PSYCH IN BLOOM FESTIVAL, Tag 2, 07.10.2017, Komma, Esslingen

Acid Mothers Temple

Foto: Armin Kübler

Anmerkung der Redaktion: Die heutige XXL-Review zum Psych In Bloom Festivak im Komma, Esslingen, enthält Beiträge von zwei verschiedenen Autorinnen und einem Autoren. Den Anfang macht Ms. Janglemaier. Vorhang auf.

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach… im Hof des wunderbar beleuchteten und liebevoll dekorierten Komma in – für aus Stuttgart Angereiste – ungewohnt idyllischer Umgebung. Und drinnen: Da hallt, donnert, scheppert, klackert, piept, summt und wummert es durch den Samstagabend. Dieser beginnt ungewohnt früh (laut Jamhed Schlagzeuger zur besten Samstags-Brunchzeit) wegen straffem Zeitplan, aber zum Glück doch später als angekündigt gegen halb sieben. Zumindest musikalisch.

Bereits im Gange ist da die Erzählung/Lesung von Wolfgang Seidel (Gründungsmitglied von Ton Steine Scherben, Jahrgang 49), der in der (Achtung Wortspiel!) Drone Stage von zugedröhnten Zeiten in den wilden 70er Jahren in Berlin, Hausbesetzungen, Kommunen, der Wut der Jugend auf die Eltern und die neue BRD sowie der daraus entstandenen jugendlichen Subkultur berichtet. Kann man sich ja heute alles gar nicht mehr vorstellen. Leider. Nachzulesen in Seidels im letzten Jahr erschienenen Bändchen „Wir müssen hier raus! Krautrock, Freebeat, Reeducation“ erschienen im Ventil Verlag. Das auffallend männerlastige Publikum (passt, denn Popmusik sei laut ihm die „Domäne langweiliger junger Männer“, ich zitiere nur!) lauscht im vollbesetzten Raum teils gebannt, teils entspannt und immer wieder amüsiert den skurrilen Anekdoten und Zeitzeugenberichten des Vortragenden. Mich locken dann allerdings die aus dem Hauptraum herüber wehenden Bassvibrationen zu den Lokalhelden von Jamhed.

Gespielt werden vor allem Songs ihrer beiden Alben „Trapped“ mit hübsch verspultem Fuchscover und „Lollipop Giveaway in Wee Wah Wonderland“. Der gleichnamige Titel vom zweiten Album ist noch immer mein eindeutiger Favorit. Durch neue Akzentuierungen und Synkopen sind die „alten“ Hits auch bei mehrmaligem Live-Genuss gar nicht langweilig. Neuheiten gibt es auch zu hören und sollen – wenn laut Sänger Philip Jost alles gutgeht – nächstes Jahr dann auch auf einem neuen Album („Gelee Royale“?) erscheinen. Wir hoffen es, und möchten diesen manchmal flauschigen, manchmal kratzig-krachigen Klangteppich unbedingt auch Zuhause über uns ausbreiten.

Als nächstes hüllt uns das portugiesische Trio 10 000 Russos in atmosphärische Klänge ein – mit extrem hall-verzerrter Stimme des Schlagzeugers (erinnert mich manchmal an Ian Curtis, manchmal an H. P. Baxxter) und mäandernden Bässen. Liedlänge geschätzt um die acht Minuten, wobei die Grenzen fließend sind. Gitarrist und Bassist kauern oftmals am Boden, um diverse Pedale zu bedienen bzw. Knöpfchen zu drehen. Herrlicher „Krach“ entsteht, der sich immer wieder neu ordnet und auflöst. Gleichförmigkeit und Länge der Songs lassen einen wahren Sogeffekt entstehen, der durch die beinahe hypnotisch wirkenden Visuals von Patrick Grossien noch verstärkt wird.

Geometrie kann tatsächlich so schön sein, Sinus und Kosinus, Linien und Punkte flirren und schwirren … So wird das Publikum von akustischen und visuellen Reizen herrlich eingelulllt. Also ziemlich geil alles. Dem in großer Zahl anwesenden Publikum gefällt’s auch. Da die Bilder auf die Musik „reagieren“ und quasi mit ihr interagieren ergeben sich beinah synästhetische Effekte. Und das ganz ohne Drogen. Wobei das bestimmt auch mit ganz gut käme. Aber das Festival-Bier ist ja auch sehr lecker.

Anmerkung der Redaktion: Hier endet die Berichterstattung von Ms. Janglemaier und es übernimmt Madame Psychosis.

Psych in Bloom

Foto: Armin Kübler

Egal, was man sonst Schlechtes über den Wasen sagen muss, die bunt blinkenden Neonlichter haben schon echt was. Und so wird mir bereits bei der Anreise nach Esslingen in Bad Cannstatt angenehm psychedelisch zumute. Darf ruhig auch mal willkommene Emotionen auslösen, diese verachtenswerte Trachtenseppel-Veranstaltung.

Im Komma interessieren mich heute, am zweiten Festivaltag, besonders Korb und Günter Schlienz. Zum Glück treffe ich früh genug ein, um auch noch 10 000 Russos mitzubekommen, die ich trotz des etwas seltsamen Namens ziemlich gut finde. Es ist schon ganz schön was los, der große Saal ist sehr ordentlich gefüllt und auch im Außenbereich sind bei halbwegs stabilem Wetter noch viele Leute. Freundlicherweise bekomme ich von meinem Nebenmann eine 3D-Brille geliehen, mit der die Visuals und die restliche Umgebung gleich noch viel besser rüberkommen.

Psych in Bloom

Foto: Armin Kübler

Das Komma ist heute, passend zum Festivalthema, mit allen möglichen Deko-Elementen ausgestattet. Besonders toll sieht der Eingangsbereich aus, der komplett schwarz-gelb gestreift tapeziert wurde. Die Headliner des Abends, Acid Mothers Temple aus Japan, nutzen den Raum als Lounge und willigen gerne ein, für den wie immer alles wunderbar dokumentierenden Komma-Instagram-Feed abgelichtet zu werden. Passt einfach schon rein optisch sehr gut in das Ambiente, die Band.

Korb

Foto: Armin Kübler

Das „Fünf bis Neun“ nebenan wurde erweitert und fungiert als weitere Bühne, die Drone Stage. Hier treten gleich auch Marcus Korb und Günter Schlienz auf. Beide machen Musik mit modularen Synthesizern. Vom Konzept und von der Herangehensweise her ist das sicher etwas weiter entfernt von den Sachen, die ich sonst so höre. Mit leichter Abweichung vom Zeitplan geht es um viertel vor neun los. Marcus Korb steht mit dem Rücken zum Publikum und das soll sich auch den gesamten Auftritt über nicht ändern.

Aufgebaut ist eine Art Schrankwand mit blinkenden Modulen, die mit Kabeln verbunden sind. Das sieht so ähnlich aus wie eine altmodische Telefonzentrale. Außerdem werden Visuals an die Wand projiziert, abwechselnd (oder gleichzeitig) Hochhäuser, Hochspannungsmasten oder grafische Elemente. Es wispert und gluckert, pinkfarbene, rote, blaue, grüne und weiße Lichter blinken und irgendwann setzt ein dezenter Beat ein. Es dröhnt dumpf, so wie man sich möglicherweise den Sound im Inneren eines Raumschiffs vorstellt.

Der Künstler dreht Regler und drückt Knöpfe. Man meint, an- und abschwellendes Meeresrauschen zu hören, gespenstische Stimmen oder entfernte Sirenen, dann wieder düsteres Grollen oder seltsames Klackern. Das alles wirkt spannungsreich und komponiert und gleichzeitig aber auch so, als hätte die Maschine ein Eigenleben und der Künstler würde nur reagieren oder nachjustieren. Der Sound ist warm und rund, manchmal schärfer und eckiger und zwischendrin piepst es immer wieder, als würden Bruchstücke von Nachrichten aus dem Weltraum empfangen. Die konzentrierte Körper- und Handhaltung von Korb erinnert an einen Arzt, der einen Patienten abhört oder an jemanden, der ein kompliziertes Zahlenschloss knackt.

Nach einer guten halben Stunde ist der Auftritt vorbei. Das alles ist ziemlich weit weg von konventionellen Songstrukturen und den an Interaktion mit dem Publikum interessierten Auftritten einer Popband. Trotzdem geht von der Performance eine unwiderstehliche Faszination aus. „Halbmusik“ nennt Gig-Blog-Kollege Bertrams Sohn Emil diese Art von elektronischer Musik, erfahre ich. Ich finde, das ist eine sehr passende Bezeichnung.

Schlienz und Braun

Foto: Armin Kübler

Sehr ähnlich, aber noch experimenteller und risikoreicher geht es bei Günter Schlienz im Anschluss zu. Schlienz habe ich schon zweimal gesehen. Einmal beim Troglobatem-Festival vor zwei Jahren (nach wie vor legendär, X-tofs etwas ratlose Review hier), bei dem Schlienz zwischendrin einfach rauchend auf dem Boden lag. Dann im Theater Rampe mit einem ziemlich aufwändigen Auftritt, der eher einer faszinierenden Theater-Performance glich. Beide Male war ich sehr beeindruckt, gerade weil das alles so ungewöhnlich wirkte, die analogen Synthesizer-Sounds aber trotz ihrer Künstlichkeit so organisch und einnehmend klingen.

Das Setting heute ist sehr viel bescheidener. Schlienz kniet vor einem Koffer, aus dem unzählige bunte Kabel quillen, dazu gibt es Live-Visuals von Hanno Braun. Wo Korb sich eher auf Sounds konzentrierte, kommen bei Schlienz mehr House-Beats und Melodien zum Einsatz. Der Klang ist schärfer und greller als bei seinem Vorgänger und man hat den Eindruck, dass Schlienz mehr wagt und ausprobiert. Vielleicht liegt es am Geklapper von der Bar oder der Unruhe, die immer wieder durch eintretende Zuschauer entsteht, aber insgesamt erscheint mir der Auftritt ein bisschen unkonzentrierter, als ich es bei vorherigen Performances erlebt habe. Auch bei Schlienz ist nach dreißig Minuten alles vorbei. Die Show wird mit viel Applaus und anerkennenden Rufen quittiert.

Leider können wir nicht bis zum Schluss bleiben und verpassen die Auftritte der noch folgenden Bands. Draußen hat inzwischen Regen eingesetzt, vorbei geht es an einem purpurrot angeleuchteten Baum und über den plätschernden Kanal auf den Heimweg in die Herbstnacht.

Anmerkung der Redaktion: Hier endet die Berichterstattung von Madame Psychosis und es übernimmt bertramprimus.

DH_8

Foto: Armin Kübler

Neben 10.000 Russos (toll) schaue ich kurz bei Mouth rein Die Kölner klingen ein bisschen wie Yes und King Crimson und so. Die Halle ist voll, später höre ich viel Lob, v. a. von älteren Besuchern, denen Radar Men On The  Moon zu „unmusikalisch“ waren. Mir persönlich ist es insgesamt zu rockig, was auch immer das heißen mag – ich bin Elektroniker, gar nicht Zielgruppe, also maße ich mir kein falsches Urteil an. Ich lasse mich lieber von Korb und Schlienz entführen (siehe oben).

Die Niederländer Radar Men On The Moon ziehen einen bratzigen, sägenden Sound auf. Kein Sänger stört mit Strophe-Refrain-Songstrukturgedöhns. Die Musiker stehen im Dunklen auf der Bühne, lediglich beleuchtet von den hinter ihnen gezeigten, kongenial zur Musik passenden Visuals. Ihre sehr harten, krautrockigen Beats treiben unbarmherzig, zusammen mit den fiesen Gitarren klingen sie wie ein unendlich langer Güterzug. Jeder Partikel im Saal wird überzogen mit einem scharfen Klangteppich. Keine Ahnung, was ein scharfer Klangteppich sein soll, aber trotz oder gerade aufgrund der Härte und des repetitiven Moments zieht mich der Sog des Güterzuges in einen Strudel bis nach Rotterdam… Psychedelic Rock!

Acid Mother Temple als Headliner zu buchen zeugt von Genrekenntnis und Wahnsinn – Respekt! Das in den 1990ern gegründete japanische Psychodelic-Rock-Kollektiv klingt nicht nur nach einem sakralen Trip, sie sehen auch so aus. In unserer westlichen Kultur sind ja – nach dem Marsch der 68er durch die Institutionen – ältere Herren und Damen, die sich wie Rockstars anziehen und gerieren, langweilig, manchmal peinlich und fast schon Establishment. Gealterten, japanischen Rockmusiker hingegen umweht immer noch die Aura der gesellschaftlichen Ächtung, zumindest in ihrer rigiden Kultur. Also richtig cool. Aber ihre soziale Konditionierung ist dennoch tief verankert, sie ist einfach nicht klein zu kriegen: Nachdem ich sie im Backstage-Bereich habe fotografieren dürfen, bedanke ich mich höflich mit „Arigato“ – und alle fünf Ü50-Acid-Mothers nehmen ganz automatisch kurz Haltung an, verneigen sich gleichzeitig und murmeln „Domo domo“. Sehr lustig. Nach ihrem Auftritt meint Jay: „Bissl wie Black Sabbath mit miesen Vocals.“ Sakrileg! Acid Mother Temple beleidigt man nicht. Den Gurus muss man eben besser zuhören, um Erlösung zu finden.

Das erstmalig stattfindende Psych In Bloom wartet neben einem sehr fein ausgesuchtem Programm auch mit einer hinreißenden Gestaltung und einer beeindruckenden Detailverliebheit auf. Um nur einiges aufzugreifen: Katrins wiederkehrendes Motiv der bunt kolorierten Kuttenträgerin empfängt uns Gäste schon von der Straße, findet sich auf jedem Flyer und taucht sogar auf dem wunderschönen Festivalbändchen auf. Patricks eigens fürs Festival programmierten und gestalteten Visuals setzen die Musik perfekt in Optik um. Installationskünstler Sonja überzeugte Förster Fink, dass die toten Eschen in seinem Eberbacher Wald noch einmal zum Leben erweckt werden können – im Rahmen ihrer Bauminstallation. Der lieferte prompt und frei Haus. Karina, Jay und Hanno nicht zu vergessen mit ihren Beträgen zur Raumgestaltung, zum Artwork und zum Licht und Analogvisuals.

Man könnte denken: Die Festivalmacher Alexandra, Timon, Jojo und Alexander sowie Jörg und Felix vom Komma haben bei so viel Engagement wohl nicht mehr alle am Bloomensträußchen. Ich jedenfalls hoffe, dass ich nächstes Jahr so etwas wieder erleben darf.

[Ich hoffe, ich habe alle Namen richtig zugeordnet und keinen maßgeblichen vergessen – falls es so sein sollte, bitte ich um Verpsycheiung.]

Acid Mothers Temple

Les Six

RMFTM

Schlienz & Braun

Mouth

Korb

Russos

Psych in Bloom

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