RAINALD GREBE, 08.10.2017, Theaterhaus, Stuttgart

RAINALD GREBE, 08.10.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Ich stelle mir die Frage: wo fange ich bei meinem Bericht seines aktuellen Solo-Programms „Elfenbeinküste“ am Sonntag im Theaterhaus an, um Rainald Grebe gerecht zu werden? Nein, nicht ganz am Anfang des Abends, an dem Grebe (nach einem Beinahe-Zusammenstoß mit unserem Fotografen-Kollegen Micha) 15 Minuten vor der Bühne steht und in einem Multimedia-Dialog, zusammen mit seinem im Hintergrund agierenden und manchmal auf einer Leinwand eingeblendeten Tourbegleiter Franz Schumacher (zuständig für Sound und Einspieler), ergründet, inwiefern die an diesem Abend versammelte Gäste und er digital schon längst abgehängt sind von den neuesten Trends der „digital natives“ (wie funktioniert eigentlich Snapchat bzw. warum sollte man es brauchen und was ist ein „meme“?).

RAINALD GREBE, 08.10.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Vielleicht ist der emotionale Höhepunkt des Abends ein ganz guter Start, um dieses verwinkelte, mit zahlreichen Spiegeln und doppelten Böden konstruierte Programm zu verstehen. Wie so oft in seinen Programmen gibt es eine Art Rahmenhandlung. Bei „Elfenbeinkonzert“ ist es die, dass vor einiger Zeit Henrike Grohs, die Leiterin des Goethe-Instituts in der Elfenbeinküste, mit Grebe in Kontakt trat, um ihn zu bitten, mit dem deutschsprachigen Chor vor Ort zu arbeiten. Immer wieder kommt er auf die Frage zurück, was er denn mit diesem Chor arbeiten solle – es werden youtube-Filme eingespielt, die den Chor bei deutschsprachigen Liedern zeigen und schließlich, wie Grebe mit ihm zusammen ein Lied einstudiert. Und fast am Ende des offiziellen Teils des Abends erzählt Grebe die Geschichte, dass Henrike Grohs im März 2016, zwei Monate nach dieser Zusammenarbeit bei einem Terroranschlag erschossen wurde. Eine bleierne Stille breitet sich im Saal aus. Und die Hilflosigkeit, mit der jede Gesellschaft auf diese Taten reagiert, macht sich bei mir in der Form breit, dass ich nicht weiß, wie ich nun adäquat reagieren soll. Und ehe ich mich versehe, gehe ich von einer möglichen kurzen, andächtigen Stille in folgende Überlegung über: Ist das nicht zu heftig für solch einen Unterhaltungsabend? Was will Grebe damit bezwecken? War es nicht banal, mich über die Wahl von Helene Fischers „Atemlos“ lustig zu machen? Kann er denn jetzt einfach weitermachen wie die letzten 70 Minuten?

RAINALD GREBE, 08.10.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Grebe macht weiter. Und sein auf diesen Bericht folgendes Lied ist ein Ausdruck dafür, dass es keine richtige Antwort auf die Frage des „Wie reagiere ich?“ bzw. „Wie kann man weitermachen?“ gibt. Das den offiziellen Teil abschließende „In Betweens“ ist ein Bekenntnis: Ich weiß es eben auch nicht. An diesem Punkt unterscheidet Rainald Grebe sich von vielen der Kabarett-Szene, die auf den Brettern dieser Republik die in Moral getränkte Keule schwingen, wie es sonst Priestern und Pfarrern vorbehalten war – und selbst die sind heute teilweise wahrscheinlich gemäßigter. Nein, Grebe schwingt keine Keule der Moral. Er führt ein feines, silbernes Skalpell, mit dem er präzise die Gesellschaft in ihre Bestandteile zerlegt. Sein größter Verdienst ist, dass er dabei den Zuhörer*innen aufzeigt, dass es unterschiedliche Facetten gibt, nicht nur „gut“ und „schlecht“, sondern noch vieles dazwischen. Das klingt wie eine Binsenweisheit, scheint aber vermehrt verdrängt zu werden.

RAINALD GREBE, 08.10.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Auch bei den anderen Themen, die Grebe in seinem Programm behandelt, bleibt er immer dazwischen: Bei der Frage, wie er mit Mitte Vierzig dem Anspruch der Kunst-Welt noch gerecht werden kann („Jede Generation hat ihre Sänger […] eine Generation dauert heute fünf Jahre“)? Der Künstler kommt mit Jogginghose auf der Bühne – was soll der Aufwand! Bei der Frage Leben auf dem Land oder in der Stadt? Konsequent werden die Klischees beider Lebensorte benannt, wobei Grebe es immer gelingt, dass das Klischee nicht des Klischee willens genannt wird, sondern um im Kontext dessen Wahrheitsgehalt offenzulegen. Bei der Frage nach Abend- oder Morgenland? Da kommt keine der beiden konstruierten Territorien gut weg. Beide bekommen im Lied die bekannten Aspekte zugeschrieben: Bibel und Koran, Keuschheitsgürtel und Schleier. Nein, das Abendland hat so betrachtet weder heute noch damals wenig Gründe, sich moralisch über das Morgenland zu stellen. „Kolonialismus auf Augenhöhe“ ist nicht besser als der Kolonialismus zu Zeiten des Struwwelpeters, und der hatte noch reine Endreime!

RAINALD GREBE, 08.10.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Bei Rainald Grebe darf sich das Publikum einer Sache sicher sein: Jede Pointe am Abend hat immer zwei Seiten. Er steht auf dem schmalen Grad dazwischen und lacht sich ins Fäustchen. Gespickt mit zahlreichen komischen, bis hin zu kaum Sinn ergebenden (und dadurch nur noch komischeren) Situationen und Bemerkungen ist Rainald Grebe ein Künstler jener Sorte, von der es gerne noch ein paar mehr geben könnte in diesem Land. Gegen Ende wird aus dem Publikum sein schon zum Klassiker gewordenes Lied „Brandenburg“ verlangt. Er lässt es singen: Per Video, vom ivorischen Chor.

RAINALD GREBE, 08.10.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

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