GANKINO CIRCUS, 17.03.2017, Rosenau, Stuttgart

Gankino Circus

Aus Dietenhofen kommen Playmobil und die Band Gankino Circus. Meine Playmobil-Phase ist schon seit Längerem ziemlich vorbei. Meine Zuneigung zu Gankino Circus hingegen ist noch ein zartes kleines Pflänzchen, das ich bestimmt noch ein Weilchen hegen, pflegen und gießen werde. Wenn die vier Herrn aus dem westmittelfränkischen Dorf es in die Rosenau im Stuttgarter Teildorf „Westen“ schaffen, dann muss ich also hin. Patrick kommt mit und macht Fotos, denn er vertraut meinem musikalischen Fachwissen und ich verspreche ihm außerdem noch einen strippenden Schlagzeuger, das zieht.

Gankino Circus machen Volksmusik mit fränkischen Texten. Musikalisch sind sie nicht ausschließlich in Westmittelfranken beheimatet. Man hört deutlich Einflüsse von anderswo, Übersee, Schlager und Populärmusik. Freddy, Elvis, isländische Milchvieh­beruhigungslieder, Django Reinhardt und vieles mehr wird zu einer wirklich aufregenden und spannenden Bühnenshow zusammengeführt. Immer mehr werden wir Stuttgarter im Laufe des Abends über die vier Herren und Dietenhofen erfahren. Es gibt viel zu erzählen, schließlich gibt es die Kapelle ja schon in der fünften Generation. Die aktuelle Besetzung hat das Projekt von den Eltern übernommen, diese wiederum von ihren Altvorderen und so weiter. Die Truppe, die heute vor uns auftritt – so wird uns mit stolzgeschwellter Brust berichtet – ist natürlich um Klassen besser als ihre Vorgängerensembles, die hätte man bestimmt nicht aus Dietenhofen in die weite Welt geschickt.

Gankino Circus

Foto: Patrick Grossien

Vier völlig verschiedene Charaktere haben sich für Gankino Circus zusammengefunden. Ralf Wieland gibt sich als Bandleader aus, wird aber immer wieder von seinen Mitmusikern entmachtet und hat offensichtlich arge Probleme, die Disziplin und/oder seine Autorität durchgehend aufrechtzuerhalten. Ein wirklich begnadeter Gitarrespieler bleibt er den ganzen Abend. Arztsohn Simon Schorndammer ist das modische Aushängeschild der Truppe, spielt die Klarinetten, Saxophon, Traumatherapietriangel und singt (auf Fränkisch natürlich). Wenn Maximilian Eder seine 70 Rindviecher daheim im Stall auf Tour gehen lassen, zieht er die Ausgehkordhose an, kämmt sich den Ziegenbart und hat fast immer die Quetschkomode umgehängt. Mit seinem Marimbaspiel erzeugt er dazu noch den Philipp-Glass-Moment des Abends und ist darüber hinaus auch noch der weltweit unangefochtene Meister des fränkischen Rahmentrommelspiels. Bäckerssohn Johannes Sens kann zwar keinen Brezelknoten binden und ist nach Behauptung der anderen Bandkollegen für einen Dietenhöfener nur ein durchschnittlicher Schlagzeuger, verfügt aber über Rampensauqualitäten, die Zlatan Ibrahimovic vor Neid erblassen lassen.

Gankino Circus

Foto: Patrick Grossien

So wie dieser Mann hat meines Wissens noch nie einer sein Schlagzeug verdroschen! Was der Mann mit seinem Minimalset aufführt, stellt alles in den Schatten, was ich und das restliche Publikum jemals gehört oder gesehen haben! Die Band gestattet ihm, sein selbstverfasstes Musikstück „Für Mamma“ zum Besten zu geben. Diesem Stück wird dadurch noch ein besonderes artistisches Showelement verpasst, dass er sich während der Darbietung seiner Kleidung wild durchtrommelnd zuerst nahezu gänzlich entledigt und danach immer noch schlagzeugend den Dress des Fußballvereins TV Dietenhofen 09 anzieht.

Das alles klingt nach einem Bombenabend voller anarchistischem Bühnenquatsch, Musikkabarettklamauk und Dorfdeppenaction. Doch Gankino Circus sind mehr. Dass die hervorragenden Musiker nicht nur begnadete Entertainer sind, wird selbst dem lautesten Schenkelklopfer im Publikum (vielleicht) bei ihrer letzten Nummer klar. Ganz unverstärkt und akustisch setzen sie sich an den Bühnenrand und singen eine fröhliche fränkische Wirtshausweise über Katzen, die Kanarienvögel töten und andere seltsame Begebenheiten, grad so wie es seit Jahrhunderten daheim im Gasthaus „Goldene Gans“ im Schankraum zum Besten gegeben wird und hoffentlich dort immer noch laut gesungen wird, wenn wir alle die Radieschen von unten anschauen. Gankino Circus sollten andere anregen, es ihnen gleichzutun, die lokalen und regionalen Volksmusiken zu erforschen und zu aktualisieren. Es gäbe so vieles zu entdecken. Bob Dylan hat soeben genau für solche Forschungsarbeit den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommen!

Bald kann man sie übrigens wieder bei uns der Gegend hören, mit dem Programm „Franconian Boogaloo“ werden sie am 30. April auf dem Maibaumfest in Bad Cannstatt, den Dorfanger zum Tanzen und Ausflippen bringen. Geht hin!

Gankino Circus

Foto: Patrick Grossien

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