THE SISTERS OF MERCY, 18.09.2017, LKA, Stuttgart

The Sisters of Mercy

Foto: Steffen Schmid

Puuh, was soll ich zu dem Konzert gestern sagen? Ich fühl mich immer noch irgendwie wie durch den Fleischwolf gedreht und grübele über die Frage, von wem wir eigentlich verarscht wurden. Von Andrew Eldritch himself, von den Tontechnikern oder gar von beiden? Gleich mal vornweg: ich bin kein Konzertmauler („Als sie noch in kleinen Clubs gespielt haben, waren sie viel besser“, „Die Misfits ohne Glenn Danzig klingen ja gar nicht mehr wie die Misfits mit Glenn Danzig“, „Snoop hat viel zu kurz gespielt“ und „Cure viel zu lang“). Manchmal darf man seine Erwartungen halt nicht in den Himmel schrauben und sollte sich einfach nur auf einen netten Abend freuen, der im Idealfall richtig krass toll wird. Aber gestern… gestern… was zum… aber erstmal von Anfang an.

The Sisters of Mercy

Foto: Steffen Schmid

Nie werde ich vergessen, wie ich Andrew Eldritchs Stimme zum ersten Mal gehört habe. Das war 1990 auf einer Jugendfreizeit in Saint-Malo. Ich war gerade 15 geworden und einer meiner Mitreisenden hatte ein Mixtape dabei. Und zwischen Madness und New Model Army habe ich plötzlich die düsterste Stimme vernommen, die ich bis dahin gehört hatte.

In a sea of faces, in a sea of doubt
In this cruel place your voice above the maelstrom
In the wake of this ship of fools I’m falling further down
If you can see me, Marian, reach out and take me home.

The Sisters of Mercy

Foto: Steffen Schmid

Ich befand mich augenblicklich in Schockstarre. Meine Güte war das poetisch, war das finster und war das abartig gut. Atmosphärisch, treibend, unheilverkündend. Und als Andrew Eldritch dann auch noch deutsch sang, war ich komplett von den Socken.

Was ich kann und was ich könnte
Weiß ich gar nicht mehr
Gib mir wieder etwas Schönes
Zieh mich aus dem Meer
Ich höre dich rufen, Marian
Kannst du mich schreien hören
Ich bin hier allein
Ich höre dich rufen, Marian
Ohne deine Hilfe verliere ich mich in diesem Ort.

Andrew Eldritch war für mich wie ein Prediger, der die Schmerzen meiner Teenagerjahre in Worte fassen und vertonen konnte. Die Sisters waren in nur wenigen Minuten meine neue Lieblingsband geworden und haben für mich eine viele Jahre andauernde Goth-Phase eingeläutet… Fields of the Nephilim, Girls Under Glass, Joy Division, Love Like Blood… aber Andrew Eldritch und seine Sisters waren ganz klar Nummer Eins. Mittlerweile ist mein Musikgeschmack um einiges breitgefächerter als früher und manche Goth-Band ist für mich komplett in der Versenkung verschwunden. Aber die Sisters Of Mercy sind immer noch da und sie sind immer noch groß.

THE SISTERS OF MERCY, 18.09.2017, LKA, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Tonträger gab es ja schon ewig keine mehr von der Band aus Leeds, von der nach vielen Umbesetzungen nur noch Frontmann Andrew Eldritch und „Drummer“ Doktor Avalanche übriggeblieben sind. Umso größer war die Freude, als ich hörte, dass ich sie nach so vielen Jahren ein drittes Mal live sehen werde. Die Stimmung war also bestens auf dem Weg ins LKA, das zugebenermaßen nicht gerade zu meinen Lieblingslocations gehört (am anderen Ende der Stadt, oft eher mauer Sound und diese blöde Empore, die dem Publikum nur zwei schmale Zugänge links und rechts lässt). Egal, Sisters! Von der Vorband The Membranes kriege ich leider nur noch zwei Songs mit, da ich gefühlte acht Stunden mit der Parkplatzsuche verbringe. Sollen jedenfalls richtig gut gewesen sein, wie mir Freunde berichten, die schon früher da waren. Ich beziehe Stellung in der Mitte der Halle direkt vorm Mischpult. Da hört man ja am besten. Ha. Ha. Und nochmals Ha! Das LKA ist rappelvoll und ich sehe viele alte Gesichter.

The Sisters of Mercy

Foto: Steffen Schmid

Gegen 21:15 Uhr geht es dann los. Das Licht geht aus, Nebel zieht auf und da sind sie: The Sisters Of Mercy. Wie cool. Andrew Eldritch kommt als letzter, mit Glatze, Sonnenbrille und im St. Pauli-Hoodie. Macht Sinn, weil es ein toller Verein ist und er ja auch eine Zeitlang in Hamburg gelebt hat. Als Opener hat er sich für „More“ entschieden, einen der rockigeren Hits vom Vision Thing-Album. Meine anfängliche Begeisterung schwindet recht schnell und Beklemmung macht sich breit. Ich versteh eigentlich kein einziges Wort. Andrew Eldritchs Stimme ist bis auf ein paar Zischlaute eigentlich nur zu hören, wenn er lauter wird. Was halt doch eher selten passiert. Ich versuche das zu ignorieren und tanze so ein bisschen vor mich hin. Die Tontechniker werden das sicher bald richten.

Es folgen Songs wie „Detonation Boulevard“ und „Walk Away“, aber der miese Sound bleibt. Eigentlich kann man überhaupt nur etwas verstehen, wenn die Bandkollegen Chris Catalyst und Ben Christo mitsingen. Eine weitere Frage, die mich an dem Abend noch beschäftigen wird: klingt einer von denen extrem weiblich oder kommt die Frauenstimme tatsächlich aus der Konserve? Im Abstand von wenigen Minuten schlagen gleich drei Fans vor dem Mischpult auf und gestikulieren wütend rum. Bei der letzten verstehe noch sowas wie „da hinten kommt gar nichts an“. Dumm nur, dass auch in der Mitte der Halle nichts ankommt. Der Tontechniker beschwichtigt kurz, bruddelt vor sich hin und macht weiter. Ein geschätzter Gigblog-Kollege postet quasi live auf Facebook: „Andrew Eldritch geht für uns heute der Frage nach: Wie beschissen kann ein Konzert abgemischt sein?“

The Sisters of Mercy

Foto: Steffen Schmid

Nachdem zwei weitere Fans bei den Tontechnikern ihren Frust rausgelassen haben, frage ich mich allmählich, ob das am Ende gar nicht deren Schuld ist und der Sisters-Frontmann vielleicht nur extrem leise ins Mikro haucht. Klären wird sich das heute Abend jedenfalls nicht mehr. Alles andere geht für mich dadurch leider unter. Dass die Band recht gut und originalgetreu spielt zum Beispiel oder die Gitarren ganz nett rocken. Unglaublich gute Songs wie „No time to cry“, „Marian“ oder „Alice“ huschen quasi an mir vorbei. Der typische atmosphärische, manchmal bedrohlich langsame und manchmal aber auch treibende Sisters-Sound geht komplett unter. Das Publikum gibt einigermaßen Applaus ohne in Begeisterung zu verfallen und hier und da tanzt einer bisschen vor sich hin. Dass hier eine echte Legende auf der Bühne stehen, merkt man den Reaktionen jedenfalls nicht an. Eigentlich müsste der Club doch kochen und die Fans vor Verzückung durchdrehen. Mir jedenfalls ist der Spaß langsam komplett vergangen. Ich tanze schon lang nicht mehr und mein verhaltener Applaus ist bestenfalls höflich. Am Mischpult tut sich außer regelmäßigen Beschwerden aufgebrachter Fans auch nichts mehr. Auch eigentlich hammermäßige Songs wie „Lucretia My Reflection“, „First and Last and Always“ oder „Flood“ ändern da nichts mehr. Die wenigen Male, die Andrew Eldritch zwischen den Songs in seinen nicht vorhandenen Bart nuschelt, versteh ich auch nichts. Oder hat er echt einmal „Die Lautsprecher sind hier und da ihr Affen“ gesagt? Ich hoffe nicht.

Nach einer Stunde ist dann Schluss, aber die Sisters kommen natürlich nochmal zurück obwohl die Zugabe-Rufe eher vereinzelt kamen. Immerhin, Buhrufe gab es auch nur ein oder zwei. Diesmal haben die Briten sogar eine echte (und recht gute) Background-Sängerin im Gepäck. Hat die etwa die erste Stunde aus dem Off gesungen? Mit dem Mission Of Burma-Cover „That’s When I Reach For My Revolver“, „Dominion/Mother Russia“, „Temple Of Love“ und „This Corrosion“ hauen die Sisters of Mercy sogar noch ein paar Hits raus. Und die sind dank der Background-Sängerin sogar noch halbwegs ok. Nach etwa 85 Minuten ist das Ding dann durch. Und ich befinde mich wie 1990 in Schockstarre, diesmal aber aus anderen Gründen.

The Sisters of Mercy

Foto: Steffen Schmid

Wie gesagt, ich bin kein Konzertmauler. Aber das war echt nichts. Im Netz scheint man das bis auf wenige positive Kommentare ähnlich zu sehen:

Sound war unterirdisch.

Ich hatte wirklich Probleme, manches Lied zu erkennen – dabei kenne ich alle.

Schlechtestes Konzert ever.

Mir ist es ein Rätsel, wie man mit solch einer minimalistischen Instrumentierung, solch einen furchtbar schlechten Sound produzieren kann.

Mies.

Konzerttiefpunkt des Jahres! Ich habe schon schlecht abgestimmten Sound auf Konzerten erlebt, aber dass man vom Hauptgesang kaum was mitbekommt ist neu für mich.

Sorry, aber ich musste gehen. Mieser Sound und keine Atmosphäre. Der Funken ist nicht übergesprungen.

Die Sisters Of Mercy werden auch weiter Helden für mich bleiben, aber eben doch eher auf Platte. Shine like thunder, cry like rain.

The Sisters of Mercy

Foto: Steffen Schmid

The Membranes

The Sisters of Mercy

5 Gedanken zu „THE SISTERS OF MERCY, 18.09.2017, LKA, Stuttgart

  • 21. September 2017 um 18:10
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    Ganz genau so war es. Man verstand nichts, manchmal wusste man nicht einmal ob er schon singt. Der erste größere Dämpfer war dann sein „Affe!“, glaub die Tontechnicker hatten es ja versucht hochzuregeln, gab doch nette Übersteuerungen anfangs…. Die ganze Zeit wartete man, dass es dann besser wurde. Aber ohne seine Stimme kommt da halt nichts rüber. Egal, abhaken und weiter die alten Platten hören. Der Typ ist durch.

  • 21. September 2017 um 20:15
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    die konzerte die ich im lka bisher erlebt habe, waren immer top. nur bei living colour anno 1990 rum gings mir ganz genau so – sound wie durch eine wolldecke gespielt und zum davon laufen. schade. war nämlich normalerweise auch eine echte abgeh-band. und die epischen sisters so zu erleben – mein mitgefühl

  • 21. September 2017 um 20:31
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    Dieser Artikel trifft genau meine Emotionen die ich vor 3 1/2 Jahren hier in München in der Tonhalle hatte. Mir geht es wie dem Autor- aber so viel schlechte Tonmeister kannst doch gar nicht geben – musste damals rausgehen und fünf Zigaretten rauchen bevor ich erschüttert nach Hause ging. Vinyl Sisters bleiben trotzdem meine Highlights .

  • 21. September 2017 um 23:01
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    Hab die 2006 ebenfalls im LKA gesehen – war eines der beschissesten Konzerte ever und dazu auch noch stinklangweilig … Gut, dass ich’s mir 2017 verkniffen hab. Auf Vinyl aber immer noch großartig.

  • 5. Oktober 2017 um 18:35
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    Danke Gig-Blog. Ich hatte mich noch geärgert, dass ich nicht konnte. Jetzt freue ich mich.

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