SHE PAST AWAY, 17.03.2017, ClubCann, Stuttgart

She Past Away

Foto: Steve Sonntag

Die Türkei ist für vieles bekannt, aber nicht gerade für eine blühende Dark-Wave- oder Gothic-Szene. Nichtsdestotrotz kommt eine der zur Zeit spannendsten Bands dieses Genre aus Bursa. Volkan Caner und Doruk Öztürkcan von She Past Away sehen sich dabei allerdings nicht als die großen Erneuerer, die irgendwas neu erfinden wollen. Vielmehr wollen sie die Musik der späten 1970er und frühen 1980er Jahre, die ihnen offensichtlich viel bedeutet, lebendig halten und der aktuellen Generation näher bringen. Auch wenn die Band auf türkisch singt, was auf den ersten Blick das potentielle Publikum einschränken könnte. Doch hört man die Songs, ist es egal, ob man die Texte versteht. Das Gefühl kommt rüber, und das kann Caner laut eigener Aussage besser in seiner Muttersprache vermitteln.

Viele stehen noch im Foyer des ClubCann, als die Band um halb neun auf die Bühne kommt und mit ihrem Auftritt beginnt. Doch schnell merken alle, dass es schon los ging und so füllt sich der Saal während der ersten zwei Songs, aber ohne dass es auch nur ansatzweise drängelig wird. Und auch wenn das Publikum altersmäßig von Mitte Zwanzig bis in die frühen Fünfziger reicht, von einer „bunten Mischung“ an Leuten kann man heute nicht sprechen: „Fifty Shades of Black“ ist das modische Motto des Abends. Von „szenetypischen“ Accessoires wie Chockern bis zu klassisch-schlichten Band-T-Shirts (ganz unrepräsentativ gezählt hat hier Bauhaus vor The Cure gewonnen), Hauptsache unbunt.

She Past Away

Foto: Steve Sonntag

Der Bühnenaufbau ist entsprechend schlicht. Links, in einem spektakulär-hässlich gemusterten Hemd, steht Caner mit seiner Gitarre und singt. Rechts, vor Synthies, Keyboards und Pads, steht Öztürkcan, der ein bisschen aussieht wie eine Mischung aus Bernd Wand von Fraktus und Richmond aus The IT-Crowd (#ObskureNerdReferenz). Dahinter, davor und dazwischen jede Menge Nebel, das war’s. Mehr braucht es ja auch gar nicht, das ist das perfekte Setting für die Songs von She Past Away.

Atmosphärisch und dicht, wie der Nebel auf der Bühne, klingt das, was die beiden ihren Instrumenten, und ja, natürlich auch ihren Festplatten, an Klängen entlocken. Dass ein Duo heutzutage auf alle verfügbaren aktuellen elektronischen Hilfsmittel zurückgreift, um seinen Sound so gut wie möglich auf die Bühne zu bringen, zumal in so minimaler Besetzung, ist ja normal. Aber es stehen trotzdem zwei Leute hier, die einem ein Live-Erlebnis vermitteln. Das merkt man nicht nur während einer kleinen Panne an der Gitarre. Und so ist auch egal, ob die Drums aus dem Computer kommen. Die Beats treiben die Songs voran und die Leute gehen immer mehr mit. Einige im Publikum sind ja in einem Alter, um diesen Stil noch zu seinen Ursprungs- und Glanzzeiten erlebt zu sie haben. Und sie haben nichts verlernt: vom guten alten „2 Schritte vor, Knicks, 2 Schritte zurück“ bis zu Ian-Curtis-Stompern, es wird alles gegeben. Man hört ja auch die Vorbilder aus dieser Zeit raus. Bei Songs wie „Kasvetli Kutlama“ oder „Sanrı“ kommt z.B. die klangliche Nähe zu The Sisters Of Mercy deutlich durch, nicht nur weil die tief-grummelnde Stimme von Caner stark an Andrew Eldritch erinnert. Doch bei aller Nostalgie und bei allen Referenzen zu den großen Bands dieser Ära, dass hier klingt auch frisch und eigenständig.

She Past Away

Foto: Steve Sonntag

Caner und Öztürkcan ziehen beeindruckend unbeeindruckt ihr Ding auf der Bühne durch. „Danke“, „Thanks“ oder „Teşekkür“ war das einzige, was man zwischendrin mal zu hören bekam. Die einzelnen Songs scheinen sich vom Tempo her nicht so arg zu unterscheiden, aber das täuscht. Im Laufe der anderthalb Stunden steigerte es sich von manchmal eher elegisch-andächtigen Stellen zu Beginn hin zu EBM-Beats wie man sie von Bands wie z.B. DAF kennt (die She Past Away auch explizit als Vorbilder nennen).

Zum Ende wurde sich dann doch noch sehr herzlich bedankt, es sei „nice“, dass sie „back here“ sein durften. Und dass sie nun die letzten beiden Zugabe-Songs spielen werden, ohne vorher die Bühne zu verlassen, weil dieses Band-geht-von-der-Bühne-und-kommt-doch-gleich-wieder-Spielchen eh „Bullshit“ sei. Sehr sympathisch.

She Past Away

Foto: Steve Sonntag

2 Gedanken zu „SHE PAST AWAY, 17.03.2017, ClubCann, Stuttgart

  • 22. März 2017 um 07:55
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    Großartige Bilder, lieber Steve! Bitte zukünftig mehr davon. (Text natürlich auch dufte, lieber stegoe)

  • 22. März 2017 um 08:12
    Permalink

    Danke lieber Holger. Ich finde den Text auch klasse!

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