JAUNE TOUJOURS, 09.07.2017, Marktplatz, Stuttgart

JAUNE TOUJOURS, 09.07.2017, Marktplatz, Stuttgart

Foto: Steve Sonntag

Knapp 8.000 Geflüchtete leben aktuell in Stuttgart, mehr als 2.000 Ehrenamtliche kümmern sich in Freundeskreisen und anderen Initiativen um sie. Ohne das große bürgerschaftliche Engagement könnte die Stadt ihre Aufgaben kaum erfüllen. Flüchtlinge und Freunde zu einem gemeinsamen Fest auf den Marktplatz einzuladen ist deshalb mehr als nur eine nette Geste und ein Dankeschön. Es ist auch eine Anerkennung des Geleisteten. Dass wir darüber berichten, hat natürlich einen musikalischen Anlass: als Headliner wurde die belgische Kombo Jaune Toujours verpflichtet, die uns vor vielen Jahren mal im Laboratorium begeistert hat.

JAUNE TOUJOURS, 09.07.2017, Marktplatz, Stuttgart

Foto: Steve Sonntag

Schwäbisch sparsam nutzt die Stadt für diese Event die Organisation und Infrastruktur des anstehenden Sommerfestivals der Kulturen und damit das langjährige Knowhow des gleichnamigen Forums. Und da dieses alljährlich ein Spitzen-Lineup aus dem Bereich Weltmusik zusammenstellt, ist es nicht verwunderlich, dass es auch für das Flüchtlings-Dankesfest ein hochkarätiges Booking aus dem Ärmel schüttelt. Jaune Toujours passen mit ihrem wilden Genre-Mix nicht nur vortrefflich zu einem solchen Multikulti-Event, sie thematisieren in ihren Songs auch schon seit vielen Jahren Themen wie Flucht und Migration.

JAUNE TOUJOURS, 09.07.2017, Marktplatz, Stuttgart

Foto: Steve Sonntag

Aus unerfindlichen Gründen wurde das Event erst sehr spät und spärlich beworben. Wenn wir es nicht zufällig auf der Facebook-Seite der Band gefunden hätten, hätten wir dieses feine Konzert vermutlich auch verpasst. Das bekannte Konzertpublikum sehen wir jedenfalls nirgends. Der Marktplatz ist mit ein paar Hundert Besuchern eher locker besetzt, als der zuständige Bürgermeister Wölfle die fünf Belgier ankündigt. Diese lassen sich durch die noch leere Tanzfläche vor der Bühne den Spaß nicht verderben. Frontmann und Sänger Piet Maris agiert mit Akkordeon und Megafon. Um ihn versammeln sich Mathieu Verkaeren am Kontrabass, Théophane Raballand am Schlagzeug sowie die beiden Jazz-Trompeter Dirk Timmermans und Sam Versweyveld. Tuba und Klarinette haben sie dieses Mal nicht mitgebracht, was den Sound etwas mehr Richtung Balkan Brass verschiebt.

JAUNE TOUJOURS, 09.07.2017, Marktplatz, Stuttgart

Foto: Steve Sonntag

Und damit ist nur eine der vielen Klangfarben angedeutet, die Maris und seine Kollegen produzieren. Jazzig-schräge Partien wechseln mit treibendem Ska. Akkordeon-Chansons verlieren sich in Dub-Schleifen. Gesungen wird in französisch, englisch oder flämisch, mit einer sonoren Stimme, die von schmutzig bis einschmeichelnd reicht. Jaune Toujours schaffen den Spagat, fröhliche Partymusik mit ernsten Themen zu kombinieren, wagen sich an komplexe Rhythmen und Breaks. Das ist intelligent und spannend, aber niemals verkopft. Bester Beweis: vor der Bühne versammeln sich immer mehr Kinder, die fröhlich tanzen und mitklatschen. Bei Lalala-Singalongs wie in „All Eyes“ stimmen auch zaghaft die ersten Erwachsenen ein.

JAUNE TOUJOURS, 09.07.2017, Marktplatz, Stuttgart

Foto: Steve Sonntag

Natürlich haben sie ihre programmatischen Titel „Refugiés sans Frontières“ und „Camping del Mundo“ im Programm, einer der Höhepunkte ist allerdings „Ici Bxl“, ihre Hymne an ihre Heimatstadt Brüssel. Inzwischen wagen sich auch Männer und Frauen auf die Tanzfläche. Orientalische Tanzschritte zu europäischen Melodien. Schöner kann man die Stimmung dieses Festes nicht beschreiben. Mit einem mächtigen Endspurt bringen Maris und seine Mannen noch mehr Bewegung in die stetig wachsende Meute vor der Bühne und man mag sich gar nicht vorstellen, wie es jetzt hier abginge, wenn dies einer der immer gut besuchten Abende des Sommerfestivals wäre. Jedenfalls haben sich Jaune Toujours mit diesem Auftritt nachdrücklich für einen Festivalauftritt 2018 empfohlen.

JAUNE TOUJOURS, 09.07.2017, Marktplatz, Stuttgart

Foto: Steve Sonntag

Ein Gedanke zu „JAUNE TOUJOURS, 09.07.2017, Marktplatz, Stuttgart

  • 11. Juli 2017 um 11:25
    Permalink

    …hätten definitiv ein grosses publikum verdient gehabt!
    haben sich aber von der eher schmalen kulisse keine sekunde beeindrucken lassen.

    @ steve: sehr schöne pix!

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