GORDON RAPHAEL, 06.07.2017, Merlin, Stuttgart

GORDON RAPHAEL, 06.07.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Supergroup (deutsch Supergruppe) ist ein Ausdruck aus dem Bereich der Popmusik. Als Supergroup wird eine Pop- oder Rockband bezeichnet, deren Mitglieder zuvor bereits in anderen, oft sehr bekannten Bands erfolgreich waren (Wikipedia).

Überraschung und Vorfreude machte sich im musikaffinen Freundeskreis breit, als man von der Ankündigung erfuhr, Gordon Raphael, seines Zeichens ehemaliger Produzent der Strokes, versammele drei musikalische Größen, die in der Region ihre Wurzeln haben, um sein Album „I Sleep On the Radio“ aufzunehmen. Und so trieb es einige bekannte Gesichter durch die Schwüle des Kessels ins Merlin, um der Präsentation ersten Ergebnissen dieser Zusammenarbeit zu lauschen. Etwas mehr Neugierige hatte ich erwartet, denn die Reihen waren noch etwas spärlich gefüllt, als Raphael zusammen mit Daniel Benjamin (Bass, Gitarre), Eleni Zafiriadou (Gitarre, Keyboard) alias Sea + Air und Kevin Kuhn am Schlagzeug (Die Nerven, Karies, JFR Moon uva.), unterstützt von Christian Heerdt am Synthesizer und an der Gitarre den ersten Song intonieren.

 GORDON RAPHAEL, 06.07.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Eine Stunde später ist sich die kleine Runde einig: So toll das Gehörte war, so schwierig ist es in Worte zu fassen. Jeder der Songs ist ein eigenständiger Kosmos, in dem vieles nach wildem Experiment bis hin zur Improvisation klingt, was es aber nicht ist. Der Eindruck entsteht durch manchen Dialog zwischen oder während der Stücke. Da werden Hinweise auf geprobte Stellen gegeben, auf Einsätze, Tempi oder Sound-Einstellungen und sichtlich erfreut abgeklatscht, wenn es funktioniert hat. Für Improvisationen ist in den beeindruckenden Arrangements aber wenig Platz. Dafür sind sie einfach zu komplex: Kleine Breaks, die von schwierigen Keyboard-Läufen abgelöst werden, sowie zahlreiche Tempiwechsel erfordern von allen fünf Musiker*innen einen hohen Grad an Konzentration. Dass dabei nie die Spur einer Verkrampfung zu spüren ist, liegt einerseits an der Qualität der Einzelnen, andererseits an den Songs an sich.

GORDON RAPHAEL, 06.07.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Das Publikum wird auf eine musikalische Zeitreise durch die Musikjahrzehnte genommen, wobei die 70er und 8oer Jahre überwiegen. Beginnend mit einem Surf-Sound, der wunderbar zur Hitze dieser Tage passt, übergehend zu Rock- und Post-Rock-Anklängen bis hin zu zahlreichen Verbeugungen vor Wave und vor allem Progressive Rock. Es ist Raphael nicht hoch genug anzuerkennen, dass dieses Panoptikum der Stile und Zitate nicht zu einem beliebigen Allerlei wird, sondern jederzeit die Spannung des Publikums aufrecht erhält. Es ist zum Teil so, dass ich gebannt erwarte, wie es die Band aus einer scheinbaren Einbahnstraße schaffen wird, wieder herauszukommen. Es gelingt ihnen immer wieder: durch Variationen der Lautstärke und Intensität sowie durch überraschende Stil-Wechsel. So wundert es nach ein paar Songs nicht mehr, wenn ein Disco-Beat die Führung übernimmt oder ein Streicher-Sound des Synthesizers dominiert, der unter normalen Umständen als schrecklich bezeichnet werden müsste. Als Referenzen kommen mir von den Talking Heads bis hin zu Genesis (auch wenn das wieder niemand hören mag) so allerhand in den Sinn.

GORDON RAPHAEL, 06.07.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

Spätestens beim wunderschönen Duett von Raphael mit Benjamin an der Akustik-Gitarre wird ersichtlich, dass bei all diesen Songs, die gleichzeitig verspielt und vertrackt sind, keinerlei Ironie dabei ist, wie man es vielleicht am Anfang noch vermuten könnte, angesichts all der Stile. Nein, da ist ein erfahrener Haudegen mit der Gabe, interessante und (!) unterhaltsame Songs zu schreiben, der sich gleichgesinnte Musiker*innen dazu geholt hat. Und diese Band meint es zum Glück ernst.

GORDON RAPHAEL, 06.07.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: Armin Kübler

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