MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Mayhem – Foto: Sue Real

Der Teufel ist das prominenteste Thema im Black Metal. Als Gegenspieler Gottes ist er in der christlich-westlichen Kultur die ultima ratio der Provokation, mit der sich vor allem Musiker zu überbieten suchten. Der Weg in die Hölle, heißt es, sei gepflastert. Er führt direkt vom Teufel als neuzeitlicher Schreckensfigur in die Vorhölle des skandinavischen Black Metals – zu Burzum, Dissection, Emperor und Mayhem.

Und Mayhem sind das kontroverseste und wahrscheinlich krasseste und radikalste Ergebnis dieser Bemühungen, zu beweisen, dass die mythische Person, um die sich ihre Texte drehten, nicht nur ein besonders gutes Mittel war, um als Musiker aufzufallen und die negativen Reaktionen der Presse und des Bürgertums heraufzubeschwören.

Für sie war der Teufel höchst wirklich.

So wirklich wie der Selbstmord des Sängers Dead, die Ermordung des Gitarristen Euronymous durch den Bassisten Varg Vikernes, die blutige, selbstverletzende Bühnen-Show von Maniac … die weiteren Morde und brennenden Kirchen in ihrem Umfeld.

MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Mayhem – Foto: Sue Real

Alice Cooper hat auf der anderen Seite des Atlantiks und zwanzig Jahre früher Blut und Tod schon zum allgegenwärtigen Motiv seiner provokativen Performance gemacht. Als Gag freilich, als pseudo-schockierende Unterhaltung mit Augenzwinkern. Für diesen Altmeister des metallischen Horrors sind die Jungs aus Norwegen nur eine Inkarnation von Spın̈al Tap. Poser. Kasperlesfiguren.

Für eine Band, deren Bassist Necrobutcher 1991–95 ausgestiegen ist, weil er nicht damit einverstanden war, dass Euronymous Schädelstücke des Sängers Dead in alle Winde verschickte, bevor er den Selbstmord der Polizei meldete, bedeutet dies einen schweren Stand.

In einer Welt, in der jeder schon alles gesehen hat; in einer Welt, in der man selbst durch das Leben eines teuflischen Albtraumes noch zum Poser gestempelt wird, bedeutet dies das endgültige Bekenntnis zur Unterhaltungsindustrie oder die Heraufbewörung Satans – aber ohne Kinderfasching.

MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Mayhem – Foto: Sue Real

Ich bin kein Mayhem-Fan der ersten Stunde. Als „De Mysteriis Dom Sathanas“ – das Album, welches die Norweger heute am Stück spielen wollen – 1994 veröffentlicht wurde, war ich noch nicht dabei. Das kam erst kurze Zeit später. Mayhem ist nicht meine Lieblings-Liveband. Aber ihr Auftritt auf dem With Full Force 2004 wird mir für alle Zeiten als einer der vielleicht fünf besten in Erinnerung bleiben, die ich je von irgendwem gesehen habe – und das waren nicht wenige.

Aber ich bin nicht gekommen, um eine perfekte Black Metal-Performance zu sehen. Ich bin gekommen, um den Satan selbst zu sehen.

MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Inferno – Foto: Sue Real

Krach kann jeder machen. Auch guten Krach kann jeder machen. Das sah man schon bei den Vorbands Inferno und Dragged Into Sunlight. Aber so gut wie – vor allem – letztere waren: Krach machen kann jeder. Das Licht völlig zu löschen und den Raum bis zu Unkenntlichkeit voll nebeln. Das reicht nicht.

MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Dragged Into Sunlight – Foto: Sue

Aber da kommt diese Magie, dieses je ne sais quoi, die eben nur Mayhem heraufbeschwören kann. Und eine Beschwörung ist es. So verrät es uns schon der kirchenlateinische Titel „De Mysteriis Dom Sathanas“, diese selbst schon dunkle, okkulte Mischung als mittelalterlich abgekürztem Latein und falsch geschriebenem Hebräisch mit griechischer Endung. „Über die heilige Messe Satans, des Herrn“ muss man wohl übersetzen.

Es sind nicht die übergroßen Kostüme, die wie mittelalterliche Mönchshabite wirken, nicht der Totenkopf, nicht der Altar mit seinen Kerzen, nicht Kasel und Stola, nicht die martialische Schminke des Sängers Attila Csihar, die anmutet, als sei er schon durch das Höllenfeuer gegangen.

Es ist nicht die Deko, das atmosphärisch kalte Licht, die überzeugende Performanz, der gute Sound, die scharfen Black Metal-Gitarren, das bestialische Gurgeln und Röcheln, mit welchem die Texte intoniert werden. Es ist schon gar nicht das, was hier eigentlich Musik ist: Der megaschnellen Rhythmen Hellhammers, das dreckige, verzerrte, harte Knarren des Bass von Necrobutcher, die keifend flächigen und mal zerhackten Riffs von Teloch.

MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Mayhem – Foto: Sue Real

Aber da kommt die Magie, dieses Erhabene, die so nur Mayhem heraufbeschwören kann. Sie findet Dich nicht durch die Ohren. Sie brennt sich Dir langsam wie Cognac in Fassstärke den Hals hinunter und dehnt sich in Deiner Lunge aus. Und magst Du auch nur dastehen, mit Freunden vielleicht, dauert es nicht lange, bis sich etwas verschiebt im Raum. Du stehst nicht mehr da zwischen den Menschen im Publikum. Du findest Dich auf einer anderen Ebene, auf der nur Du und die Band sind. Und es zieht Dich nach vorn, näher heran.

Und Du denkst, dass Du nur auf einem Konzert bist. Aber es ist nicht nur ein Konzert. Mayhem spielen nicht nur Stücke von einer alten Platte. Es sind nicht nur durchhämmernde Bassdrums und blitzschnelle Läufe auf den Toms und Bass und Gitarre und Gesang, die sich mit extrem harschen aber doch atmosphärischen Black Metal in Deine Ohren fressen. Mayhem höhlen Dich aus und durchdringen dich, bis es in die letzten Glieder Deiner Finger prickelt und Dir der Schweiß ausbricht.

MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Mayhem – Foto: Sue Real

Aber dann kommt genau das, was man an Mayhem nicht beschreiben kann, dieses je ne sais quoi, das, was man nicht hören kann, auch wenn die Musik wie eine eisblaue Flamme auf einen zu rast, das was man nicht sehen kann, auch wenn die okkultistischen Gesten Attilas über einem thronen: Zwischen den Noten, zwischen den Tonhöhen und Rhythmen blitzt das Numinose erst auf und gießt sich dann in Dich. Dann stehst nicht mehr Du dem Erhabenen fassungslos gegenüber, sondern bis selbst das Erhabene. Denn was Dich erfüllt, ist eine unbesiegbare Kraft, die Dich tragen kann und vor aller innerer Schwäche schützt.

Ist das letztlich und endlich der Moment der Epiphanie, der Erscheinung Satans? Ich weiß es nicht.

MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Mayhem – Foto: Sue Real

An den Romantikern kann man es eigentlich erklären: Carl Gustav Carus schrieb 1835 die Summe seiner Empfindung gegenüber dem Erhabenen – dem er damals noch ohne Black Metal und Mayhem gegenübertrat – so: „Dein Ich verschwindet, Du bist nichts, Gott ist alles.“ Wäre er Gaahl, der theistische Satanist und ehemalige Sänger von Gorgoroth, würde er diese Empfindung nicht dem christlichen Gott, sondern dem Teufel zuschreiben, den er für die Essenz des Black Metal hielt.
Heinrich von Kleist andererseits reagierte 1810 auf das Erhabene in Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“, indem er dieses Menschlein als „einzige[n] Lebensfunken im weiten Reiche des Todes“ beschrieb. Sein Himmel ist längst leer. Die Epiphanie wäre für ihn nur noch eine symbolische. Er empfände nicht Gott, sondern nur sich selbst.

MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Mayhem – Foto: Sue Real

Und während ich dann da so stehe, nass geschwitzt und tropfend, innerlich wund, überlege ich: Ist es ein tatsächlicher oder doch nur ein symbolischer Satan, den uns Mayhem heraufbeschworen haben? Als Agnostiker halte ich diese Frage für nicht zu beantworten. Für mich haben Mayhem ihrer Sache aber genüge getan. Die innere Kraft, die mich bis zum Bersten füllt, trägt mich hinaus in die Nacht und durch die Nacht und in den nächsten Tag.

Es ist eine Kraft, die durch die Berührung mit dem Erhabenen entsteht – mit oder ohne Mayhem –, die aber selten ist und seltener so eindrucksvoll wie hier. Ich nehme diese Kraft als eine, die ich in mir erschaffen habe. Das mögt Ihr anders sehen oder gar die Befürchtung hegen, der größte Trick des Teufels sei es ja gerade, dass man ihn nicht sieht. Das bleibt Euch überlassen.

Doch eines ist wichtig. Jener Mann, welcher Vikar der Åsane kirke war, als Varg Vikernes und Jørn Tunsberg 1992 das Gotteshaus im theistisch-satanistischen oder neo-heidnischen Irrsinns niederbrannten, – Rolf Rasmussen, sein Name – hat sehr scharfsinnig festgestellt, dass Satanismus eine elitistische Religion ist. Eine Religion für die Starken, nicht eine Religion des Mitleides für die Schwachen.

Wer jedoch Stärke hat, aber kein Mitleid empfinden kann – wie offensichtlich eine ganze Reihe der Protagonisten aus dem norwegischen Black Metal-Zirkus –, der ist in Wirklichkeit sehr, sehr schwach.

MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

Mayhem – Foto: Sue Real

Inferno

Dragged Into Sunlight

Mayhem

3 Gedanken zu „MAYHEM, 02.10.2017, Im Wizemann, Stuttgart

  • 5. Oktober 2017 um 12:50
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    Beste Metapher: „innerlich wund“.

  • 5. Oktober 2017 um 18:32
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    Sehr gutes Zeitdokument – in Bild und Wort.

  • 5. Oktober 2017 um 23:35
    Permalink

    Lieber Claus,
    schöner Artikel, voller Faszination (des Böhsen) gelesen und mit Spannung die Herren auf youtube heraufbeschworen in Erwartung einer die Sinne verstörenden Darbietung nach dem Motto: komm doch Satan und erleuchte mich von hinten, Gott kriegt das nicht hin. Aber das Gefühl das sich einstellt ist wie nach einem Schwulen-Porno, beschämend und äußerst mittelmäßig okkult. Versuche jetzt noch des Nachbars Katze zu essen und werde ein Kreuz umdrehen, wenn der Gitarrist sich dann immer noch bei seinen Solos verkrampft bin ich raus und verbuche Satan als albernen Kasper ‚-‚
    Gruß an den höllenhaften Lino, würde auch auch gerne mal wieder was von dem lesen! ;-)
    Peace!

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