KVELERTAK, SIBIIR, 21.06.2017, Universum, Stuttgart

KVELERTAK, SIBIIR, 21.06.2017, Universum, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Was als chaotische Schlägerei begonnen hat, ist mittlerweile großer Kampfsport. Die knuffigen Norweger Kvelertak setzen ihr Tracht Prügel inzwischen mit Raffinesse. Lieber trotzdem gleich einen Termin in der Notaufnahme buchen.

Orr, und viel zu warm ist es auch noch am Mittwochabend. Es ist so heiß – niemand könnte ernsthaft dem Deodorant einen Vorwurf machen, wenn es längst die Arbeit eingestellt hätte. Die Arme sind trotzdem in der Luft, jeder mindestens einen. Als Kvelertak den 350 Leuten im Universum das fantastische „Blodtørst“ um die Ohren hauen, wäre es unverschämt, nicht auch noch den zweiten Arm hochzunehmen. So gut ist das. Und alle so: „Bluuuutwuuurrrst“.

KVELERTAK, SIBIIR, 21.06.2017, Universum, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Denn noch immer schreit Sänger Erlend Hjelvik sein Publikum in akzentfreiem Norwegisch an. Wer da zurückbrüllen will, muss vorher zur Volkshochschule, nach Norwegen oder eben knallhart improvisieren. Unterm Strich können sich Kvelertak nun zumindest damit rühmen, die Blutwurst zurück in den Rock’n’Roll gebracht zu haben.

Was Kvelertak noch getan haben: Sie brachten den spaßbereiten Turbojugend-Jacken oder dem elitären Hardcore-Fatzke anständige Metalmusik näher. Gleichermaßen zeigten sie den Metallern, dass Hüftschwung sehr viel Spaß machen kann. Das schadet nie, The Bones oder Peter Pan Speedrock sind ja nun auch keine ernsthafte Option.

Wer den schmissigen Hitrefrain will, muss bei Kvelertak erstmal durch eine Wand aus Metal. „Manelyst“ zum Beispiel ist breitbeiniger Metal, ohne dabei wie ein Alphablödchen den dicken Max zu markieren. In solchen Momenten zeigen Kvelertak ihren größten Trick: Metal, Punkrock, Schwanzrock, Hardcore – alles drin, alles gut. Doch eben ohne sich auch nur ansatzweise an die Gepflogenheiten einer dieser Zielgruppen ranzuschmeissen. Dann – Bäm, Break, Gitarrensolo – wie frisch von Metallicas „Kill `em All“  gezogen. Toll.

KVELERTAK, SIBIIR, 21.06.2017, Universum, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Bassist Marvin Nygaard hat auch seine Freude und legt sich erstmal mitsamt Arbeitsgerät auf das Publikum. Gewagte Sache. Besonders an so Tagen, an denen bereits ein Handschlag schon etwas zu viel Körperkontakt ist. Andererseits: geschwitzt ist geschwitzt. Das macht – `zeihung, Helmut –  den Kohl dann auch nicht mehr fett. Und weil „Kvelertak“ sich ganz grob auch mit „Schwitzkasten“ übersetzen lässt, macht das alles hier noch mehr Sinn.

„Heksebrann“ wiederum ist eine kleine Offenbarung, nicht so mit göttlichem Mega-Influencer im gelobten Land, aber zumindest mit so viel Seele, dass sich in den kommenden 100 Jahren keiner Sorgen über Langeweile machen müsste. So spitze ist das. Und auch so reichhaltig. Und auch irgendwie irre: Selbst ein etwas langweiliger Song wie „1985“ ist gespickt mit fantastischen Zeug. Melodien und so. Kennse? Kennse? Ne?  Einfach abwarten, ein bisschen rumschwitzen und dann kommt schon der tolle Teil des Lieds.

Dennoch, irgendwann muss jeder mal den Jackpot beim Underground-Bullshit-Bingo holen. Mach’ ich jetzt, Achtung: Also, die erste Platte der Norweger war wirklich die Beste. Das liegt keinesfalls daran, dass „Meir“ oder „Nattesferd“ blöde Platten wären. Überhaupt nicht. Aber die Hits, das Songwriting und diese Energie, einfach mal kurz die Welt abzufackeln, die hatte das Debüt der Norweger. „Mjød“ beispielsweise geht immer.

KVELERTAK, SIBIIR, 21.06.2017, Universum, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Es wird geklatscht, gejohlt und rempelgetanzt – eine wahre Freude, und ziemlich spitze für so einen Mittwochabend. Besser wäre das höchstens, wenn’s Montag wäre. Aber das kann man Kvelertak nun beim besten Willen nicht vorwerfen. „Bruane Brenn“ schon: Was für ein verdammt guter Hit, im grünen Bereich von Turbonegro.  

Etwas „Gschmäckle“ bleibt trotzdem: Kjetil Gjermundrød trommelte einst für die norwegische Band Haggis. Die haben sich nicht nur nach einer sehr unappetitlichen schottischen Mahlzeit benannt, sondern sind auch sonst ziemlich nahe am Brechdurchfall und wollen Nazi- oder zumindest rechtsoffenen Dreck als ulkige Provokation verkaufen. Ein norwegischer Freund sagte mal: „Die sind nicht witzig. Das sind Idioten.“ Mit rosa Brille über den Zaun gebrüllt: Wenigstens spielt Gjermundrød da längst nicht mehr mit.

Da lobt man sich doch die zwei Jungs, bestens in neuem Kvelertak-Merchandise gekleidet, die während der Vorband Sibiir erstmal zwei Jack Daniels/Cola mit Strohhalm bestellen. Ich habe vor Jahren mal in einer Metalkneipe im Ruhrpott eine Cocktailkarte gesehen auf der „Jacky/Cola“ als erstes Getränk aufgeführt war. Das finde ich noch heute sehr witzig. Sibiir wiederum sind nicht ganz so süß wie Jacky/Cola und auch nicht übermäßig lustig. Grobe Ecke: wie Kvelertak, nur mit etwas mehr Metal und Blackmetal. Kann man sich auch mal absichtlich anhören.

KVELERTAK, SIBIIR, 21.06.2017, Universum, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Als Kvelertak fertig sind, werden sie völlig zurecht minutenlang gefeiert. Kvelertak-Gitarrist Maciek Ofstad macht derweil etwas in StandUp-Comedy und sagt, dass dies der beeestee Abend der Tour gewesen sei. Alle so: „Yeaaahh!“. Also, hoffentlich war das Comedy. Wenn nicht: Goldmedaille für den plattesten Anmachspruch seit „Hey, lass uns auf meinem Bett sitzen und über Literatur reden.“ Womit er aber zweifellos recht hat: ein rundum bockstarker Abend.

Ein etwas – sagen wir mal – dicker Gast ist noch immer derart aus dem Häuschen – er hängt kopfüber und im Übermut an einem der Rohre über dem Publikum. Das Ding wackelt beängstigend. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Denn das Grundprinzip von Rohren ist, dass sich darin meist Dinge befinden, die wahrscheinlich in Rohren bleiben sollten.

Sibiir

Kvelertak

2 Gedanken zu „KVELERTAK, SIBIIR, 21.06.2017, Universum, Stuttgart

  • 23. Juni 2017 um 19:31
    Permalink

    War der „Dicke“, der am Ende des Konzerts an einer Röhre unter der Decke hing, nicht der Gittarist Bjarte Lund Rolland, der davor noch ganz rechts auf der Bühne stand?

  • 24. Juni 2017 um 13:42
    Permalink

    Ehrlich gesagt, konnte ich das anhand der lediglich sichtbaren Arschritze nicht einwandfrei identifizieren.

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