BILDERBUCH, 02.04.2017, Wizemann, Stuttgart

Bilderbuch

Foto: Özlem Yavuz

Bilderbuch ist die einzige Band (…), die mit Beethoven konkurrieren kann, weil – das kann man über Beethoven und Bilderbuch sagen – das Typen sind, die sich nix scheißen.

Im Wizemann, seit Wochen ausverkauft. Zwei Eingänge: Links geht es zum Jesustreff, der Gottesdienst läuft schon. Rechts geht es zu Bilderbuch, die Offenbarung wird angerichtet.

Mavi Phoenix

Foto: Özlem Yavuz

Vorpredigerin Mavi Phoenix, die 22jährige Linzerin mit syrischen Wurzeln, rapt sich mit ihrem Computerfachmann durch ihren Elektrohiphop. Das klingt immer dann schön, wenn Klaviersamples ihre schneidende Stimme umschmeicheln, ansonsten klingt es eher hart. Sie singt und spricht in feinstem Englisch. Das hört sich gut an, aber ich verstehe es nicht. Liegt aber an mir. Die aktuelle EP heisst Young Prophet.

Um Punkt 21 Uhr richtet mit „Ich komm‘ zu spät zu meiner Thaimassage“ Master of Ceremony Maurice Ernst von Bilderbuch die ersten gesungenen Worte an die Feiergemeinde. Die Messe beginnt mit dem langsamen Rock-RnB-Song „I <3 Stress“. Prince hätte seine Freude daran, an der jaulenden E-Gitarre und an dem wunderbar irritierenden Zwischenspiel (hör-sehe hier ab Minute 2:30).

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… heisst es in „sneakers4free“. Dabei fällt der schwarze Backdrop und gibt den Blick frei auf einen Vorhang aus weißen Sneakers. Damit wäre der Fetisch für heute Abend definiert. Sieht ziemlich cool aus. Und lässt sich wunderbar in allen neonfarben beleuchten, die weißen Turntreter. Überhaupt versucht das Lichtspiel so manchen Ersten Tag herauszufordern – es lässt Bilderbuch in allen Farben und Formen strahlen, brillant gestaltet.

Maurice und seine Messdiener Michael Krammer (Gitarre), Peter Horazdovsky (Bass) und Philipp Scheibl (Schlagzeug) haben tatsächlich zwei Vollblut-Sängerinnen Marke Weather Girls auf der Bühne. Und tatsächlich ruft Maurice „Stuttgart, gib mir Deinen Gospel“, während er zusammen mit den kirchenchorerfahrenen Damen die Schuhe besingt. Aber der Priester weiß, wie man seinem Gott noch näherkommt: im Vocoder-Duett mit der E-Gitarre.

Bilderbuch

Foto: Özlem Yavuz

Jetzt mal ohne religiöses Brimborium: Ich kann mich an keine so abgefahrene Konzerteröffnung erinnern. Bilderbuch zeigen hier Nonchalance, Style und Coolness, die seines gleichen am deutschsprachigen Pophimmel sucht. Das würde man allenfalls Falco zutrauen, weil man dem ja alles zutrauen kann – keiner von uns hat ja seine sicherlich phänomenalen Konzerte in den 1980ern erlebt.

Dazu gehört, dass Bilderbuch – sagen wir mal – sehr kreativ mit Sprache umgeht. Wie im Gospel/Soul/RnB/Funk auch, kann der Text zum musikalischen Spielball werden, seine Bedeutung tritt in den Hintergrund. Und so kann man auch folgendes mit voller Inbrunst mit seinem Publikum intonieren:

Coca Cola, Fanta, Sprite,
7up, Pepsi, alright,
Alright, alright, alright, alright
OK!

Man kann das auch zurecht als komplett gaga bezeichnen. Oder dada, und schon ist es Kunst. Aber wer in der Gemeinde hinterfragt schon das, was im Gesangsbuch steht? Der Gläubige folgt, weil die Form stimmt. Konsequenterweise heißt der Song „Soft Drink“.

In „Schick Schock“ lässt Maurice seinen Hintern anhimmeln („Sag es laut: Du bist hinter meinem Hintern her!“). Ein lustig-seltsames Erlebnis, wenn die ganze Halle ohne musikalische Begleitung dieses Gebet aufsagt in der Verheissung, dass gleich der Track losknallt. In „Gigolo“ heisst es „Oh, Jesus Fiskus, hab Geduld, befreie mich von meiner Schuld!“ Aber der Reverent Maurice hat auch Verstörendes parat wie in „Babylon“, der Vorbeter spricht in Rätseln, aber das macht ihn um so spannender:

Mohammed sagt „Come drink!“ und ich drinke Drink
Mohammed sagt „Let’s dance!“ und ich mach den Dance

Christus sagt „Relax!“ und ich bin entspannt
Christus sagt, ich brauch mehr Friends

Im Mittelteil der Feierlichkeiten spielen BibelBilderbuch ihre älteren Songs, die teilweise sehr rocklastig sind. Krammer spielt die E-Gitarre wie einer, der keine Angst hat vor Pathos – mit großem Heulen, Kreischen und allem, was das Instrument hergibt. Und er spielt mit der Gitarre wie einer, der keine Angst vor Pathos hat – mit großen Gesten, im Gegenlicht, dem Gitarrengott näherkommend. Meines Erachtens ist der Bilderbuch-Blackmusic-Sound (wenn man das so bezeichnen kann) vom neuen Album „Magic Life“ und vom Vorgänger „Schick Schock“ ein ganzes Stück interessanter und ungewöhnlicher als ihr Indierocksound, aber sei´s drum, das ist Geschmackssache.

Bilderbuch

Foto: Özlem Yavuz

Gibt es etwas offensichtlich Österreichisches an Bilderbuch? Nein, kein Österreichdeutsch, keine alpinophile Texte, kaum Klangfarbe. Aber doch, da gibt es etwas. Mit den derzeit angesagten Schauspielern (Ofczarek, Palfrader), Filmemachern (Schalko, Seidl) und Autoren (Glavinic, Menasse) aus unserem Nachbarland haben Bilderbuch eines gemeinsam: Sie sind eigenwillig, unangepasst, sehr selbstbewusst, entwickeln ihren eigenen Stil, muten dem Publikum was zu und sind gerade deshalb so gut. Sie richten sich nicht nach dem Angesagten, sie sagen selbst an und – das ist das wichtigste – halten ihr Versprechen. So geht Pop 2017.

Oder wie Josef Hader über Bilderbuch im Zusammenhang mit seinem gerade angelaufenen Film „Wilde Maus“ sagt:

Bilderbuch ist die einzige Band (im Film), die mit Beethoven konkurrieren kann, weil – das kann man über Beethoven und Bilderbuch sagen – das Typen sind, die sich nix scheißen.

Bilderbuch

Foto: Özlem Yavuz

Die Liederliste:
I <3 Stress
sneakers4free
OM
Erzähl deinen Mädels ich bin wieder in der Stadt
Gigolo
Plansch
Spliff
Sprit N‘ Soda
Investment 7
Babylon
Softdrink
Superfunkypartytime
Schick Schock
Baba
Maschin
Baba 2
Bungalow
sneakers4free Outro
Barry Manilow
Willkommen im Dschungel
Sweetlove

Bilderbuch

Mavi Phoenix

Ein Gedanke zu „BILDERBUCH, 02.04.2017, Wizemann, Stuttgart

  • 5. April 2017 um 09:55
    Permalink

    Da gibt es Nichts hinzuzufügen. Klasse! Und dass auch Dir das geniale Lichtdesign aufgefallen ist, hatte ich mir ja heimlich gewünscht :)

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