FABER, 11.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Faber

Foto: Patrick Grossien

Immer mal wieder gibt es diesen einen. Diesen einen der es schafft alle zusammenzuführen und hinter sich zu versammeln. Jemand wie Vercingetorix, der mit den vereinten gallischen Stämmen gegen Julius Cäsar antrat. Oder Luke Skywalker, der das Gleichgewicht der Macht wieder herstellt. Oder Käsekuchen. Um den scharen sich auch alle, wenn mal jemand einen mit ins Büro bringt. So gesehen scheint Julian Pollina, der sich als Künstler Faber nennt, der Käsekuchen der aktuellen deutschsprachigen Poplandschaft zu sein. Und alle scheinen heute da zu sein um sich ein Stück vom Feuilleton-Hype der letzten Monate zu genehmigen. Gestylte Vollbart-Hipster genauso wie Systemadministratoren im Schlabber-T-Shirt, Erstsemester-Mädchen genauso wie deren Eltern, die Gruppe von Frühdreißiger-Typen aus Heslach genauso wie die Sozialversicherungsfachangestellte aus Schwäbisch Gmünd und ihre Kolleginnen.

Frank Powers

Foto: Patrick Grossien

Doch vor dem Hype steht die Vorband. „Frank Powers“, wie Faber aus der Schweiz und von der Straßenmusik kommend, eröffnen den Abend. Ihre mit höflichem Applaus bedachten Lieder erinnern an L’aupaire oder die langsameren Stücke von Friska Viljor, vielleicht auch wie zurecht nicht veröffentlichte B-Seiten von Mumford & Sons. „Nett“ und schnell wieder vergessen.

Nach zwei EPs erschien im Sommer das Debüt-Album „Sei ein Faber im Wind“ und heute spielt Faber das nach eigener Aussage bislang größte Konzert, aber es ist auch erst der zweite Stopp auf der Tour. Der Auftritt wurde vom kleinen Club in die große Halle im Im Wizemann verlegt. Zum Glück, denn die Halle ist voll und jubelt, als Faber auf die Bühne kommt. Das weit aufgeknöpfte weiße Hemd gibt den Blick auf eine Kette frei. Ein Look der vielleicht unbewusst auf seine italienischen Wurzeln verweist (sein Vater ist der sizilianische Liedermacher Pippo Pollina).

Faber selbst spielt Akustik-Gitarre und wird von Goran Koç am Klavier und Janos Mijnssen an der Bassgitarre und am Cello unterstützt, Max Kämmerling spielt elektrische Gitarre und Darbuka und Tillmann Ostendarp Posaune und Schlagzeug (und das manchmal sogar gleichzeitig). Diese vier Musiker wurden allerdings nicht einfach nur für die Tour angeheuert und zusammengestellt, schon lange bevor sie auf Faber trafen musizierten sie zusammen als die Goran Koç y Vocalist Orkestar Band.

Und das ist auch die Grundlage für den charmanten Kirmes-Folk von Faber. Man merkt, dass die Band schon seit Jahren zusammen ist und so spielend zwischen Klezmer und Honkytonk, Rumpel-Polka und Flamenco, Chanson-Jazz und Latino-Rhythmen wechseln kann ohne den Druck und den Faden zu verlieren.

Davor steht dann Faber auf der stimmungsvoll mal in Rot/Gelb oder Magenta/Cyan beleuchteten Bühne, mal dramatisch nur von hinten in grellem weiß angestrahlt. Er singt mit seiner für sein Alter viel zu rauen, kräftigen Stimme über den Zustand der Welt und die Liebe. Und auch wenn viele textsicher sind, fällt gerade das Mitsingen nicht immer leicht. Denn Faber singt in deutlichen Worten. Textzeilen wie „Ein Nazi schießt auf ein Flüchtlingsheim“ oder „Und gegen Ausländer habe ich nichts, aber ich schau euren Schlauchbooten beim Kentern zu“ sind nicht gerade Feel-Good-Slogans.

Es ist seiner Qualität als Entertainer und wohl auch seinen liebenswürdig-bübischen Ansagen zu verdanken, dass die Stimmung hier dann nicht kippt. Und auch wenn mal nach zwei langsameren Songs kurz die Luft etwas raus zu sein scheint, nimmt die Band wieder fahrt auf. Es ist ein Roadtrip auf der Straße der Referenzen, mal klingt 80er-Pop durch, mal muss man an den Dschungelbuch-Soundtrack denken („Nichts“). Und selbst wenn man bei Oh-Oh-Oh-Chören („So soll es sein“) unangenehme „Menschen Leben Tanzen Welt“-Pop-Blaupausen rauszuhören denkt, biegt man danach schnell wieder ab nach „Bratislava“.

Das titelgebende Stück des Albums wird zum Schluß noch ein zweites mal gespielt und alle grölen „Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?“ mit, eine Wortwahl für die andere Bands schon durchaus Shitstorms geerntet haben.

Einen Shitstorm erntet Faber nicht, natürlich nicht. Am Ende stehen nicht nur alle hinter ihm, es sind auch alle einer Meinung: Ein echt schönes Konzert gesehen zu haben.

Faber

Frank Powers

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