DEAR READER, 26.03.2017, Merlin, Stuttgart

DEAR READER, 26.03.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Es ist offensichtlich kein Geheimnis mehr: Cherilyn MacNeil, die in Berlin lebende Südafrikanerin, ist mit ihrer Band Dear Reader ein Garant für allerfeinste, raffinierte Popmusik. Also kein Risiko für das Merlin, sie für einen der ungeliebten Sonntagabende zu buchen, zumal das aktuelle Album „Day Fever“ auf dem Programm steht. Denn dieses hat allerorten ausgezeichnete Kritiken eingefahren. Der Saal ist bereits um acht bestens gefüllt. Die übliche Stuttgarter Konzert-Mischpoke scheint daheim vor dem Tatort zu sitzen, um uns herum nur fremde Gesichter.

DEAR READER, 26.03.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Eine kleine Enttäuschung müssen wir verkraften: Die ursprünglich mal als Support angekündigte Josin hätten wir gerne gesehen, aber irgendwie ist sie im Laufe der Tour verloren gegangen. Sei’s drum, dann wird es schon nicht so spät am Abend vor dem Wochenstart. Von Dear Reader als Band zu reden, trifft die Sache übrigens nicht wirklich. Dreimal haben wir Cherilyn MacNeil jetzt gesehen, jedes mal mit einer Album-Präsentation und jeweils mit einer komplett anderen Band. Hatte sie 2012 zu „Idealistic Animals“ im Speakeasy noch Bläser und Streicher dabei, war es 2014 zu ihrem Südafrika-Album „Rivonia“ eine kleinere Besetzung mit Akkordeon und männlichem Gesangs-Konterpart. Diesmal bringt sie drei Mitmusikerinnen mit, die wir in keiner der anderen Besetzungen gesehen haben. Interessantes Detail: war Cherylin bisher immer mittig auf der Bühne postiert, hat sie jetzt einen Platz am Bühnenrand eingenommen, gerade so, als wollte sie ihre Band in den Mittelpunkt stellen.

DEAR READER, 26.03.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Und dies zu recht: Die Amerikanerin Evelyn Saylor an Keyboards und Gesang, die Russin Olga Nosova an den Drums und die italienische Cellistin Stella Veloce sind jeweils Meisterinnen ihres Faches. Zudem harmonieren die vier im vierstimmigen Gesang derart perfekt, dass man sich gar keine andere Besetzung mehr vorstellen mag. Erwähnenswert: Noch nie hat das Merlin so gut geklungen wie heute Abend. Maximal transparenter und räumlicher Sound. Die perfekte Lautstärke und vor allem: Ein Publikum, das die Klappe hält! Wie schön ist das.

Auch wenn sie augenscheinlich ein Talent hat, die richtigen Musiker um sich zu versammeln, letztlich ist MacNeil die zentrale Figur des Abends. Ihre markante – gern als „glockenhell“ beschriebene – Stimme ist das Markenzeichen von Dear Reader. Vermutlich würden sie noch nach Dear Reader klingen, wenn die Band aus schwedischen Death-Metal-Hünen rekrutiert wäre. Zudem hat sie viel Charme, Humor und angenehm spontan wirkende Entertainer-Qualitäten.

Der neue Sound, der stärker von elektronischen Geräten bestimmt wird (auch das Cello wird durch entsprechende Effektgeräte verfremdet), funktioniert live wunderbar. Die Reduktion tut den Titeln gut, stellt Cherilyns Stimme noch mehr in den Vordergrund. Auch wenn hier und da Gitarre oder Mandoline zum Einsatz kommen, letztlich sind es die Vokalklänge, die – mit Loop-Maschinen multipliziert und durch den Frauenchor verstärkt – den besonderen Reiz eines Dear-Reader-Konzerts ausmachen. Auch optisch könnte ich mir übrigens eine weitere Reduktion gut vorstellen: Die bunte Stofffetzen-Verkleidung ist nach meinem Geschmack entbehrlich.

DEAR READER, 26.03.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Erwartungsgemäß wird das Programm größtenteils vom neuen Album bestritten, die Hits „Down Under, Mining“ und „Great White Bear“ dürfen aber auch nicht fehlen. Und als sich Cherylin in der Zugabe mit einer Akustik-Version von „Dancing in the Dark“ vor dem großen Meister verneigt, wird dies vom Publikum durch dezentes, aber inbrünstiges Mitsingen honoriert. Ein schöner Schlusspunkt unter ein Konzert, das so wunderbar zu diesem ersten Frühlingstag passt.

(Wir freuen uns jedenfalls drauf, Dear Reader bald zum fünften Mal zu sehen. Und zwar im Juni auf dem Maifeld Derby. Und dort spielt dann auch Josin.)

DEAR READER, 26.03.2017, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

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