FEHLFARBEN, 21.05.2017, Theaterhaus, Stuttgart

FEHLFARBEN, 21.05.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Kann ich mich vor einem Konzert fürchten? Oh ja. Zum Beispiel dann, wenn sich Fehlfarben, die unangefochtenen Helden meiner Jugend anschicken, ihre (und meine) wichtigste Platte in Gänze zu spielen: „Monarchie und Alltag“. Die Platte, die wie keine andere die Wut und den hormonellen Ausnahmezustand des Adoleszenten mit dem Zeitgeist und der Endzeitstimmung der frühen Achtziger kombiniert. Wie geschaffen als Soundtrack für das Erwachsenwerden. Eine Platte voller Erinnerungen und Emotionen. Seit 36 Jahren steht sie in meinem Plattenschrank, immer und immer habe ich sie gehört. Jeden Song kenne ich komplett auswendig, beim Ausklingen eines Songs habe ich schon die Akkorde des nächsten im Ohr. Die Befürchtung, dass dieser wichtige Part im „Soundtrack meines Lebens“ mit einem verkorksten – oder noch schlimmer: mittelmäßigem – Konzert kaputt gemacht werden könnte, lässt mich das Theaterhaus mit weichen Knien betreten.

FEHLFARBEN, 21.05.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Und meine schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen: Der große Saal T1 ist theatermäßig bestuhlt. Und zudem sehr dünn besetzt. Der größte Teil der Anwesenden aus der Generation der Babyboomer, die meisten vermutlich mit ähnlich hohen Erwartungen im Gepäck. Zum Warmup läuft ein Video mit altem Fehlfarben-Filmmaterial, dazu dezente Musik von Blondie. Ein kleiner Hinweis darauf, das man sich des musealen Zwangs mit Ironie und Überspitzung entledigen möchte?

So beginnt der Abend ohne viele Schnörkel mit den Riffs zu „Hier und Jetzt“. Und sofort ertappe ich mich dabei, wie ich jede noch so kleine Abweichung vom Original als störend empfinde. Rein instrumentell ist das sogar relativ wenig. Die Band spielt sehr nah am Original, und vor allem: sie ist wirklich gut. Die Rhythmus-Sektion um Saskia von Klitzing ist ebenso präzis wie treibend. Die Gitarre genauso scharf und schneidend wie gewünscht. Und so ist es auch kein Wunder, dass das Publikum schon nach zwei Titeln die Sitzordnung aufhebt und sich – zu Heins Freude – vor der Bühne versammelt.

FEHLFARBEN, 21.05.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Nur mit Peter Heins Gesang hadere ich vom ersten Moment an. In seinem Musikerleben hat er offensichtlich irgendwann das Singen gelernt. Seine Intonation ist vielfältig und kraftvoll, stimmlich hat er im Alter gewonnen und auch mit dem Timing spielt er virtuos. Da wird bewusst verzögert und rhythmisch variiert. Alles ganz toll, aber leider unpassend für die Songs, aus denen so viel Zorn und Verzweiflung herausschreit. Wenn sich Hein kunstvoll durch „Das sind Geschichten“ croont, klingt das eher larmoyant als genervt und desillusioniert.

Später wird Hein, der die Platte zweimal am Abend (ohne erkennbare Ironie) als „Meisterwerk“ bezeichnet, klarstellen, dass sie Künstler seien und deshalb das Recht auf Interpretation hätten. Damit hat er natürlich Recht. Es zeigt aber auch gleichzeitig das Dilemma eines solchen Abends: Einerseits erwartet das Publikum Werktreue, andererseits will man das Opus Magnum nicht in musealer Erstarrtheit präsentieren.

FEHLFARBEN, 21.05.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Dass dies trotzdem irgendwie funktioniert liegt nicht nur an der unbestrittenen Qualität der Band, dem perfekten Setup von Sound und Licht, sondern auch an einigen herausragenden Titeln. Zum einen Gabi Delgados „Militürk“, das tatsächlich mit einem türkischen Blasinstrument eröffnet wird und dann auf einem fetten Fundament von Synthie- und E-Bass und Cowbell-Geklapper enorm vorantreibt. Und natürlich – am Ende des Sets – „Paul ist tot“. Nach „Militürk“ sind wir allerdings erst am Ende der A-Seite angelangt. Die zweite Hälfte startet furios mit „Apokalypse“, bettet völlig unspektakulär den ungeliebten Ober-Hit „Ein Jahr (Es geht voran)“ ein, um dann mit „Angst“, „Das war vor Jahren“ und „Paul ist tot“ drei der besten Titel, die je auf einem deutschen Album erschienen, zu einen großartigen Finale zu vereinen.

FEHLFARBEN, 21.05.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Der Rest des Abends bringt aktuellere Titel aus dem Œuvre von Fehlfarben, darunter natürlich Hits wie „Platz da“ und „Club der schönen Mütter“, letztlich aber nichts, was auch annähernd an die Titel von „Monarchie und Alltag“ heranreichen kann. Störend empfinde ich das als besonders wichtig angekündigte „Rhein in Flammen“, das Hein allein mit seinem Gitarristen in einer seltsam rheinischen Wurstigkeit interpretiert.

Ein Fazit? „Monarchie und Alltag“ ist und bleibt tatsächlich ein Meisterwerk. Glücklicherweise ein unverwüstliches. Es hat ganze Generationen von Bands beflügelt und damit viel geleistet, was über das eigentliche Album hinausgeht. Aktuelle Bands wie Messer, Trümmer, Love A, aber auch die Nerven und Karies sind ohne Fehlfarben kaum denkbar. Auch die unübersehbaren Parallelen des aktuellen Zeitgeists zu dem der Achtziger machen solche Bands notwendig. Deshalb können wir das Album auch bedenkenlos dorthin zurückstellen, wo es sich vor dieser Tour schon befand: in den Schrein mit den besten Alben der Vergangenheit. Holen wir es hin und wieder heraus, stauben es ab und freuen uns an seiner zeitlosen Brillanz. Sonst aber beschäftigen wir uns lieber mit der Gegenwart: Wir sehen uns am kommenden Donnerstag bei Karies im Goldmark’s.

FEHLFARBEN, 21.05.2017, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

2 Gedanken zu „FEHLFARBEN, 21.05.2017, Theaterhaus, Stuttgart

  • 22. Mai 2017 um 09:06
    Permalink

    Scheiße, nein. Wir sehen uns leider nicht bei Karies.

  • 22. Mai 2017 um 12:19
    Permalink

    Schöner Bericht und Bilder! Ehrlich und fundiert, wenn das wohl auch kein leichter Abend war, wäre gerne dabei gewesen.

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