SOFT GRID, MARTHA ROSE, 08.04.2017, Komma Esslingen

SOFT GRID, 08.04.2017, Komma Esslingen

Foto: Steve Sonntag

Wie kombiniert man als Veranstalter eigentlich Haupt- und Vorband? Beide aus dem gleichen Genre kann jeder. Wie es gar nicht geht, lest ihr hier. Mit musikalischem Feingeschmack und aufgeschlossenem Publikum geht aber einiges. Und so platziert das Komma heute Abend Martha Rose mit ihrem sommerlichen Folk und Indiepop vor das experimentelle Post-Krautrock-Elektronik-Noise-Wunder Soft Grid. Und – welch Überraschung – das funktioniert ganz hervorragend.

MARTHA ROSE, 08.04.2017, Komma Esslingen

Foto: Steve Sonntag

Günther Grass war es, der die Engländerin Martha Rose nach Berlin gelockt hat. Genau genommen sein Roman „Die Blechtrommel“, der für sie der Impuls für ein Germanistikstudium war. Wer nun Verkopftes befürchtet, der kann beruhigt werden. Martha eröffnet mit Sologitarre und einem einfachen, alten englischen Folksong. Ein ruhiger Auftakt zu einem Gig, der mit zunehmender Dauer immer intensiver wird. Mit zwei Gitarristen – einer davon spielt eine seltene Bariton-Gitarre – und Kevin „hat-viel-zu-tun“ Kuhn am Schlagzeug bringt sie auch eine fein zusammenspielende Band mit, die ihren eleganten Indiepop wunderbar präzis rüberbringt. Sie selbst greift hin und wieder zu den Keyboards. Nicht nur ihre Stimme, auch das Kunstvolle an ihren Songs erinnert mich spontan an Kate Bush (Was von Madame P. übrigens mit Entsetzen quittiert wird. Hatte sie doch eher Joanna Newsom als Referenz herangezogen)

MARTHA ROSE, 08.04.2017, Komma Esslingen

Foto: Steve Sonntag

Wenn die beiden Bands heute Abend etwas gemeinsam haben, dann sind es starke Frontfrauen. Musikalisch könnte der Kontrast aber kaum härter ausfallen. Haben wir uns eben noch am wunderbar melodischen Pop von Martha Rose erfreut (übrigens soundtechnisch perfekt präsentiert), startet das Trio Soft Grid mit einer umwerfenden Kakophonie, die in einen musikalischen Wunderreigen mündet, wie ich noch keinen gehört habe. Die beiden Multi-Instrumentalistinnen Theresa Stroetges (Golden Diskó Ship) und Jana Sotzko (The Dropout Patrol) veranstalten zusammen mit ihrem Schlagzeuger und Produzenten Sam Slater in der nächsten Stunde ein Spektakel, dass uns der Mund offen stehen bleibt. Jeder Versuch, das Gehörte einzuordnen, scheitert. Permanent prasseln neue musikalische Ideen auf uns ein.

SOFT GRID, 08.04.2017, Komma Esslingen

Foto: Steve Sonntag

Songstrukturen? Vergiss es! Pagan-folkiger Harmoniegesang, monströser Postrock-Lärm, elektronische Minimal-Musik-Patterns Reich’scher Machart und cooler Sprechgesang à la Laurie Anderson passen nicht zusammen? Von wegen! Der harte Kontrast, die überraschende Wendung ist das zentrale Thema in Soft Grids musikalischem Kosmos. Und so kann man auch kaum von einer Reihung von Titeln sprechen, der Abend gleicht schon eher einer Symphonie mit verschiedenen Sätzen. Natürlich werden „Herzog on a Bus“ und „Corolla“ vom gleichnamigen Album gespielt. Großartige Titel, die – jeder für sich – einen tollen Soundtrack für einen Experimentalfilm abgeben würden, aber mitnichten den Rest turmhoch überragen. Im Gegenteil: Der Gig bietet durchgängig die monumentale Qualität der beiden „Hits“.

SOFT GRID, 08.04.2017, Komma Esslingen

Foto: Steve Sonntag

Dass die beiden Musikerinnen nicht nur permanent die Positionen und Instrumente wechseln, sondern auch eine beindruckende Sammlung elektronischer Geräte vor sich versammelt haben, aus denen sie scheinbar zufällig das ein oder andere betätigen, erweckt spontan den Eindruck von Improvisation. Es ist aber das Ergebnis intensiver Planung und akribischen Mitzählens, wie uns Jana und Theresa nach dem Gig verraten. Auch eine Bratsche, ein Glockenspiel und ein zum Sprachverzerrer umfunktioniertes iPad integrieren sich nahtlos.

SOFT GRID, 08.04.2017, Komma Esslingen

Foto: Steve Sonntag

Und ich erkenne ein Muster… Die letzte Band, die mich genauso geflasht hat wie Soft Grid, waren die isländischen Math-Progrocker Agent Fresco. Auch dort unorthodoxe Songstrukturen, ultra-vertrackte Rhythmen, harte Brüche und ein musikalischer Tritt in den Arsch. Wahrscheinlich ist es genau das, was ich und andere Konzert-Junkies brauchen (ich sehe jedenfalls glückliche Gesichter um mich herum): Musik für Herz, Bauch und Hirn. Voller Überraschungen und Wucht. Eben so wie die von Soft Grid. Danke.

SOFT GRID, 08.04.2017, Komma Esslingen

Foto: Steve Sonntag

Soft Grid

Martha Rose

Ein Gedanke zu „SOFT GRID, MARTHA ROSE, 08.04.2017, Komma Esslingen

  • 10. April 2017 um 21:07
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    Sehr schöner Text! Und Kate Bush finde ich auch gut und ist sicher auch ein treffender Vergleich. Das Entsetzen war glaube ich eher, weil ich kurz dachte, Dir hat der Auftritt nicht gefallen. Kate Bush finden ja auch manche ganz schlimm, weiß man also nie, ob das dann als Lob gemeint ist.

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