FREUNDESKREIS, 29.06.2017, Mercedes-Benz-Museum, Stuttgart

FREUNDESKREIS, 29.06.2017, Mercedes-Benz-Museum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Mit Cliquen aus der Schul- oder Studienzeit ist es so eine Sache. Erstens benutzt dieses Wort keiner mehr unter 30 und zweitens wird es bei denen über 30 immer schwieriger, diesen oft unbestimmt großen Kreis an Leuten zusammenzuhalten, Kontakt zu halten oder ein gemeinsames Treffen zu arrangieren. Einige ziehen weg (Berlin, Leipzig, Stuttgart-Münster), andere stellen das Familienglück in den Fokus ihres Lebens, und innerhalb eines Freundeskreises kann sich zwischenmenschlich auch einiges verschieben. Es ist also nicht selbstverständlich, am Mittwoch und Donnerstag beim in diesem Jahr erstmalig initiierten Konzertsommer hinter dem Mercedes-Benz-Museum die komplette Freundeskreis-Clique bei ihrer FK20-Sause zu erleben.

FREUNDESKREIS, 29.06.2017, Mercedes-Benz-Museum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Man kann es durchaus als Erfolg der „Festival“-Organisator*innen werten, mit dieser einmaligen Reunion Aufmerksam bei einem Zielpublikum bekommen zu haben, das sich bei den restlichen Acts schaudernd abwendet (Ray Garvey). Oder das Internet bemühen muss, um herauszufinden, wer das ist (Teesy & Vona oder Lina klingen eher wie Zeitschriftennamen). Und so war das erste Konzert schnell ausverkauft und rasch ein zweiter Termin verkündet, der dann der erste wurde und ein ganz klein wenig den erhofften Exklusivcharakter verwässerte. Wie man vernehmen konnte, war die Organisation am Mittwoch wohl auch mit der Getränke-Ausgabe überfordert, was am Donnerstag wohl kein großes Problem mehr darstellte. Anzumerken ist noch die zumindest als interessant zu bewertende Verteilung verschieden farbiger Bändchen, die den Zutritt zu einem bestimmten Bereich vor der Bühne regelten. Wer also relativ spät kam, musste mit einem Platz in der hinteren Hälfte Vorlieb nehmen und versuchen, an dem veritablen Turm (mit Leinwand versehen) vorbei einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Mein Eindruck war, dass der mehr tief als breite Bereich vor der Bühne und die Aufteilung des Publikums hemmend auf dessen Stimmung wirkte.

FREUNDESKREIS, 29.06.2017, Mercedes-Benz-Museum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Die Stimmung im Freundeskreis ist dagegen sichtbar formidabel. Die FK-Allstar geben sich die Ehre und werden auf der Bühne von zwei Drumsets flankiert, während hinten die beiden altgedienten DJ Friction und Don Philippe an den Turntables fast schon thronen. Max Herre wirkt von Beginn an wie der Gastgeber: leicht aufgedreht und stets bemüht, allen gerecht zu werden, die sich hier versammeln, vor allem Joy Denalane, die gleich von Beginn an sehr präsent ist. Schick haben sich alle gemacht, der Style erinnert leicht an die 90er und die sind ja wieder in (außer bei denen, die sie erlebten). Nach dem Intro des Jubiläum-Albums „Quadratur des Kreises“ folgt auch schon die erste Überraschung: „Esperanto“, den ich nun wirklich nicht als ersten Song erwartet hatte. Das kann man natürlich machen und das Selbstbewusstsein muss man erst einmal haben. Dennoch verpufft die wunderbare Stimmung, welche dieses Stück auch heute noch ausstrahlt, etwas in der noch durch gleißendes Sonnenlicht geprägten Findungsphase des Konzerts.

FREUNDESKREIS, 29.06.2017, Mercedes-Benz-Museum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Diese wird spätestens dann verlassen, als zum ersten Mal die Homies Afrob und Megaloh einsteigen. Schnell wird der gewohnte Unterschied zwischen den dreien ersichtlich: Während Herre der Charmante, in den Rap-Parts oft eher Zurückhaltende ist, wirkt Afrob in seinem Stil draufgängerischer und fast verspielt. Er ist präsent, rappt, bringt die Verse zuweilen hart an der Takt-Grenze oder leicht darüber hinaus zu Ende, was weniger geordnet als bei Herre wirkt, dafür aber auch spürbar mehr Schwung in die Songs und ins Publikum bringt. Schon Anfang März konnte er mich in der Schräglage voll überzeugen. Dazu noch Megaloh, der die Eigenschaften der beiden Anderen zusammenbringt und es entsteht in den gemeinsamen Songs ein Flow und ein Druck, der große Freude bereitet. Mit weniger Druck, dafür mit viel Melancholie versehen findet „A.N.N.A“ schon nach 35 min den Weg auf die Setlist – wie Esperanto auch das überraschend, aber konsequent. Dazu mit einem schönen, ruhigen Zwischenteil und nicht erst hier zeigen sich die Vorzüge der FK-Allstar-Band: Sie schaffen es fast immer (bis auf zwei Songs gegen Ende, in denen sie zu viel wollen), sich zurückzunehmen und trotzdem den Songs einen eigenen klanglichen Charakter zu verleihen.

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Foto: Steffen Schmid

Nach den sehr überzeugend performten Stücken „Regenmacher“ (Megaloh) und „Crossroads“ (FK) bekommt Joy Denalane ausführlich Zeit, vier eigene Stücke vorzutragen. Das ist aus Sicht der Clique natürlich verständlich. Ehrlich gesagt bleibt es für mich aber unverständlich, diesen Teil so lange auszudehnen, denn die zuvor aufgebaute Stimmung verflacht zusehends. Nun muss ich dazusagen, dass ich mit der Art Denalanes Musik grundsätzlich nichts anfangen kann – deutschsprachiger Soul (dazu noch mit Refrains wie „Heyeyeyheyeyey“) ist einfach nicht meins. Ihre Rolle bei den Rap-Songs, bei denen sie durchaus sehr präsent ist, gefällt mir da deutlich besser. Anderen mag dieser Teil gefallen. Wieder andere nutzen die Zeit zur Getränke-Versorgung und Max Herres direkt im Anschluss gestellte Frage „Seid Ihr noch da?“ entwickelt an dieser Stelle seine ganz eigene Komik.

FREUNDESKREIS, 29.06.2017, Mercedes-Benz-Museum, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Das Konzert wird dann aber zum Glück im gleichen Muster wie in der ersten Hälfte fortgesetzt, die Stimmung wird wieder ausgelassener und über „Enfant Terrible“ und das unvermeidliche „Mit Dir“ führt die Dramaturgie zielstrebig zum zurecht viel Raum einnehmenden „Leg Dein Ohr Auf Die Schiene Der Geschichte“. Überall textsichere, glücklich an die eigene Jugend erinnernde Menschen, die schließlich mit reichlich Reggae-Feeling nach Hause gegroovt werden. Mal sehen, ob es die Freundeskreis-Clique irgendwann noch einmal schafft, in dieser Konstellation zusammenzukommen.

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