WOLFGANG AMBROS, 28.03.2017, Theaterhaus Stuttgart

WOLFGANG AMBROS, 28.03.2017, Theaterhaus Stuttgart

Foto: Steve Sonntag

Ein kleiner, gebrechlicher, alter Mann betritt die Bühne. Ein verhaltener Jubel, eher ein ehrfürchtiges Raunen regt sich. 400 ältere, überwiegend Graumelierte haben sich in der Halle 2 des Theaterhaus Stuttgart eingefunden. Es ist bestuhlt. Es ist ausverkauft.

Links der Keyborder Günter Dzikowski, rechts Roland Vogl, der ein halbes Dutzend Saiteninstrumente mitbringt, in der Mitte auf einem Barhocker mit Gitarre oder Mundharmonika: Wolfgang Ambros. Lebende Kulturgutlegende und Identifikationsmerkmal der Alpenrepublik. 27 Studioalben, 11 Live, 6 Gold, 1 Platin. Watzmann, Zentralfriedhof, Austria 3, Schifoan, Zwickt´s mi. Warum tourt der noch?

Fria woa domois, heit is heit, alles nur a Frage der Zeit.

Der erste Song gibt das Programm des Abend vor. Und um gleich anzusagen, dass er trotz seiner Gebrechlichkeit noch Kraft und Willens ist, schiebt er den Watzmann-Song „Abwärts und bergauf“ gleich hinterher:

Der Weg zu Dir selber hört nie auf, hinter Dir geht’s abwärts, und vor Dir steil bergauf.

WOLFGANG AMBROS, 28.03.2017, Theaterhaus Stuttgart

Foto: Steve Sonntag

Ambros pur! Vol. V heisst die Tour. Der 65-Jährige, dessen Musikerjahre doppelt gezählt werden müssen und damit eine Erklärung für seine Verfassung liefern, spielt sich durch die Lieder seines Lebens. In diesen reflektiert er, wie er vor jedem Song mit rauer, knarzender Stimme ausführt, seine jeweilige Lebenssituation: Liebe, Trennung, Freundschaft, Selbstzweifel. Dass sich darin jeder wiederfinden kann wie in so manchem Kalenderspruch, kann man ihm vielleicht vorwerfen. Aber er trägt seine vermeintlich einfach getexteten Lebensweisheiten in einer selbstverständlichen Authentizität vor, die mir – ich bekenne – gelegentlich eine Gänsehaut bescheren. Dazu muss allerdings die Musik passen. Viele Songs kann man als einfache Rockkompositionen bezeichnen. Das ist mir in der Regel etwas zu langweilig, aber manchmal brechen Ambros‘ Arrangements aus, befreien sich vom vorhersehbaren Aufbau, überraschen mit gefühlvollen Melodien, wie z. B. bei „Wos is, wann nix is?“

Aber wos is, wann nix is, wann nix is, wos is dann?

WOLFGANG AMBROS, 28.03.2017, Theaterhaus Stuttgart

Foto: Steve Sonntag

Hip ist das alles nicht. Hip ist – wenn wir uns im österreichischen Jetzt umschauen wollen – z. B. Bilderbuch oder Voodoo Jürgens. Zumindest Bilderbuch zieht derzeit auch ein breites junges deutsches Publikum: Das Konzert am kommenden Sonntag im Wizemann ist ausverkauft. Allerdings kommen die auch ohne Dialekt und in einem sehr frischen, hochproduziertem Soundgewand daher. Voodoo Jürgens geht den umgekehrten Weg. Zu belauschen war das im Januar im Merlin. Einfacher Klang und dermaßen viel Wiener Schmäh, da hat man es als Swabian Native Speaker schwer mit dem Verstehen. Bei unseren Nachbarn hat er damit ein ganzes Nervenbündel getroffen. Aber Voodoo ist mehr ein Geschichtenerzähler und unterhält damit (ungemein gut), Ambros erzählt von sich und schafft es, damit seine Zuhörer unmittelbar anzusprechen. Und hip waren seine gaudihaften Songs („Zwickt´s mi“) schon auch mal und haben bis heute zumindest nichts an Spaß und Kraft eingebüßt.

Du bist zwar irrsinnig guat, doch du kannst viel besser sein.

Und wie präsentiert nun also Wolfgang Ambros seinen nach wie vor bekanntesten und beliebtesten Song, der mit seinem jetzigen Leben so gar nichts mehr zu tun hat?

Am Ende der Zugabenrunde fordert er das Publikum auf, sich zu erheben und spielt „Schifoan“ an. Selig stimmen sofort alle ein, nur einer singt nicht mit: Ambros selbst. Er lächelt nur und bleibt sitzen. Und damit beschert er uns zum Abschluss ein beglückendes Chorerlebnis ohne selbst den jugendhaften Schifahr-Verrückten zu geben. Er macht uns zu eben diesen.

Beim abschließenden Verbeugen stützt Ambros sich auf seine Kollegen. Auf den Schibrettern kann er nicht mehr stehen, auf den Bühnenbrettern braucht er Hilfe. Aber der Mann hat Sitzfleisch. Am 5. Oktober spielt er (sitzend) bereits wieder im Theaterhaus. Leiwand!

WOLFGANG AMBROS, 28.03.2017, Theaterhaus Stuttgart

Foto: Steve Sonntag

Und hier die Setlist:

Frage der Zeit
Abwärts und bergauf
Geplante Zukunft
Die Sunn geht boid auf
A klanes Resümee
Du bist wia de Wintasun
Die Freundschaft
Mein zweites ich
Weiße Pferde (Georg Danzer cover)
Gut und schön
Corrine, Corrina (Bo Carter cover)
Tendenz zur Demenz
Geburtstag
Zwickt’s mi
Langsam woch’s ma z’amm
Samma wieda guat
De Kinettn wo i schlof
Wos is, wann nix is?
Gezeichnet fürs Leben
A Mensch möcht i bleibn
Die Blume aus dem Gemeindebau
Es lebe der Zentralfriedhof
Schifoan

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