knútur spielt im Aurorahaus. Da wir aber recht früh dran sind, ist erstmal Blindur an der Reihe. Der Italiener mit isländischem Namen (quasi das Gegenteil von Emiliana Torrini, wie er später erzählt) spielt genau wie später Svavar in einem ziemlich dunklen Raum vor einer Leinwand mit Filmsequenzen von Polarlichtern. Schon sehr schön, aber andererseits kriegt man von der Mimik der Künstler nicht sehr viel mit. Blindur gegenüber ist das wohl fair, denn ganz offensichtlich kann er uns gar nicht sehen. Sein Name kommt nicht von ungefähr. Sehr sympathisch kommt er rüber der Singer-Songwriter, der seine Lieder mit viel Inbrunst singt. Wovon sie handeln, weiß ich nicht. Nur einmal verstehe ich „vaffanculo“, das kenn ich dann doch. Kurz darauf betritt dann Svavar den Raum, wie gewohnt mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht und einem Bier in der Hand. Die nächsten 45 Minuten werden wir schweben zwischen Herzschmerz und Lachanfällen, wie immer wenn der Isländer das Kommando übernimmt. Songs wie „Emotional Anorexic“ oder „Clementine“ sind nur zwei der Highlights. Was mich immer wieder überrascht ist, dass er sich mit seinen abartig lustigen Anekdoten selten wiederholt und immer wieder Neues einzustreuen weiss. Diesmal zum Beispiel, dass sein Nachwuchs zwar das Wort „Papa“ lange Zeit nicht sagen konnte, dafür aber „Midgetporn“ was die in diesem Moment sicher weniger stolzen Eltern ziemlich in Verlegenheit gebracht hat. Leider ist viel zu schnell Schluss. Wir verabschieden uns und ziehen weiter zu Gurr, der meines Wissens nach einzigen deutschen Band des Festivals.

Die Garage-Rocker (mit Pop-Appeal) spielen im wunderbaren Plattenladen 12 Tónar, der leider schon so voll ist, dass wir nicht mehr reinkommen. Von außen können wir fieserweise die grandiose Stimmung erahnen, vor allem als die Sängerin sich gefühlte 3 Zentimeter unter der Zimmerdecke auf Händen tragen lässt. Nach einem kurzen Zwischenstop im Hotel (Powernap und Bier holen) geht es zu Sigrid, die jetzt im Art Museum spielt. Die junge Norwegerin ist im skandinavischen Raum wohl gerade der heiße Scheiß mit ihrem fluffigen, aber doch auch irgendwie eigenständigen Pop, der jetzt vielleicht nicht gerade tiefgeht, aber schon irgendwie gute Stimmung verbreitet. Soweit ich weiß, schreibt sie ihre Stücke immerhin selbst. Am Tag zuvor hatten wir ihren Hit „Don’t Kill My Vibe“ noch im isländischen Musikfernsehen gesehen, heute erleben wir ihn live auf der Bühne. Das Airwaves feiert sie. Und auch wir sind jetzt auch in der richtigen Stimmung für eines unserer Highlights, die Partyabrissbirne FM Belfast.

Babalu

Foto: Carsten Weirich

Aus der Konserve funktionieren für mich nicht alle Songs der Isländer, aber live sind sie schon ein echtes Brett. Und auch hier auf dem Airwaves bringen sie mit ihrem Party-Elektro-Pop die Halle zum Kochen. Wir trinken und tanzen im Konfettiregen zu Songs wie „Underwear“, „Par Avion“ oder „Brighter Days“, was das Zug hält und singen mit bis der Hals kratzt. Wahnsinn. Heimgehen können wir danach nicht, dafür sind wir viel zu aufgekratzt. Also ab in die Lebowski Bar. Welch Glück, dass die sich gleich neben unserem Hotel befindet. Man kann sich also gepflegt einen reinlassen und muss nur 10 Meter heimfallen. Und hey, mit nur drei Mal am Glücksrad drehen, haben wir vier Bier gewonnen. Moment, ich rechne… etwa 60 Euro für… ach egal, gewonnen!!! Alles perfekt. Wir tanzen zu Disco und Funk bis uns die Türsteher rauskehren.

Am Samstag steht dann erstmal wieder Touriprogramm auf dem Plan. Die Golden Circle-Tour darf eigentlich nie fehlen, zumal jedes Jahr neue Mitreisende dabei sind, denen man den gigantischen Wasserfall Gullfoss, den Geysir Strokkur und einen Spaziergang zwischen der eurasischen und der nordamerikanischen Kontinentalplatte nicht vorenthalten will. Leider verpasse ich die isländischen Gothpunker Kælan Mikla, auf die ich mich schon riesig gefreut hatte. Egal, dann wird halt Torres mein Samstagabendauftakt. Und der hat es in sich. Sängerin Mackenzie Scott trägt ihre ziemlich schrägen Rocksongs im Gamla Bió mit viel Inbrunst und theatralischer Mimik vor. Ich bin begeistert. In die gleiche Kerbe hauen dann die Isländer Mammút, die auf der gleichen Bühne folgen. Die allererste Band, die ich je auf dem Airwaves gesehen habe, hat sich zu einer echten Granate entwickelt. Vor allem Sängerin Katrína Mogensen bläst dem Gamla Bío mit ihrer charismatischen Ausstrahlung fast das Dach weg. Wow! Nur schade, dass sie die für ihre Verhältnisse sehr ruhige Coverversion des eigentlich unsäglich nervigen Cher-Klassikers „Believe“ nicht spielen. Das mag ich arg.

Als nächstes sehen wir Ider im Iðnó. Die zwei Engländerinnen machen irgendwas zwischen R&B und Elektropop mit Keyboard und Gitarre und wirklich wundervollen Stimmen. Gefällt mir ganz gut, vor allem wenn die Songs mehr Beat abbekommen. Fertig ansehen können wir uns das Konzert leider nicht. Denn wir wollen zu GusGus im Art Museum. Die sind ja bekanntlich eine Wundertüte und wechseln ihren Stil wie andere ihre Unterhosen. Jazz, Techno, House, Elektro, Pop… ich bin gespannt was mich erwartet. Diesmal ist Sänger Daníel Ágúst Haraldsson nur mit DJ angereist. Das reicht aber trotzdem, um den Laden ordentlich zu rocken. Eine ziemlich dicke Technoparty ist das hier. Das Art Museum tanzt und wir mit. Und spätestens bei „Arabian Horse“ bin ich fast vollkommen glücklich. Schade, dass Diamond Dave jetzt nicht hier ist.

Von der Kälte, dem Bier und den Strapazen des Festivals gezeichnet, will ich danach eigentlich nur noch ins Bett. Naja, zu einem Absacker in der Lebowski Bar lasse ich mich von meinem guten Freund Barthel dann schon noch überreden. Das Glücksrad will sich wohl revanchieren und bricht mir dabei das Genick. Glückspilz Barthel gewinnt natürlich auf einen Schlag sechs Halbe für uns zwei. Na gut. Sind ja nicht zum Spaß hier. Gegen 4.30 Uhr kehren uns die Türsteher wieder raus.

Der Sonntag hat für Festivalbesucher nur noch ein schmales Restprogramm zu bieten. Wir sind erledigt und durch und chillen lieber erstmal. Der abendliche Ausflug in die Blue Lagoon in Keflavik wird dann noch zu einer Tortour werden. Hinfahrt bei Sturm um dort festzustellen, dass wir völlig umsonst gekommen sind. Wellen peitschen über das sonst so sanfte Thermalbad. Baden kann man vergessen. Auf der Rückfahrt nach Reykjavik müssen wir noch eben tanken, denn wir sind schon auf Reserve. Kein Problem eigentlich, denn wir haben schon vorab geschaut wo es eine Selfservice-Tankstelle gibt. Weil die umliegenden Ortschaften sturmbedingt aber keinen Strom haben, stehen wir an der Zapfsäule ziemlich dumm da. Gut, dass uns die isländische Feuerwehr zu Hilfe kommt. Wir fahren mit ins Hauptquartier. Dort sucht einer nach einem Ersatzkanister, ein anderer bastelt aus einer Plastikflasche einen Trichter und ein anderer schenkt uns zum Abschied noch einen kleinen Feuerwehrmann-Schlüsselanhänger als Andenken. Hoch die Tassen auf die isländische Feuerwehr.

Den Montag nutzen wir, um die uns noch größtenteils unbekannte Halbinsel Reykjanes zu erkunden. Und das lohnt sich: uns erwarten dampfende Quellen, wellengepeitschte Felsplateaus und ein wunderschöner Leuchtturm. Was für ein Abschluss, bevor es am nächsten Tag mit dem Flieger wieder heimwärts geht. Wir haben viel erlebt, viel Wunderbares bestaunt, tolle Live-Acts gesehen und mindestens genauso viele verpasst (wohl der Fluch eines jeden Festivals, aber in Reykjavik erwischt es mich immer ganz besonders) und sind uns sicher: wir kommen wieder. Und wenn ich heute in die Augen der Island-Neulinge schaue, wenn wir von unserem Urlaub sprechen, meine ich ein ganz gewisses Funkeln erkennen zu können.

Takk liebe Icy-Gang! Takk Iceland Airwaves! Takk Ìsland!

Babalu

Foto: Carsten Weirich

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