ANGUS & JULIA STONE, 13.10.2017, Liederhalle Hegel-Saal, Stuttgart

Angus and Julia Stone

Foto: Özlem Yavuz

Ganz schön schick geht es zu, vor und im Hegel-Saal der Liederhalle. Das Publikum ist überwiegend weiblich und scheint sich größtenteils ordentlich rausgeputzt zu haben für heute Abend. Neben Bier wird auch recht viel Sekt und Wein an mir vorbeigetragen, gern von einer der vielen Dutt-Trägerinnen. Ob das mit an der Konzert-Location liegt? Ein wenig alternativer hatte ich mir es vorgestellt bei den schon eher hippieesken Angus und Julia Stone. Aber tut ja eigentlich auch nichts zur Sache. Und ist halt doch Popmusik, wenn auch ziemlich gute. Ich habe verletzungsbedingt ganz außen im Saal meinen Platz gefunden. Und ich muss schon sagen, selbst von da sieht man super und ist nicht zu weit entfernt von der Bühne.

Isaac Gracie

Foto: Özlem Yavuz

Ich habe also einen guten Blick auf Isaac Gracie, der heute für das Geschwisterpaar aus Australien eröffnet. Sehr netter Folkpop ist das, der auch beim Publikum gut anzukommen scheint. Tolle gefühlvolle Stimme des Sängers, der viel älter und reifer klingt, als er aussieht. Es gibt stattlichen Applaus im schon sehr gut gefüllten Hegel-Saal.

Gegen 21 Uhr betritt der Hauptact die Bühne: das Geschwisterpaar Angus & Julia Stone aus Newport in Australien. Sie im weißen Sixties-Kleid mit Trompetenärmeln und er im Lotterhemd und mit Mütze. Im Gepäck haben sie vier weitere Musiker und ein Bühnenbild, das mich noch mehrfach an diesem Abend in Erstaunen versetzen wird. Ein riesiger Totempfahl ziert die Bühne, der immer mal wieder wechselnd leuchtet. Dahinter eine riesengroße Leinwand, auf der immer wieder kurze, wunderschön stimmungsvolle Filme laufen. Mal ein riesengroßer blutroter Mond, der über verschneiten Wäldern aufgeht, mal das Meer, das sanft vor sich hinschaukelt oder rotglühende Funken. Unglaublich einfach und doch habe ich selten ein schöneres Bühnenbild gesehen. Kitsch von seiner allerbesten Seite.

Angus and Julia Stone

Foto: Özlem Yavuz

Angus & Julia Stone legen dann auch sofort los ohne groß Worte zu verlieren. „Baudelaire“ von ihrem neuen Album „Snow“ gibt als Opener die Richtung vor. Schöner bluesiger Folkpop, der mit viel Gefühl und Intensität überzeugt. Ist halt jetzt nicht gerade die Musik zum Ausrasten, aber man merkt gleich, dass die Fans von Beginn an Spaß haben. Es wird vor sich hingetänzelt und gelächelt und immer wieder gibt es ordentlich Applaus. Es macht einfach Spaß den Musikern auf der Bühne zuzusehen und -zuhören. Weil alle Musiker wirklich richtig gut sind, weil Julia Stone so engelsgleich aussieht, wenn sie tanzt und sich in sich versunken um die eigene Achse dreht und weil auch Angus Stone unglaublich sympathisch und geerdet rüberkommt. Auch die nächsten Stücke „Make It Out Alive“ und „Cellar Door“ stammen vom neuen Langspieler. Überhaupt spielen die Australier fast nur Stücke von ihren zwei letzten Alben. Das erste richtige Highlight ist dann „Heart Beats Slow“, das nicht nur bei mir sondern auch beim restlichen Publikum für Begeisterung sorgt. Kennen halt auch die, die sich mit der Band nicht so gut auskennen (da schließe ich mich jetzt mal ein). Was für ein wunderschöner Song. Hier und heute in einer gefühlt sehr langsamen Version, was ihn aber nicht minder schön macht. Ganz im Gegenteil.

You say I move so fast
That you can hardly see.
You say I move so fast
How could you notice me?
But my heart beats slow.

Angus and Julia Stone

Foto: Özlem Yavuz

Songs wie „Chateau“, „Wherever you are“ oder „Who Do You Think You Are“ sorgen zwar nicht gerade für unglaublich viel Abwechslung, aber muss ja auch nicht unbedingt sein, wenn sonst alles passt. Und das tut es. Angus und Julia Stones wundervoll intensive Stimmen harmonieren hervorragend miteinander. Man merkt einfach, dass die beiden sich gut kennen. Kein Wunder, dass manch einer glaubte, dass die beiden ein Paar sind. Immer wieder wechseln die beiden auch mal die Instrumente. Dann spielt er beispielsweise Mundharmonika und sie greift zur Trompete.

Ein Wahnsinnshighlight in diesem wunderschönen homogenen Konzert gibt es dann aber doch noch. Und das beginnt mit einer Ansage von Julia Stone: „Es ist sehr schön, hier bei euch zu sein“, sagt sie auf deutsch und lacht dann unglaublich süß verschmitzt. Applaus donnert durch den Hegelsaal. Das war aber noch nicht alles. In etwas holpriger, aber durchaus verständlicher Landessprache erklärt sie uns, dass sie jetzt ein deutsches Lied covern wollen und dass sie vor allem den Text so sehr mag. Ich bin unglaublich gespannt. Und noch viel verwunderter als sie plötzlich Udo Lindenbergs „Durch die schweren Zeiten“ anstimmt. Dass sie das mit auf einer Seite hochgezogener Lippe macht, sorgt für Lacher. Zugegeben, ich kannte den Song vorher nicht und hab ihn mir erst hinterher angehört. Aber so unglaublich intensiv und süß wie Julia Stone kriegt der Panikpunker das halt auch einfach nicht hin.

Angus and Julia Stone

Foto: Özlem Yavuz

Ich trag‘ dich durch
die schweren Zeiten.
So wie ein Schatten
Werd‘ ich dich begleiten.

Ich werd‘ dich begleiten,
denn es ist nie zu spät
um nochmal durchzustarten,
wo hinter all den schwarzen Wolken
Wieder gute Zeiten warten.

Und mit „Big Jet Plane“ folgt gleich ein weiterer ihrer Hits. Das kennt natürlich jeder und dementsprechend steigt die Stimmung nochmal ordentlich. Vor allem weibliche Fans tanzen und strahlen um die Wette. Vor „My House Your House“ lädt Julia Stone nochmal alle zum mitsingen ein. Später bittet sie nochmal alle Licht zu machen mit ihren Smartphones (ja kacke, ich werde alt – das Oldschool-Feuerzeug hat längst ausgedient) und es leuchtet und funkelt überall im Saal. Nach gut 90 Minuten verschwinden Angus und Julia Stone dann von der Bühne. Aber natürlich gibt es noch eine Zugabe. Das Neil Young-Cover „Harvest Moon“ und das verträumte „Nothing Else“ setzen den Schlusspunkt unter ein wunderschön langsames gefühlvolles Konzert. Ich gehe jedenfalls zufrieden und fast schon ein bisschen beseelt nachhause.

Angus and Julia Stone

Foto: Özlem Yavuz

Angus and Julia Stone

Isaac Gracie

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